Zeitreise zum Stern des Ostens – Alba in Belgrad

Fans von Roter Stern Belgrad
Fans von Roter Stern Belgrad

 

Alba Berlin trifft am Donnerstag, 29.01.2015, 20:45 Uhr in der Belgrader Pionir-Halle auf die Gastgeber von Roter Stern Belgrad (Crvena zvezda Beograd). Da könnte man sich im Vorfeld ausführlich über die sportliche Herausforderung unterhalten, über das jüngste aller Euroleague-Teams, das in der ersten Runde der Euroleague 2014/15 mit sechs Siegen und nur einer einzigen Heimniederlage souverän den Einzug in die zweite Runde schaffte, dort jedoch bisher sieglos ist. Man könnte auch einige Worte über unglaublich viel Talent als auch den effektivsten Spieler der gesamten Euroleague verlieren; 2,21 m Center Boban Marjanovic wird wohl seine letzte Saison in der Heimat spielen, bevor es ihn nächstes Jahr an die großen Fleischtöpfe des europäischen oder amerikanischen Basketballs zieht. Inzwischen kommt zur beeindruckenden Größe auch noch ordentliche Masse und Physis dazu, was die gegnerischen Center vor echte Herausforderungen stellt. Man kann aber auch alle diese Punkte nur ganz am Rande anreissen – hiermit geschehen – und sich ausführlicher dem Punkt widmen, der diese Partie ganz wesentlich bestimmt: Emotionen ganz vielfältiger Art. 

Emotionen I

zvezda-fans
In memoriam Marko Ivkovic

In fünf Wochen begeht der „Rote Stern“, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg von serbischen Kommunisten (Vereinigter Bund der antifaschistischen Jugend Serbiens) gegründet, sein 70-jähriges Vereinsjubliäum. Sieben Jahrzehnte, die nicht nur für sportliche Erfolge wie z.B. 15 Meisterschaften, 7 Pokalsiege und einen europäischen Titel (Europapokal der Pokalsieger) sorgten, sondern in denen sich auch eine Fanszene entwickelte, die zu den aktivsten Europas zählt. Nicht nur zu den aktivsten, sondern auch zu den emotionalsten. Die Betrachtung dieser Fanszene ist ambivalent. Betörend und verstörend in gleichem Maße. Dahinter steht eine spürbare Liebe zum Verein, riesiger Aufwand für Choreos, persönliche Opfer für die Unterstützung des Teams. Über die Bezeichnung „Hölle“ für irgend eine Basketball-Halle in Deutschland kann man nur müde lächeln; was wirklich „Hölle“ für die Gegenspieler ist, erlebt man in Belgrad bei Spielen von Roter Stern in der Pionir Halle (gut 8.000 Zuschauer) oder in der Kombank Arena (knapp 25.000 Zuschauer). Die Unterstützung des eigenen Teams ist absolut bedingungslos, die Stimmung exzessiv und expressiv; der junge, männliche Serbe zieht sich oft und gerne aus. Eins-zwei-drei, Oberkörper frei! Support ist im Südosten, ganz besonders in Belgrad, einfach intensiver und ausdrucksvoller, als man es in Deutschland kennt. Die Fans sind Basketball-Puristen und mussten in den letzten Jahren einige „Kröten“ schlucken. Sponsorenname (Telekommunikation) im Teamnamen, eine Spielstätte, die nach einem Sponsoren (Bank) benannt ist und selbst Cheerleader, sind Dinge, die den Traditionalisten zuwider sind. Letztlich wirken die Gesetze der Marktwirtschaft in Belgrad genauso, wie in Berlin und auch Roter Stern muss den spärlichen Etat (einer der geringsten in der Euroleague) auch über Sponsoren akquirieren. Auswirkungen auf die Emotionen der Fans hat der Kommerz jedoch wenig.

