Viel Input und leere Hände

Bereits vor Wochen kursierten die ersten Gerüchte, nun ist es wahr geworden: Ismet Akpinar wechselt nach vier Jahren in Berlin zur BBL-Konkurrenz aus Ulm. Erschreckend genug, dass Alba nach Bamberg und München bei der Spielerakquise hinter Ulm zurückfällt. Weitaus schlimmer ist allerdings, das unfassbar schlechte Timing des Abgangs. Ein Kommentar.

Vor fast genau vier Jahren startete Alba Berlin mit einem neuen Konzept in die Sommerpause. Junge, entwicklungsfähige Spieler sollten verpflichtet werden und deren Ausbildung zum neuen Markenzeichen des Vereins werden. Damit passte sich der Klub der neuen Marktsituation an, nachdem man in jenem Sommer eben mehrere Leistungsträger an dem neuen Rivalen aus München verloren hatte.

Sprung nach vorne in die Gegenwart. Vier Spielzeiten sind vergangen, Sasa Obradovic ist mittlerweile in Russland aktiv, Mithat Demirel in der Türkei und Ahmet Caki wird allmählich schon als eine unglückliche Randnotiz in der Alba Vereinshistorie betrachtet. Zwei Spieler haben diese komplette Entwicklung mitgemacht: Ismet Akpinar und Akeem Vargas. Während Letzterer sich ziemlich schnell seinen Platz in der Rotation erkämpfte, aber seit zwei Jahren in seinen Leistungen etwas stagniert, kannte Akpinars Entwicklungskurve nur einen leicht steigenden Weg nach oben. Von Jahr zu Jahr nahmen Spielzeit, Punkte und Verantwortung für den jungen Guard zu. In den letzten beiden Saisons wurde er dauerhaft Teil der Rotation, immer mehr entwickelte sich Akpinar zum Leistungsträger. In der abgelaufenen, trostlosen Saison war Akpinar einer der wenigen Lichtblicke, in der Situation mit der Verletzung von Peyton Siva sahen wir ihn als einen Gewinner. Dahinter steckten auch jahrelange Arbeit hinter den Kulissen: Extra-Schichten, die aus dem Guard einen BBL-tauglichen Spieler machten.

Vier Jahre hat Alba in Ismet Akpinar investiert. Weniger finanziell, denn Akpinar kam als 17-Jähriger aus Hamburg, entsprechend günstig dürfte sein Vertrag gewesen sein. Viel mehr die unzähligen Stunden Arbeit auf- und abseits des Feldes waren die Investitionen, die sich nur schwer monetär aufwiegen lassen. Akpinar wurde entwickelt und könnte in naher Zukunft ein bedeutender BBL Spieler werden. Das Problem ist nur: Er wird es nicht bei Alba. Es ist ein bitteres Gefühl, wenn man in dem Moment, wo man die Früchte der Arbeit ernten könnte, plötzlich mit leeren Händen dasteht.

Spieler kommen und gehen. Auch das finanzkräftigere Klubs Rosinenpickerei betreiben ist völlig normal. Problematisch ist allerdings, dass Alba einen Spieler an einen direkten Konkurrenten verliert, der in etwa gleich viel Budget zur Verfügung hat. Ulm kann nun ein Stück weit die Früchte ernten, für die Alba vier lange Jahre gearbeitet hat. Und im Gegenzug werden die Berliner nichts kriegen. Denn zum absoluten Leistungsträger hatte es Akpinar noch nicht geschafft, auch wenn seine Spielzeit konstant nach oben ging. Mit 22 Jahren kommt er allerdings nun in das richtige Alter.

Es ist keine Schande, Spieler auszubilden und dann abgeben zu müssen. Problematisch wird es allerdings, wenn der ausbildende Verein dafür keinen Gegenwert erhält. Und in diesem Fall trifft das auf Alba zu. Berlin hatte keinen nennenswerten sportlichen Wert aus vier Jahren Akpinar, da er – noch – nicht ein Leistungsträger war, der von der ersten Minute dem Team helfen konnte. Und Alba hat nun auch keinen finanziellen Nutzen, da Akpinars Vertrag ausgelaufen ist und man daher keine Ablöse kassiert. Im Endeffekt hat der Verein einen Spieler über vier Jahre geformt und aufgebaut, nur um ihn dann an die direkte Konkurrenz abzugeben. Das hat schon fast etwas von einem Farmteam. Das ist mehr als nur ärgerlich und kann nicht das Modell für die Zukunft sein. Alba verliert mit Ismet Akpinar nicht nur einen jungen talentierten Spieler und eine Identifikationsfigur, sondern auch vier Jahre Arbeit.

Ist es einem Spieler vorzuwerfen, dass er nach dem für ihn besten Angebot sucht und das auch annimmt? Eher nicht, that’s business. Solche Begriffe wie „Dankbarkeit“ sind Sportromantik, so etwas gibt es kaum noch. Ist Alba Berlin smart mit der Situation umgegangen? Eher auch nicht! Man wusste, dass nach dieser Saison eines der größten deutschen Talente frei auf den Markt kommen wird. Hätte man da nicht nach dem dritten Vertragsjahr oder wenigstens in der laufenden Saison eine Verlängerung des Engagements anstreben sollen oder gar müssen? Da hatte man sicher noch eine bessere Position, als gegenüber einem Spieler, der vertragslos ist. Diese Chance hat man nicht genutzt, dann kann man sich jetzt auch nicht beschweren! 

Ein Gedanke zu „Viel Input und leere Hände“

  1. Vielleicht war es ja doch durchdacht, dass man am Ende der letzten Saison nicht an Akpinar festgehalten hat, wenn es dann möglich gewesen wäre. Der bisherige Saisonverlauf gibt den Albaverantwortlichen recht, wenn sie nur an denjenigen Spielern festhielten, mit denen noch eine Vertragsbeziehung vorhanden gewesen war.
    Und seit Hundt oder Schneider redet hier keiner mehr über den Spieler Akpinar, der in ein noch stark um sein Spiel kämpfendes Ulm abgewandert ist.

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