Murmeltiertag … die Bonner kommen (schon wieder)!

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groundhog

So gut wie jeder kennt den Filmklassiker „Groundhog Day“ (Murmeltiertag, off. deutscher Titel: „Und täglich grüßt das Murmeltier“) aus dem Jahre 1993 mit Bill Murray in einer Glanzrolle in der er wieder und wieder und wieder den gleichen Tag erlebt, deja vù deluxe.

Nicht gleich jeden Tag, aber doch öfter als jedes andere Team erlebt man als Berliner Basketballfan in dieser Saison die Telekom Baskets aus Bonn. Wenn diese am Freitag, 11.04.2014 im Beko BBL Rückspiel in der O2 World auf Alba Berlin treffen ist das* nicht nur das 65. Duell der beiden Rivalen insgesamt sondern nach zwei Mal Eurocup, ein Mal Pokal und dem Bundesliga-Hinspiel bereits das fünfte Mal in dieser Saison, dass diese beiden Teams aufeinander treffen … und nach aktuellem Tabellenstand käme es auch in der ersten Runde der Playoffs erneut zu einem Kräftemessen zwischen Alba Berlin und den Baskets Bonn. Drei Mal hatte Alba die Nase vorn, ein Mal die baskets Bonn.

Telekom Baskets Bonn 2013/14; Quelle: Eurocup
Telekom Baskets Bonn 2013/14; Quelle: Eurocup

Telekom Baskets Bonn

gegründet

  • 1992 als BG Bonn 92 (Fusion aus Godesberger TV und Fortuna Bonn)
  • seit 1995 Telekom Baskets Bonn

nationale Erfolge

  • 5 x deutscher Vize-Meister (1997, 1999, 2001, 2008, 2009)
  • 2 x deutscher Vize-Pokalsieger (2005, 2009)

internationale Erfolge

  • diverse Viertelfinal-Teilnahmen in 2nd and 3rd level Europa-Wettbewerben

Halle: Telekom Dome
Kapazität: 6.000 Zuschauer
media: homepage, eurocup

ai_balken_Vergangenheit
Der Bonner Basketball hat eine lange Geschichte, die bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück reicht. Den entscheidenden Entwicklungsschub gab es jedoch 1995 mit dem Einstieg des seit dieser Zeit namensgebenden Telekommunikationsriesen. Mit diesem potenten Sponsor und den entsprechenden finanziellen Mitteln im Rücken gelang sofort in der Saison 1195/96 ungeschlagen der Aufstieg von der zweiten in die erste Basketball-Bundesliga. Dort wurde man gleich im ersten Jahr, also in der Saison 1996/97, deutscher Vizemeister.

Das Thema „Vize“ zog sich seit Anbeginn durch die Geschichte der Telekom Baskets Bonn. Mit gleich fünf Vize-Meisterschaften (und zwei Vize-Pokalen) in 16 Jahren wurde man so oft Zweiter, wie kein anderer Verein in einem vergleichbaren Zeitraum. Was Leverkusen im Fussball ist, ist Bonn im Basketball. Andererseits würden sich 16 Teams in der jeweiligen Saison über einen Vize-Titel freuen. Besonders tragisch war dabei die Vizemeisterschaft 2009 gegen Oldenburg, als man nach fünf Spielen wenige Sekunden vor Schluss bei eigenem Ballbesitz schon wie der sichere Sieger aussah, aber doch noch den Einwurf und das Spiel an Oldenburg abgab. Das war auch der bis dato letzte Vize-„Titel“ der Bonner. In den folgenden vier Jahren ging es sportlich ein wenig rückwärts, ein Mal wurden die Playoffs verpasst, die anderen drei Mal war im Viertelfinale Schluss; gewisse Parallelen zu Alba Berlin sind nicht von der Hand zu weisen. Bei den Bonnern besteht zum Teil auch ein Zusammenhang mit der vom Verein in Eigenregie erbauten Spielstätte, dem Telekom Dome. Da sind nicht alle Vorstellungen wie gewünscht aufgegangen, speziell im Bezug auf eine weitere Nutzung über den Basketball hinaus und damit verbundene Querelen mit der Kommune. Das hatte sicher auch finanzielle Relevanz. Das aktuelle Team macht jedoch den Eindruck, als könne man nun wieder etwas mehr in den Spielerkader investieren.