Emotionen II

Allerdings ist die Grenze von Emotion zu Aggression allzu schnell erreicht und allzu oft wird diese auch überschritten. Das ist die bittere, dunkle Seite der Medaille. Gewalt ist auch seit Anbeginn ein akzeptierter Bestandteil der Fanszene. So weit sind wir in Deutschland – noch – nicht, auch wenn es hier auch Tendenzen gibt, der Ton deutlich rauer wird. Letztlich ist Sport auch nur ein Abbild der Gesellschaft im Kleinen. Wo sich vor 20 Jahren noch Jungs auf dem Schulhof mit Fäusten geschlagen haben, bis einer am Boden lag (und dann war Schluss), da stechen sich heutzutage 13jährige Mädchen mit Messern nieder. Der verwundert die Zunahme an Aggressivität im Sport nicht besonders. In Serbien gehört jedoch Gewalt schon seit Jahrzehnten zum schlechten Ton. Immer wieder und wieder kommt es zu Massenschlägereien, Körperverletzungen, Sachbeschädigungen. Anders als in Deutschland, wo sich die Unterstützung der Fans im Wesentlichen auf eine einzelne Sportart beschränkt, ist der Fan von Roter Stern in der Regel Fan des Gesamtvereins, also nicht nur Basketball-, sondern auch Fussball-oder Wasserball-Fan. Das fördert übertriebene Aggressivität eher. Beim „Ewigen Derby“ gegen den Erzrivalen Partizan herrscht regelrecht „Krieg“.  „Geerbt“ wurde das Derby von den Fussballern der beiden Vereine, aber von den Basketballern nur allzu bereitwillig – und aufgrund der sportartübergreifenden Vereinstreue auch zwangsläufig – übernommen. Es kommt zu Exzessen, die für deutsche Basketballfans nur schwer vorstellbar sind – und sich gottseidank auch nicht vorgestellt werden müssen. Den Eindruck, dass die Vereine wirklich ein ernsthaftes Interesse daran haben, effektiv gegen diese übertriebene Gewalt vorzugehen, hat man leider nicht. Vor wenigen Wochen kam es zu einem dramtischen Tiefpunkt der Gewalt, beim Auswärtsspiel in Istanbul kam es bei „gewalttätigen Auseinandersetzungen mehrerer hundert Fans beider Seiten“ wurde der serbische Fan Marko Ivkovic niedergestochen und erlag wenig später seinen Verletzungen. Ein persönliches Drama und eine Niederlage für den Sport.

Emotionen III

So erwartet Alba Berlin am Donnerstag beim Auswärtsspiel in der „kleinen“ Pionir-Halle eine Fanszene, die immer noch emotional sehr aufgewühlt ist. Als wenn die nicht auch so schon emotional genug wäre … Bereits im Vorfeld appeliert das Management von Roter Stern Belgrad an die eigenen Fans, „zu jubeln und fairen Sport zu bieten, ohne Gegenstände auf das Feld zu werfen und den Einsatz von Lasern und Pyrotechnik zu unterlassen […], denn jeder kleine Zwischenfall könnte verheerende Folgen für den Club haben“. Solch eine Atmosphäre dürften die meisten Alba-Spieler zum allerersten Mal erleben und es wird interessant sein, zu sehen, inwiefern sie die mentale Stärke haben werden, in der „Hölle von Belgrad“ zu bestehen:

Emotionen IV

Absolut bestens vertraut mit dieser Atmosphäre ist jedoch head coach Saša Obradović, für den dieses Spiel – ausgerechnet auch noch an seinem Geburtstag – eine sehr emotionale Zeitreise werden wird. Obradovic gilt als einer der emotionalsten Trainer der Basketball Bundesliga, angesichts seiner Wurzeln bei Roter Stern Belgrad erklärt sich das in gewisser Weise. Wer in dieser Atmosphäre aufwächst wird davon wohl auch ein gutes Stück für sein weiteres Leben geprägt. Beim Medientraining am Montag hat Albas Coach auch ganz offen erklärt, dass dieses Spiel ein ganz besonderes für ihn ist: „Wo immer ich auch bin, drücke ich Roter Stern heute noch die Daumen und ich bin sehr froh darüber, dass dieser Club, in dem ich aufgewachsen bin,  jetzt soviel besser dasteht als in den Jahren davor. Das wird am Donnerstag eine seltsame Erfahrung, denn ich coache zum ersten Mal gegen ‚meinen Club’.“ Vermutlich werden auch viele Freunde und ein Teil seiner Familie vor Ort sein. Bei den Fans von Roter Stern Belgrad geniesst Sasa Obradovic Heldenstatus. Knapp zehn Jahre in seiner Karriere als Spieler trug er das rot-weiße Trikot seines Jugendvereins und führte ihn als absoluter Leistungsträger 1994 vor seinem Wechsel zu Alba Berlin zum vorerst vorletzten Meistertitel. Für seine Verdienste um den Verein wurde er in dessen „hall of fame“ („Stern der Sterne“) aufgenommen; eine Ehre, die in der gesamten Vereinsgeschichte lediglich acht Spielern zuteil wurde (mit Zoran Radovic noch einem zweiten ehemaligen Alba-Spieler). Ein Geburtstagsständchen werden ihm die Fans vermutlich trotzdem nicht bringen. Höchstens nach dem Spiel und auch nur, wenn Roter Stern gewonnen haben sollte. Es muss auch mal ohne Lied gehen … 😉

Hala Pionir, Roter Stern Belgrad
Hala Pionir, Roter Stern Belgrad

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