Sommer Spezial: Gesprächsserie mit ALBA Berlins Sportdirektor Himar Ojeda, Teil 1

Zum Ende der Offseason und zu Beginn der heißen Phase der Vorbereitung auf die neue Saison, haben wir uns einer guten Tradition folgend mit ALBA Berlins Sportdirektor Himar Ojeda (45) getroffen. Der Spanier, der auf eine langjährige Karriere als Coach, Sportdirektor, Spieleragent und Direkt für internationales Scouting des NBA-Teams Atlanta Hawks zurückblicken kann, lenkt seit Mitte 2016 die Geschicke des Berliner Basketballvereins entscheidend mit und kann kompetent Auskunft zu vielen Fragen geben, gerade auch über das aktuelle Tagesgeschäft hinaus. Deshalb war es wieder ein Vergnügen, lange mit ihm über ALBA Berlin in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nationale und internationale Tendenzen im Basketball oder auch das konzeptionell wichtige Thema der Entwicklung von Nachwuchsspielern zu diskutieren.

Im ersten Teil soll es um Persönliches, den Sommer und die neuen Verpflichtungen sowie den Sinn der Teilnahme an der NBA Summerleague gehen.

Hallo Himar! Wir starten mit unserer traditionellen Frage. Deine Kinder sprechen Deutsch, deine Frau auch. Wie sieht es mittlerweile bei dir aus?

Ich habe es versucht und habe einen Kurs in einer Sprachschule besucht. Es war aber nicht leicht den Rhythmus zu halten, besonders als wir viel reisen mussten und ich das Team für die nächste Saison zusammenstellen musste. Ich will es jetzt auf anderen Wegen versuchen und suche einen Lehrer der mich zeitlich etwas flexibler unterrichten kann. Wir haben viele Auswärtsspiele und sind ständig unterwegs, da kann ich nicht immer die Kurse besuchen. Ich gebe mir aber Mühe, mit Thomas [Päch] schreibe ich z.B. immer auf Deutsch und verstehen kann ich schon Einiges.

Wir werden dich im nächsten Jahr auf jeden Fall erneut fragen!

(lacht) Genau. Bis dahin können wir das Gespräch ja hoffentlich auf Deutsch führen.

Im vergangenen Sommer hattest du uns erzählt, dass für den Familienurlaub im Sommer keine Zeit blieb, weil du viel zu tun hattest. Da der Kader nun sehr früh fertig zusammengestellt wurde, kann man nicht Auswirkung auf die Familienzeit?

Ja, das war wirklich ein besonderer Sommer. Ganz abschalten kann ich ja natürlich nicht, es gibt immer viel zu tun. Aber als das Team stand, konnte ich die Zeit mit meiner Familie genießen. Darüber bin ich sehr froh, denn das ist etwas, dass mir und meiner Familie im Sommer gefehlt hat. Letztes Jahr war ja das Team komplett neu, wir hatten ja nur Bogdan Radosavljevic fest unter Vertrag. Bei allen anderen stand damals noch nichts fest. In diesem Jahr war die Situation etwas entspannter, weil viele Spieler für mehrere Jahre unterschrieben haben. Das hat nicht immer etwas zu bedeuten, wie man bei Marius Grigonis gesehen hat, aber insgesamt verlief es doch etwas entspannter. Auch wenn man natürlich immer noch viele Telefonate und Gespräche führen muss.

Du bist nun seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Hat sich dein Blick auf die Stadt etwas verändert? Siehst du Dinge anders, vielleicht auch kritischer, die man im ersten Moment nicht so wahrnimmt?

Nicht wirklich. Ich mag die Stadt, genieße es hier zu sein. Man muss sich vielleicht etwas an den Umgangston gewöhnen, wenn man z.B. in eine Bar oder in ein Restaurant geht und die Bedienung ist nicht so freundlich oder aufmerksam, wie man es vielleicht erwarten würde. Aber das ist ok, man gewöhnt sich daran.

Aber wenn du ein echter Berliner werden möchtest, musst du über Dinge meckern können!

(lacht) Ok. Ich fahre zwar nicht viel mit dem Auto, aber wenn doch, dann gibt es manche Straßen, die mich schon mal nerven. Wenn z.B. die Müllabfuhr mitten auf der Straße stehen bleibt und alle Autos warten dahinter. In Spanien würde man sagen, macht doch ein wenig Platz, dann kommen alle vorbei. Aber das sind wirklich Kleinigkeiten, ich kann nichts Negatives über Berlin sagen.

Na gut. Fahrraddiebstahl gilt weiter als beliebtester Sport in Berlin. Wurde dein Fahrrad mittlerweile geklaut?

Nein, nein. Noch nicht. Und ich hoffe das bleibt so. Thomas ist das aber mal passiert. Mein Fahrrad ist ja farblich etwas auffällig, gelb und blau [Anm.: Nicht wegen Alba, sondern schon so von Gran Canaria mitgebracht], vielleicht schreckt das ab.

Himar Ojeda, Albas Gegenwart, vor den Ikonen einer glorreichen Vergangenheit
Himar Ojeda, Albas Gegenwart, vor den Ikonen einer glorreichen Vergangenheit

Lass uns über den Sommer und Alba sprechen. Du hast schon erwähnt, dass es in diesem Jahr etwas weniger zu tun gab. Wie würdest du die Offseason soweit einschätzen?

