Teamvorstellung: Artland Dragons Quakenbrück

Teamfoto Artland Dragons; Quelle: (c) Artland Dragons
Teamfoto Artland Dragons; Quelle: (c) Artland Dragons Quakenbrück

Das Anti-ALBA! Alba Berlin und die Artland Dragons Quakenbrück sind die Antipoden des deutschen Basketballs. Kleinster Basketball-Standort vs. größter Basketball-Standort, kleinste(?) Halle vs. größte Halle, Gemeinde vs. Großstadt, relative Nähe vs. relative Distanz. Nichtsdestotrotz verbindet die Fans der beiden so unterschiedlichen Vereine bei aller sportlichen Konkurrenz so etwas wie eine Fan-Freundschaft. Wobei Freundschaft in diesem Zusammenhang eine andere Konnotation als die landläufige haben dürfte. Das betrifft sicher nicht alle Fans beider Seiten, aber bei der Abfrage nach Sympathie würde sicher auf beiden Seiten mehrheitlich der jeweils andere Vereinsname fallen. Begonnen hat diese Fanfreundschaft wohl 2006 beim Pokal Top Four in Bamberg als beide Fangruppen den inzwischen in nahezu allen Hallen zelebrierten „Wechselgesang“ in der BBL gesellschaftsfähig machten. Diese Fanfreundschaft hat auch Playoffserien gegeneinander überlebt  und ist immer mal wieder durch Aktionen mit Leben gefüllt; Alba-Fans unterstützten die Dragons in den Playoffs in Bamberg, Dragons-Fans kamen mal  zur Unterstützung von Alba in den Playoffs nach Berlin. Die beiden neu entstandenen „alternativen“ Fangruppen „Kuh-Block“ und „Block 212“ verstehen sich ebenfalls prima.

Neben den vielen Unterschieden gibt es auch ein paar Gemeinsamkeiten. Beide Teams spielen seit Jahren in der Spitze der BBL mit, für beide hat es in jüngerer Vergangenheit nicht bzw. noch nie zur Meisterschaft gereicht. Beide sind in den letzten Jahren immer mal wieder an Bamberg gescheitert. In dieser Off-Season haben mit Nathan Peavy und Bryce Taylor zwei Spieler die Seiten gewechselt, denen der jeweils neue Verein wohl ein finanziell besseres Angebot gemacht hat, als der bisherige zu zahlen bereit war.

Für die Artland Dragons war in der letzten und vorletzten Saison jeweils im Halbfinale gegen Bamberg Schluss in den Playoffs. Das wurmt nicht nur die Fans sondern wohl auch Großsponsor medico bzw. den dahinter stehenden Mäzen Günter Kollmann, der den Quakenbrücker Basketball seit Jahren großzügig finanziell unterstützt. Kollmann, der in seiner etwas weiter zurück liegenden eigenen Jugend selbst Bundesliga- und Jugendnationalspieler war, hat für die kommende Saison die richtig großen Spendierhosen angezogen um endlich seinen Lebenstraum von der Meisterschaft im Artland zu verwirklichen, was ihm als Spieler selbst nicht vergönnt war. Besser schien die Möglichkeit dafür selten zu sein; Erzrivale Bamberg hatte einen größeren Umbruch zu verkraften, Alba Berlin (mal wieder) ebenso und es könnte die letzte Saison sein, bevor Krösus Bayern München wirklich ernst macht und dem Rest der Liga völlig enteilt. Dafür wurde noch mal eine Menge zusätzliches Geld in die Hand genommen und ein nahezu komplett neues Team aufgestellt. Neun Spieler gingen, acht neue kamen dazu, durch die Bank fast alles Hochkaräter mit jeder Menge Erfahrung in den hochpreisigen Ligen Spaniens, Griechenlands, Italiens und Russlands.

Trotzdem lief in der Offseason nicht alles nach Plan. Noch während der Vorbereitung auf die neue Saison verletzte sich mit Demond Mallet der point guard und somit einer der geplanten zentralen Spieler des neuen Teams. Der für die power forward vorgesehene Ex-BBL-Spieler Lamayn Wilson erwies sich bei genauerer Betrachtung als Flop, die Suche nach einem Ersatz zog sich lange hin und letztlich hat man sich mit einem Kurzzeitvertrag für Andrew Drevo beholfen. Trotz dieser kleineren Probleme ist es den Artland Dragons gelungen, ein Team aufzustellen, welches den Vergleich mit keinem Konkurrenten zu scheuen braucht.

