Starke Nachverpflichtung für ALBA Berlin

Guard Derrick Wilson Jr. aus Kaunas nach Berlin bis zum Ende der Saison.

Aus der Euroleague in die BBL, Derrick Walton Jr von Zalgiris Kaunas zu Alba Berlin Foto: wikimedia.commons, owner TonyTheTiger under license CC BY-SA 4.0
Aus der Euroleague in die BBL, Derrick Walton Jr von Zalgiris Kaunas zu Alba Berlin Foto: wikimedia.commons, owner TonyTheTiger under license CC BY-SA 4.0

 

 

 

 

Alba Berlin hat auf die lange Verletzungspause von Guard Stefan Peno reagiert und mit Derrick Walton Jr (23) hochwertigen Ersatz verpflichtet. Der amerikanische Pointguard hat in Berlin einen Vertrag bis zum Ende der Saison unterschrieben und soll dem Team, das noch in drei Wettbewerben aktiv ist, mehr Tiefe verleihen.

Der je nach Quelle zwischen 1,83 m (6-0 ft) und 1,85 (6-1 ft) große Walton kann auf eine sehr erfolgreiche College-Karriere bei den „Wolverines“ der University of Michigan (UofM) zurück blicken. Teile davon verbrachte er gemeinsam mit dem Berliner Talent Moritz „Moe“ Wagner, der es ja bekanntlich inzwischen in die NBA zu den Los Angeles Lakers geschafft hat. Im letzten Collegejahr von Walton (Senior) war er in den meisten Statistiken stärker als der zwei Jahre jüngere Wagner (Sophomore) und gehörte neben Wagner und Zak Irvin zu den drei Spielern, die in jedem der 38 Spiele der Saison als Starter auflief. Er war Topscorer der Wolverines (15,5 Punkte), Bester bei Assists (5,0) und Steals (1,1), erzielte die meisten Dreier (2,6 je Spiel) mit der besten Quote (42,2%), zudem verwandelte er die meisten Freiwürfe (knapp 4 pro Spiel) mit der besten Quote (87,6 %) und selbst bei den Rebounds war der eher klein gewachsene Walton der zweitbeste seines Teams (4,8 Rebounds pro Spiel). Das alles in knapp 35 Minuten je Spiel. Der Amerikaner liebt Statistiken und erfasst auch alles Mögliche. So ist Walton Jr der einzige Spieler in der lange Geschichte der University of Michigan, der 1000 Punkte, 500 Rebounds und 400 Assists kam. Mit seinem Triple Double (10 Punkte, 11 Rebounds, 13 Assists) ist er nur einer von fünf Michigan-Spielern, denen das gelang und er hält den Uni-Rekord von Assists in einem Spiel (16). Usw. usf… Er wurde auch mit diversen Auszeichnungen überhäuft, wobei sich in einer Liga, in der es auch Preise für den besten rothaarigen Linkshänder nördlich des Mississippi gibt, auch immer die Frage nach dem Wert stellt. In der starken Big 10 Conference der NCAA sind diese jedoch halbwegs relevant. Für einen Pick beim Draft hat es trotzdem nicht gereicht, die Auswahl an Guards ist in den USA einfach riesig und Walton vielleicht dafür etwas zu durchschnittlich oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Gemeinsam am College der University of Michigan: Derrick Walton Jr (10) und Moritz Wagner (13). Foto: wikimedia.commons, owner TonyTheTiger under license CC BY-SA 4.0
Gemeinsam am College der University of Michigan: Derrick Walton Jr (10) und Moritz Wagner (13). Foto: wikimedia.commons, owner TonyTheTiger under license CC BY-SA 4.0

Zu durchschnittlich vielleicht doch nicht. Denn immerhin zog er das Interesse der Miami Heat auf sich, die ihn mit einem sog. Two-way contract für die Heat und deren „Farmteam“ Sioux Falls Skyforce, gewissermaßen eine „Doppellizenz“, ausstatteten. So kam er immerhin auf 16 Spiele in der NBA, jedoch ganz am Ende der Bank mit unter 10 Minuten Einsatzzeit pro Spiel. In der G-League für das Farmteam der Miami Heat gehörte er mit 16 Punkten, 7 Assists und 4 Rebounds zu den Leistungsträgern. Gut genug, um im vergangenen Sommer wieder von den Heat für deren summer league Team eingeladen zu werden, wo er in sieben Spielen startete und dabei mit 9,4 Punkten, 6,4 Assists und 3,3 Rebounds die Verantwortlichen überzeugte um einen NBA Vertrag angeboten zu bekommen. Das Angebot wurde jedoch wenig später wieder zurück gezogen. Das Ende der NBA-Träume war das jedoch noch nicht. Von den Chicago Bulls wurde er für deren Trainingscamp verpflichtet, hat es dann aber doch nicht in den finalen Roster geschafft.

