Zeitreise!

Alba auswärts in Italien und Drumherum

Engagiert, aber glücklos, Alba in Italien
Engagiert, aber glücklos, Alba in Italien

Am 21. Oktober 2015, 16:29 Uhr, kam Marty McFly im Film „Zurück in die Zukunft“ in der heutigen Gegenwart an. Für ihn eine Zeitreise 25 Jahre voraus in die Zukunft, aber Zeitreisen gehen natürlich auch in die andere Richtung, natürlich nur im übertragenen Sinne. Vieles beim Trip zum Auswärtsspiel von Alba Berlin in Reggio Emilia, home base Bologna, erinnerte auch an eine Zeitreise. Hier eine in die Vergangenheit.

Zeitreise I – Auswärtsfahrten-Tradition

Oft wird man gefragt, ob es nicht Irrsinn ist, für ein einziges Spiel im europäischen Ausland so viel Zeit und Geld aufzuwenden. Ja, das wäre es ohne Zweifel … wenn es die einzige Motivation wäre. Seit vielen, vielen Jahren, ja fast Jahrzehnten, hat es sich zu einer schönen Tradition entwickelt, mit immer etwas unterschiedlich zusammengesetztes Gruppen mindestens ein Mal im Jahr zu einem europäischen Auswärtsspiel von Alba Berlin zu fahren, meist tatsächlich zu fliegen, und das mit einem kurzen Urlaub zu verbinden. Die aktuelle „Reisegruppe“ setzte sich aus vier Personen aus vier verschiedenen Bundesländern zusammen. Alle mal aus Berlin und Umland, inzwischen durch Studium und Beruf über die Republik verstreut, grenzenlose Mobilität hat eben nicht nur Vorteile. In Berlin gelingt es nur ganz selten, mal zueinander zu finden, da musste eine gemeinsame Reise zu einem Alba-Spiel herhalten. Gemeinsam Zeit verbringen, in Erinnerungen schwelgen an die alten Zeiten, die ja bekanntlich immer die guten waren. Teile der Gruppe sind seit mehr als zehn Jahren immer mal wieder dabei.

Zeitreise II – historisches Bologna

 Gran Canaria … wäre schön gewesen, Badehosen-Wetter im Dezember! Hat aber zeitlich nicht gepasst und wäre finanziell auch ein ganz schön dickes Brett mit allein knapp 200 Euro nur für die Flüge gewesen. Also Bologna. Eine Stadt, die von Geschichte lebt und über eines der größten historischen Stadtzentren Europas verfügt. Bologna, eine Stadt, die wie kaum eine zweite über viele Jahrhunderte für fortschrittliches Denken stand und steht, als eine der ersten in Italien die Sklaverei abschaffte – nicht per Dekret, sondern indem man sie mit kommunalen Geldern freikaufte. Nicht zuletzt ist Bologna mit der ältesten Universität Europas eine Stadt der Wissenschaft. Unzählige Paläste und sonstige Bauwerke zeugen immer noch vom ehemaligen Reichtum der Stadt.

Bologna

Vor vielen Jahren hat sich mal die These entwickelt, dass eine Turmbesteigung am Spielort oder wenigstens in der Nähe davon ein gutes Omen für einen Sieg von Alba wäre. Diese Theorie liess sich nicht ganz halten, kehrte sich wohl sogar mal um und dann wieder zurück und da inzwischen niemand mehr sagen kann, ob es nun ein gutes oder schlechtes Omen ist, gehört die „Turmbesteigung“ nach wie vor zum „Standardprogramm“ von Auswärtsfahrten. So liessen wir es uns auch nicht nehmen, die 500 Stufen zum großen schiefen Turm von Bologna, den Torre Asinelli, herauf zu keuchen. Der Aufwand wird mit einem grandiosen Blick über Bologna belohnt, ist aber wohl doch kein so gutes Omen für Auswärtssiege von Alba Berlin. Zumindest führte die Turmbesteigung zu einem spontanen Treffen mit einer weiteren Gruppe von 10 Alba-Fans, von denen man einige auch seit Jahren immer mal wieder bei diesen Auswärtsfahrten trifft. Insgesamt haben sich über 20 Fans dieses Spiel als Ziel für eine Auswärtstour gesetzt.

In letzter Zeit ist Bologna auch durch die österreichische Band „Wanda“ und die gleichnamige Single aus dem Erfolgsalbum „Amore“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Ein Spaß, die Spots aus dem Video mal in echt zu sehen, wie z.B. Piazza Maggiore, der genannte Torre Asinelli oder auch den kleinen Laden „Ceccarelli“ für Käse, Pasta, Wurst u.a.m.

Zeitreise III – PalaBigi

Der Pala Bigi ist die Heimhalle des Basketballvereins von Reggio Emilia, Pallacanestro Reggiana, der auch unter dem Sponsorennamen Grissin Bon Reggio Emilia firmiert. Der offizielle Name der Ende der sechsziger Jahre gebauten Sportstätte lautet Palazzetto dello sport „Giulio Bigi“, aber den verwendet niemand und wer ihn verwendet ist sofort als „Kartoffel“ identifiziert. Der Pala Bigi ist eine Halle, wie es sie wohl kein zweites Mal auf der Welt gibt. Das beginnt schon beim Querschnitt. Der Pala Bigi soll ja ein sog. Hexenkessel sein, das kommt von der Stimmung schon hin, von der Form her nicht. Denn ein Kessel ist mehr oder weniger rund, der Pala Bigi hat den Querschnitt eines Dreiecks mit einer mächtig steilen Tribüne auf nur einer Seite und Tribünchen mit vielleicht 10 Reihen an den anderen drei Seiten. Siehe Bilder:

PalaBigi


De facto ist es eine „halbe“ Halle, die steile Tribüne wirkt wie nachträglich angebaut, um auf eine – immer noch überschaubare – Kapazität von 3.500 Zuschauern zu kommen. Dort kann sich aber durch Enge und Steilheit eine beeindruckende Stimmung entwickeln, wenn sie vollgepackt mit heißblütigen Italienern ist. Das Heimteam ist dort eine Macht, hat diese Saison zu Hause noch kein Spiel verloren, letzte Saison eines am zweiten Spieltag, aber eben auch das siebte Finalspiel gegen Sassari. Der Grund, warum Pallacanestro Reggiana überhaupt im Eurocup spielen muss. Gleich in mehrerer Hinsicht erinnert ein Besuch des Pala Bigi an eine Zeitreise. Sehr viel scheint man in den 50 Jahren seit der Errichtung nicht investiert zu haben, die Halle hat einen etwas antiquierten, aber durchaus sympathischen Charme. Für diese Halle hätte sich Marty McFly die Reise in die Zukunft getrost sparen können, die sah vor 25 Jahren sicher genauso aus. Vor allem aber bietet die Halle „Basketball pur“; keine Klatschpappen, keine Cheerleader, keine Spielchen, keine Musikbeschallung, überhaupt keine Animation – just Basketball! Aber auch – die andere Seite der Medaille – keinerlei Catering. Die Pausengestaltung bestand aus einem Spiel von Menschen mit Downsyndrom (Trisomie21), das sowohl den Spielern auf dem Feld als auch den Zuschauern auf den Tribünen unglaubliche Freude bereitete. Entweder die Stimmung kommt von den Fans oder eben nicht. Die müssen sich selbst „bespaßen“, ansonsten werden sie nicht bespaßt. Und das funktioniert. Wer vielleicht erst seit 5 Jahren zum Basketball geht, kennt wahrscheinlich nichts anderes, als ein durchgestyltes Basketball-Event und nimmt es für selbstverständlich hin, dass ihm in jeder freien Sekunde irgend etwas präsentiert wird. Auch bei den entsprechenden Organisationen scheint der Glaube sehr verfestigt, dass man dem Publikum immer mehr und mehr bieten müsse. Entertainment heißt das wohl im Marketing-Sprech und der „Kunde“ hat keine Chance, sich dem zu entziehen. Aber an welcher Stelle schlägt dieses Mehr in Belästigung um? Für viele scheint dieser Punkt langsam erreicht. Weniger ist manchmal mehr, Basketball soll bei diesen „Events“ nicht zum Nebenprodukt verkommen. Im Idealfall sind die Fans sich selbst genug, die eigene, handgemachte Stimmung ihr „Event“. Aber natürlich ist es weltfremd zu glauben, in diesem Bereich wäre eine Zeitreise möglich, die Schraube liesse sich zurück drehen. Die große Masse ist event-sozialisiert, die Uhr lässt sich nicht zurück stellen. Schade eigentlich!

Zeitreise IV – das Spiel

Wer sich für Basketball und Alba interessiert, weiß, wie es ausgegangen ist. Alba hat verloren, keine News. Aber ärgerlich! Da wäre mehr drin gewesen, ganz egal, daß Reggio Emilia in den letzten anderthalb Jahren keine handvoll Spiele zu Hause verloren hat.

RE-Alba

Engagiert, aber glücklos, Alba in Italien
Engagiert, aber glücklos, Alba in Italien

Leider gab es diverse Fehler, die eigentlich schon überwunden zu sein schienen. Wenig und oft stockendes Teamplay, immer wieder längere „Durststrecken“ in der Offense. Ein Rückschritt. Zudem war die Last, gerade offensiv, auf zu wenige Schultern verteilt. Im dritten Viertel hätte man das Spiel wesentlich vorentscheiden können, als man kurz nach der Pause mit 11 Punkten vorn war. Stattdessen gab es eine 0-10 Serie, an der das technische Foul von Will Cherry einen wesentlichen Anteil hatte, aber auch, dass man bei den technischen und unsportlichen Fouls von Reggie Emilia diverse Frei- und Feldwürfe nicht verwandelte. Im dritten Viertel hätte man den Italienern den Zahn ziehen können, so witterten sie Morgenluft. So kam es wie es kommen musste, die Gastgeber kamen immer näher und gingen gut eine Minute vor Schluß durch einen sehr starken Dreier von Amadeo Della Valle zum ersten Mal seit Mitte des zweiten Viertels wieder in Führung und gaben die dann auch an der Freiwurflinie nicht mehr ab. Einen möglichen Dreier zur Verlängerung hätte Dragan Milosavljevic gut nehmen können, aber da fehlte wohl das Vertrauen in den Wurf. (Den Dreier, den er in Oldenburg besser gelassen hätte, hätte er in diesem Spiel nehmen müssen). Stattdessen noch ein Pass zu Kreso Loncar, der dann mit ablaufender Uhr einen schlechten Wurf nehmen musste.
Noch sind aber alle Chancen für die Qualifikation für die zweite Runde im Eurocup gegeben und bei etwas mehr cleverness auch realistisch.

2 Gedanken zu „Zeitreise!“

  1. Die Turmbesteigung ist mir als Tradition gänzlich neu. Ansonsten hättet ihr damals locker-flockig zu mir in den 20. Stock vom Türmsche hoch laufen dürfen. ;-P

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