Ich hätte sogar weniger Arbeit erwartet, es kamen noch ein paar unerwartete Dinge dazu. Vielleicht war das auch ein Stück Wunschdenken, das mit Marius Grigonis kam z.B. nicht ganz überraschend. Es gab natürlich auch viele Anfragen zu Luke Sikma und anderen Spielern. Insgesamt war es aber ein ruhiger und guter Sommer, ich bin glücklich. Wir konnten Spieler halten und haben neue dazu geholt, auf die wir uns sehr freuen. Martin Hermannsson beobachte ich beispielsweise schon seit ein paar Jahren und ich bin sehr froh, dass er sich für uns entschieden hat. Obwohl er zwei Angebote von Euroleague-Teams vorliegen hatte! Wir konnten ihn von unserem Projekt überzeugen. Auch dass wir schnell auf den Abgang von Marius Grigonis reagieren konnten und mit Rokas Giedraitis einen guten Ersatz gefunden haben hat mich sehr gefreut. Dass wir Kenneth Ogbe und Johannes Thiemman so früh im Sommer holen konnten, war ebenfalls sehr positiv, das sind auch gute, interessante Spieler. Insgesamt war die Offseason also positiv.

Aus reiner Neugier: Welches weitere Euroleagueteam außer Darüssafaka war noch an Martin Hermannsson dran?

Neben Darüssafaka war auch Zalgiris an ihm interessiert. Es gab noch viele andere Interessenten, aber die zwei waren konkret an ihm dran.

Da du vorhin Grigonis erwähnt hast: Im vergangenen Sommer hatte er für drei Jahre unterschrieben, offenbar aber mit der Option vorzeitig aussteigen zu können. Wie groß war die Überraschung über seinen Abgang?

Er hatte eine Buyout-Option in seinem Vertrag und so wie er gespielt hat, hatte ich schon befürchtet, dass etwas passieren könnte. Wir haben uns zwar gewünscht, dass dieser Fall nicht eintreten würde, aber letztendlich ist es doch passiert. Für einen gewissen Zeitraum sah es nämlich gut für uns aus, Marius hatte eine erste Anfrage bekommen und abgelehnt, weil er in Berlin sehr glücklich war und nicht unbedingt gehen wollte. Er wusste wie gern wir ihn bei uns im Verein haben und wie sehr wir uns um ihn bemüht hatten. Es musste also schon ein Angebot kommen, dass er absolut nicht ablehnen konnte, um ihn doch zu überzeugen. Und dieses Angebot kam dann doch noch. Aber darauf waren wir dann vorbereitet, weshalb wir dann schnell mit Rokas [Giedraitis] eine Alternative in petto hatten.

Marius Grigonis und Rokas Giedraitis kommen zwar aus dem gleichen Land, spielen mehr oder weniger die gleiche Position, sind aber sehr unterschiedliche Spieler. Welche Stärken und Unterschiede siehst du?

Dieser Wechsel ist natürlich kurios. Rokas ist in Litauen aufgewachsen, Marius ist, aus basketballerischer Sicht, eher in Spanien groß geworden. Marius ist ein sehr guter Shooter und ist stark im Dribbling, er ist sehr gut in Eins gegen Eins Situationen. Rokas Stärken liegen woanders. Er wirft zwar auch gut, ist aber auch athletisch und sehr schnell, das gefällt uns. Und er ist sehr stark in seinen Aktionen abseits vom Ball, bei Backdoor-Cuts z.B. Daran müssen wir uns anpassen. Wir verlieren also etwas ballhandling, das werden wir aber durch Martin Hermannsson auffangen, der in dieser Hinsicht sehr gut ist.

Du warst mit Thomas Päch bei der NBA-Summerleague, obwohl kein Alba Spieler dort aktiv war. Hat sich die Reise trotzdem gelohnt? Liegen die Vorteile eher beim networking als bei konkreten Verpflichtungen?

Ja, Summerleague ist hauptsächlich zum networking da, aber auch um Spieler kennenzulernen. Auch für die Zukunft kann man sich ein genaueres Bild machen. Das einzige Problem derzeit ist, dass das Format der Summerleague sich verändert hat. Früher war der Rahmen viel kleiner, es kamen nur wenig Fans und die Spiele waren hauptsächlich für Scouts gedacht. Heute gibt es viel mehr Spiele, mehr Zuschauer, alles ist voll. Es ist fast wie bei einem normalen Spiel, das ist manchmal etwas anstrengend. Es lohnt sich aber trotzdem, Thomas konnte sich viel mit anderen Trainern austauschen und hat viele Personen kennengelernt. Und wir als Verein konnten Spieler genauer kennenlernen. Wenn wir einen Spieler verpflichten, sehen wir ihn nicht nur einmal und nehmen ihn dann unter Vertrag. Nein, wir machen unseren Job über mehrere Jahre, besuchen all diese Veranstaltungen, füttern unsere Datenbank und wenn sich dann irgendwann etwas ergibt, sind wir bereit. Es geht also darum Erkenntnisse anzuhäufen, dafür bietet sich auch die Summerleague an.

Es geht ja sicherlich auch darum die Leute persönlich kennenzulernen, um zu wissen, wie sie ticken…

Ja, es ist mir sehr wichtig die Spieler „live“ zu sehen und nach Möglichkeit sie zu treffen und mit ihnen zu sprechen und sich vorzustellen. Ich erhalte dadurch auch eine Vorstellung vom Charakter der Spieler. Dass ich schon mal in der NBA gearbeitet habe hilft mir ab und zu auch, weil ich dann auch einfacher Zugang z.B. zu bestimmten Bereichen kriege. Dann lernt man natürlich auch viele andere Leute kennen. Es kommen Agenten, Scouts, Unternehmen auf einen zu, ich versuche meistens mit allen zu sprechen.

Im zweiten Teil geht es dann weiterhin um die Verpflichtungen und mögliche Änderungen am Spielstiel sowie Tendenzen im nationalen Basketball und die Reaktionen darauf. Stay tuned …!

 

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