Somit stand Walton Jr Mitte Oktober auf einmal ohne Vertrag da. Er hätte sicher wieder in der G-League einen Platz bekommen, hat sich dann jedoch für den Weg nach Europa entschieden und ein Angebot des Euroleagueteams Zalgiris Kaunas angenommen. Selbst für gestandene Profis ist es nicht einfach, zu einem bereits bestehenden Kader nachträglich hinzu zu stoßen, für einen 23-jährigen beim ersten Engagement außerhalb der Heimat gilt das erst recht. Beim litauischen Powerhouse konnte Walton – trotz seines von allen Seiten bescheinigten Talents – nie so richtig Fuß fassen, was sicherlich auch an der starken, team-internen Konkurrenz um Nate Wolters, Leo Westerman oder Arturas Milnakis lag. Mit 12,5 Minuten Spielzeit wurden beide Seiten nicht so richtig glücklich, selbst wenn Walton mit 2,5 Assists in dieser geringen Spielzeit immerhin den zweitbesten Wert des Teams erreichte. So folgte nun die Trennung „in gegenseitigem Einvernehmen“, nicht ohne daß Zalgiris‘ Sportdirektor Paulius Motiejunas lobende Worte fand. Er beschreibt ihn als „jungen und vielversprechenden Spieler“, der jedoch „Probleme hatte, sich in die Systeme zu integrieren“. Was auch schwer ist in dem recht engen System von Saras Jasikevicius, einem der besten europäischen pointguards aller Zeiten und nun head coach bei Kaunas. 

Die Chance für Alba Berlin. Wenn Walton nun nach Berlin wechselt, wird er jedoch nicht zum ersten Mal in Deutschland sein. Mit der U18-Auswahl der USA (u.a. zusammen mit dem Göttinger Derek Willis) nahm er 2012 am renommierten Albert-Schweitzer-Turnier in Mannheim teil. Über seinen neuen Arbeitgeber können ihm aber auch seine Mitspieler in Kaunas und Ex-Albatrosse Deon Thompson und Marius Grigonis hoffentlich nur Gutes erzählen.

Wir hätten als Ersatz für Stefan Peno eher einen Veteran aus der Ü30 Kategorie erwartet, der etwas größer ist, gut verteidigt und das Spiel lesen kann. Jemand, dem es nicht mehr wichtig ist, auf seine eigenen Stats zu schauen, der sich da zurück nimmt. Vor allem jemand, der sich sehr schnell an neue Situationen anpassen kann. In anderen Worten, ein sog. „alter Hase“. Gekommen ist es nun anders. Selbstverständlich hat man mitten in der Saison keine riesige Auswahl und muss aus einem recht begrenzten Angebot die beste Option wählen. Das scheint Alba Berlin weitgehend gelungen zu sein. Ein Spieler auf hohem Niveau (Euroleague, border line NBA) der voll „im Saft“ steht, d.h. aus dem laufenden Spielbetrieb kommt. Derrick Walton Jr wird als guter Verteidiger beschrieben, der willens ist zu lernen und sich zu entwickeln. Er hat einen guten Zug zum Korb und einen guten Jump Shot. Aus der Distanz ist seine Leistung etwas schwankend. Seine größte Stärke ist jedoch seine Spielübersicht, er versteht es, Mitspieler effektiv in Szene zu setzen. Es bestehen also berechtigte Hoffnungen, dass er die Lücke schließen kann, die Stefan Peno in den nächsten Monaten hinterlassen wird. Alles in allem aus Sicht von Alba Berlin eine Verpflichtung, die Hand und Fuß hat, vor allem Hirn und Herz. Der Vertrag läuft bis zum Ende der Saison, denn mit dem Thema NBA hat Walton wohl lange noch nicht abgeschlossen und wird es im Sommer wieder versuchen, sich über die summer league und Trainingscamps für ein NBA-Team zu empfehlen.

Seine Lieblingsnummer ist die 10, die er in Gedenken an seinen guten Freund Dorian Dawkins trägt, der 2009 in einem Basketball Camp an einem Herzinfarkt gestorben ist. In Berlin trägt allerdings schon Tim Schneider das Trikot mit dieser Nummer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.