ai_balken_key_facts

Kader

backcourt
Jared Jordan, Eugene Lawrence, Andrej Mangold,
Ryan Brooks, David McCray
Benas Veikalas, Florian Koch

frontcourt
Tony Gaffney, Steve Wachalski,
Jamel McLean, Kurt Looby, Enosch Wolf

headcoach
Mathias Fischer

Die causa Jordan und der dicke Eugen

Wenn man über den aktuellen Kader der Bonner redet, kommt man natürlich nicht am „Fall Jordan“ vorbei. Kurz vor Ende der Wechselfrist wurde das Hirn des Teams, die Schaltzentrale in persona Jared Jordan von den brose baskets abgeworben. Das sorgte in ganz Basketball-Deutschland für großes Aufsehen, da es so eine Konstellation bisher in der ersten deutschen Liga noch nicht gegeben hat. Das Bonner Management hätte per Machtwort diesen Wechsel verhindern können, hatte jedoch zu große Zweifel an der Loyalität des Spielers für den Fall, daß man ihn zur Vertragserfüllung gezwungen hätte. Es soll wohl Anzeichen dafür gegeben haben, daß diese Zweifel berechtigt sein könnten. Somit liess man – wohl oder übel – den starting pointguard Richtung Süden ziehen, wo dieser in allen statistischen Kategorien auf (zum Teil deutlich) schlechtere Werte kommt. Die Bonner selbst mussten sich freilich auch einen neuen point guard suchen und wurden mit dem „dicken Eugen“ (Eugene Lawrence, ca. 107 kg auf 1,84 m verteilt), der aus der Ukraine kam und vorher auch nur in „minor leagues“ tätig war, fündig.

Das aufgezwungene, relativ risikoreiche Wechselspiel von Jordan zu Eugene Lawrence (27) ist angesichts der Umstände (es ist alles andere als einfach, kurzfristig mitten in der Saison einen guten Spielgestalter zu finden) aufgegangen. Lawrence ist zwar ein ganz anderer Spielertyp als sein Vorgänger, physisch und defensiv stärker aber langsamer, setzt aber ebenfalls seine Mitspieler effektiv in Szene, ohne ganz an Jordan in diesem Punkt heran zu reichen. Grundsätzlich ist man mit dem deal, bei dem es auch noch eine Ablösezahlung gegeben haben soll, ganz gut gefahren.

Unterstützt wird Lawrence im Bonner Backcourt vor allem von shooting guard Ryan Brooks (25), dem Top scorer der Rheinländer, der sich aktuell in blendender Form befindet. Mit 38 % Dreier-Quote strahlt er so viel Gefahr aus, daß der Gegner ihn dort draussen nicht stehen lassen kann, eine Feldwurf-Quote von knapp 53 % ist für einen guard sehr gut. Wichtig für die Defense der Bonner ist Andrej Mangold (27), der als „Kettenhund“ seine Gegenspieler zur Verzweiflung treiben kann. Offensiv kommt wenig vom Guard, aber ab und an ist er für einen Dreier gut, die er recht sicher trifft. Ebenfalls relativ geringen offensiven Output bringt der  deutsche guard David McCray (27), der seine zweite Saison am Rhein spielt. Sicher hatte man sich für das zweite Jahr noch mal eine Steigerung von McCray versprochen, diese ist jedoch im Wesentlichen ausgeblieben. Spielzeit, Punkte, Rebounds und Wurfquoten sind gegenüber der letzten Saison sogar noch mal gesunken. In der Defense hängt er sich jedoch mit viel Willen und Energie voll rein, dabei hilft seine sehr gute Physis. Der 30-jährige Benas Veikalas ist der dienstälteste Spieler der baskets und de facto der einzige echte kleine Flügel (small forward). Ein eiskalter Schütze von downtown! Kann er sein. Diese Saison hat er allerdings eine enorme Streuung in seinen Quoten. 1/7 und 4/6 innerhalb von drei Tagen. In den letzten beiden Wochen hat er jedoch seinen Wurf scheinbar wieder gefunden (2/2 und 2/4). Generell waren seine Quoten gegen Alba in dieser Saison mäßig, beim einzigen Sieg der Bonner in dieser Saison hatte er jedoch eine perfekte Trefferquote von aussen (2/2) und mit seinen 18 Punkten großen Anteil am Sieg der Baskets. Ab und an garbage time bekommt der junge Florian Koch (22); mit 4 Minuten aber zu wenig, um ihn wirklich in die Rotation zu rechnen.