Kader (externer link)

Backcourt:
Kristaps Valters, (D. Mallet), Johannes Strasser, Christian Hoffmann,
MarQez Haynes, Acha Njei,
Bryce Taylor, Sergio Kerusch,

Frontcourt:
Andrew Drevo, Guido Grünheid,
Petar Popovic, Anthony King, Ben Spöler,

Headcoach:
Stefan Koch

In der für einen Coach traumhaften Situation, aus dem Vollen schöpfen zu können, hat Stefan Koch (48) gleich bei der Position des starting point guards tief in die Tasche gegriffen. Mit Demond Mallet (34) hat man den wohl renommiertesten aber auch teuersten Guard der gesamten Liga ins Artland holen können. Mallet bringt mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung auf allerhöchstem europäischen Niveau mit, darunter diverse Spielzeiten in der höchsten europäischen Spielklasse, der Euroleague. In seiner Karriere hat Mallet diverse nationale und europäische Titel gewonnen und hat den Vorteil, die BBL bereits von diversen Stationen (Braunschweig, Köln, Bamberg) zu kennen. Umso dramatischer ist es, daß sich DER zentrale Spieler der Dragons, um den herum das Team aufgebaut werden sollte, noch in der Vorbereitung verletzt hat. Mehr als nur ein „Notnagel“ bis zur Genesung Mallets dürfte der erfahrene lettische Nationalspieler Kristaps Valters (31) sein. Die letzten Jahre verbrachte der Scharfschütze in der stärksten Liga Europas, der spanischen ACB, zuletzt beim Euroleague-Team Malaga. Für das südspanische Sparkassenteam erzielte er ca. 9 Punkte mit einer sensationelle Dreierquote von 47 %. Aufgrund von zwei Saisons in Oldenburg kennt er die BBL bereits. Trotz einer für einen guard recht ordentlichen Größe von knapp 1,90 m ist er kein guter Rebounder. Ebenfalls aus Spanien nach Niedersachsen kommt der Starter auf der shooting guard position. Der US-Amerikaner MarQuez Haynes (25), der für die georgische Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft an den Start ging, geht im Artland in seine dritte Profi-Saison. Der dynamische Guard ist treffsicher von jeder Position. Viele Worte braucht man über Bryce Taylor (26) nicht mehr zu verlieren. Durch seine BBL-Erfahrung in Bonn und Berlin ist er in der Liga bestens bekannt und die Fans im Artland dürfen sich auf jede Menge spektakuläre Aktionen des athletischen small forwards freuen und es wäre absolut nicht überraschend, wenn Taylor auch in Quakenbrück schnell zum Publikumsliebling werden würde. Diese Athletik hilft ihm auch in der 1-on-1 Defense sehr, beim Teamplay und der Teamdefense hat er nach wie vor noch Luft nach oben. Mit der Verpflichtung des Amerikaners mit deutschem Pass, Sergio Kerusch (23) ist den Quakenbrückern ein vielbeachteter Coup gelungen. Die halbe Liga hätte ihn gerne verpflichtet, da er dank des deutschen Passes wichtig für jede Rotation wäre und vor allem eine unglaubliche Athletik mitbringt, die man sonst sehr selten bei einem deutschen Spieler findet. Bamberg und Berlin haben bei dessen Preisvorstellungen abgewunken, Quakenbrück kann ihn sich leisten, Hut ab! Kerusch ist noch relativ jung und hat noch Potenzial nach oben. Seine Flexibilität, auf den Positionen 2 bis 4 spielen zu können, macht ihn zu einem perfekten back up Spieler. Hinter den Genannten runden die drei deutschen Spieler Christian Hoffmann (25), Acha Njei (27) und Johannes Strasser (30) den auch in der Tiefe ordentlichen backcourt ab. Für mehr als „solider Rollenspieler“ fehlt bei allen dreien die Fantasie. Hoffmann galt mal als größeres Talent, wurde aber leider immer wieder von Verletzungen zurück geworfen. Strasser und Njei können mit ihrer langjährigen BBL-Erfahrung ab und an für Entlastung sorgen – nicht mehr, nicht weniger.

Der frontcourt ist nicht ganz so beeindruckend wie der back court, für BBL-Verhältnisse aber doch sehr ordentlich. Mit Petar Popovic (33) konnten die Quakenbrücker jede Menge Erfahrung für die Center-Position verpflichten. Der routinierte Serbe bringt Erfahrung aus der serbischen, italienischen, spanischen und russischen Liga mit ins Artland. Der Brettcenter klassischer Schule mit einem technisch sehr sauberen hook shot konnte mit seiner Abgezocktheit in der Vorbereitung auf die neue Saison sehr überzeugen. Back up Anthony King (27) hat sich in der letzten Saison mit guten Leistungen (10+ pts, 6 rbs) für einen neuen Vertrag empfohlen und geht somit wieder für die Dragons auf Körbejagd. Die Besetzung der Position des Power Forwards erwies sich als schwierig. Nach längerer Suche meinte man, mit dem BBL-erfahrenen Lamayn Wilson den richtigen Spieler für diese Position gefunden zu haben, diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Bei dann schon recht übersichtlichem Angebot auf dem Spielermarkt wurde dann offenbar kein Spieler mehr gefunden, der optimal dem Anforderungsprofil von Headcoach Stefan Koch entspricht. Beholfen haben sich die Artländer mit der Verpflichtung von Andrew Drevo (31), der bereits in Braunschweig und Bremerhaven mit seinem gefährlichen und sicheren Dreierwurf für Aufsehen gesorgt hat. Die Begrenzung des Vertrags auf 2 Monate spricht nicht gerade für grenzenloses Vertrauen in den Spieler und die Idealbesetzung der Position. Dahinter kommen mit dem Ex-Berliner Guido Grünheid (29) und Ben Spöler (24) noch zwei deutsche Rollenspieler. Die Erfahrung von Grünheid ist für die Dragons wichtig; Spöler galt mal als großes deutsches Talent, ist den Beweis aber weitgehend schuldig geblieben. Für mehr als solide Stats in der zweiten Liga hat es bisher nicht gereicht.

Wenn man ein Haar in der Suppe bei den Artland Dragons suchen will, ist man hier sicher an der richtigen Stelle. Mit Kerusch ist eine tolle Verpflichtung gelungen, der Rest der Deutschen im Quakenbrücker Kader ist doch eher normaler BBL-Durchschnitt, nichts mit großen Erwartungen und Entwicklungspotenzial. Die BBL-Erfahrung, die die meisten deutschen Spieler mitbringen ist aber für die kommende Saison sicher ein Vorteil.

Auch für die Zukunft sieht es nicht gerade rosig aus. Das JBBL- und das NBBL-Team steigen regelmäßig ab, so auch wieder in der letzten Saison. Wobei man ja als Nachwuchsteam eines BBL-Teams nicht wirklich absteigen kann sondern „nur“ eine Gebühr für den Verbleib bezahlen muss, welche aber von Jahr zu Jahr höher wird und inzwischen bei den Dragons ein ordentliches Sümmchen sein dürfte. Aus dem eigenen Nachwuchs können die Quakenbrücker in der näheren Zukunft wenig für das Profi-Team erwarten. Allerdings haben die Artland Dragons diesbezüglich auch mit einem echten Standortnachteil zu kämpfen, das platte Land ist nun mal wirklich dünn besiedelt. Wo soll der Nachwuchs also herkommen. Irgendwas muss man sich aber für die Zukunft und die verschärfte Quote einfallen lassen. Möglicherweise wäre ein Basketball-Internat eine Lösung, die zwar Geld kostet, aber jährlich diese „Straf“-Gebühren in JBBL und NBBL zu zahlen geht auf Dauer auch ins Geld.

Aufgrund der nicht optimalen Saisonvorbereitung könnten die Dragons einen schwierigen Start in die Saison bei gleichzeitig schwerem Spielplan haben. Mit der Rückkehr von Mallet und einem eventuellen Tausch von Drevo gegen einen besser passenden power forward dürfte die Situation dann besser werden. Aus Quakenbrücker Sicht ist zu hoffen, daß bis dahin noch nicht zu viel Boden auf die Konkurrenz verloren wurde. Aber in den Playoffs beginnt ja eh alles wieder bei Null und spätestens dort ist mit den Dragons stark zu rechnen. Zudem verfügen die Quakenbrücker über die finanzielle Potenz, jederzeit nachverpflichten zu können, wenn es auf einer Position nicht passen sollte.

Prognose: Der Kader der Artland Dragons ist sehr stark besetzt und dürfte im Verlauf der Saison noch stärker werden. Das reicht unseres Erachtens wieder für das Halbfinale und damit für die Wiederholung der Resultate der letzten beiden Jahre – das ist alles andere als schlecht, aber eigentlich ist Stillstand vielleicht sogar ein bisschen zu wenig, wenn man den deutlich höheren Etat berücksichtigt. Und Kollmanns Traum bliebe weiterhin unerfüllt …

2 Gedanken zu „Teamvorstellung: Artland Dragons Quakenbrück“

  1. Kleiner Hinweis zum NBBL-Team:

    Der Erfolglosigkeit wegen wurde es jetzt komplett nach Münster verfrachtet. Dort wird in Kooperation mit dem UBC gespielt und von dort auch 90+ % der Spieler gestellt. Es wird also nicht rosiger…

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