Auf den großen Positionen begann schon die Off-season mit „Pleiten, Pech und Pannen“ oder try & error. Die Suche nach einem passenden Forward-Center erwies sich als relativ schwierig, sowohl Ben Averbuch als auch Damen Bell-Holter wurden nach kurzer Begutachtung als „gewogen, und zu leicht befunden“ betrachtet und wieder nach Hause geschickt. Im dritten Anlauf wurde dann Kurt Looby (30) mit der Aufgabe betraut – in der doppelten Wortbedeutung nicht die erste Wahl. Von einem erfahrenen, ausländischen Profi, der schon in Ludwigsburg seine Qualitäten gezeigt hat, muss man einfach mehr erwarten, als 4 Punkte, 3,5 Rebounds in weniger als 15 Minuten. Gute Ansätze bringt er – mal abgesehen vom Wurf – eigentlich mit. Aufgefangen wird die nicht ganz den Erwartungen entsprechende Performance von Looby durch die beiden Rückkehrer im Frontcourt, Jamel McLean (25) und Tony Gaffney (29). Beide ein wenig undersized, aber mit einer sehr guten Physis ausgestattet und oft schneller als ihre Gegenspieler im Frontcourt. McLean geht mit allem was er hat zum Korb und ist auf dem Weg dahin oft nur per Foul zu stoppen. Mit knapp 14 Punkten und 8 Rebounds ist er der offensiv wichtigste Spieler des Bonner Teams. Er holt fast jeden dritten Rebound des Teams, was natürlich FÜR die Fähigkeiten von McLean spricht, allerdings nicht unbedingt für das rebound-schwächste Team der Liga. Power Forward Tony Gaffney stiess erst spät zum Team, da er sich seinen Traum von der NBA erfüllen wollte (letztlich erfolglos), aber zum Saisonbeginn gut von Donatas Zavackas vertreten wurde. Gaffney kann sowohl direkt am Korb punkten als auch von jenseits der Dreierlinie einnetzen, auch wenn ihm letztere „Waffe“ in dieser Saison weitgehend abhanden gekommen zu sein scheint. Das hält ihn aber nicht vom Werfen ab; trotz nur bescheidener 18 % gönnt er sich 3,5 Versuche pro Spiel. Mit 11 Punkten ist er aber trotzdem eine wichtige Option im Bonner Offensiv-Spiel, aber auch in der Defense ist er mit seinen langen Armen, 5 Rebounds und 1,3 Blocks ein wichtiger Faktor. Der zur aktuellen Saison aus Weissenfels gekommene Veteran Steve Wachalski (31) verschafft den Stars im Frontcourt ab und an mal eine Pause.

Der neu zur Saison aus Giessen gekommene Coach Mathias Fischer muss mit einer recht kleinen 9er Rotation auskommen. Jede Verletzung führt da zwangsläufig zu einem Leistungsabfall und zur einen oder anderen unerwarteten Niederlage. Allerdings führt das auch zu einem Zusammenrücken und zu einer klaren Team-Hierarchie. Die Rollen sind klar verteilt, einen großen teaminternen Konkurrenzkampf gibt es kaum. Die Qualität in der Spitze, bei den Leistungsträgern, ist durchaus ligaweit top und konkurrenzfähig, in der Tiefe fällt es zu früh und zu stark ab. Bonn ist ein sehr defensivstarkes und ballsicheres Team, leistet sich die wenigsten Ballverluste der ganzen Liga. Das Problem der wenigen Rebounds liegt natürlich daran, daß der einzige echte Center Kurt Looby wenig spielt und auf der Bank holt man nun mal keine Rebounds. Aber gerade auch der back court der baskets holt mit ca. 11 Rebounds weniger als der back court bei den meisten anderen Teams. Nichtsdestotrotz steht Bonn mit 17 Siegen auf einem sicheren sechsten Platz. Das dank ihrer wirklich guten Defense und der emotionalen, kämpferischen Spielweise. Damit können sie für jedes Team der Liga ein unangenehmer Gegner sein.

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Nur auf Leverkusen, Bamberg und Giessen traf Alba in der Historie öfter als auf die Bonner. Von den bisher 64 Spielen konnte Alba 40 gewinnen, Bonn folglich 24. Dabei konnte man eine Menge erleben, die Spiele gegeneinander waren oft von Emotionen, Kampf und knappen Ergebnissen gezeichnet. Als Alba-Fan verbindet man mit den baskets Bonn natürlich die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte, die 1997 in Bonn gefeiert wurde. Gefeiert wurde im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch auch die Bonner hatten mit der sensationellen Vize-Meisterschaft in der Aufstiegssaison allen Grund zu feiern. Das mit dem gemeinsamen Feiern hat sich dann relativ schnell gegeben und wich einer sportlichen Rivalität. Auch am Rande der 28 x 15 m entwickelte sich eine Rivalität zwischen den Fangruppen, man mag sich gegenseitig nicht so besonders, gemeinsame Wechselgesänge würden Berliner und Bonner eher nicht anstimmen. Die rheinische und „preussische“ Mentalität unterscheiden sich wohl doch recht deutlich.

Auch in der aktuellen Saison bieten die Duelle der „ewigen“ Rivalen eine Menge an Leidenschaft und Dramatik. Während im ersten Duell im Eurocup die Bonner noch überrascht und überrannt wurden, brachten die weiteren drei Begegnungen knappe Spiele und Ergebnisse. Beide Teams hatten dabei je ein Mal das Glück auf ihrer Seite. Beim BBL-Hinspiel in Bonn, welches extrem defensiv geprägt war, ging den Bonnern auf den letzten Metern der „Sprit“ aus und Alba war drauf und dran ein Spiel doch noch zu gewinnen, bei dem sie über weite Strecken dem Gegner hinterher gehechelt waren, aber ein riesiger black out von Alex King, entschied das Spiel zugunsten der Rheinländer. Auch das Eurocup-Spiel in Berlin war bis Mitte des vierten Viertels knapp, knapper als es die zweistellige Punktedifferenz vermuten lässt. Zum Ende hin hatte Bonn dann wieder nicht genug zuzusetzen. Anders sah es da schon beim Pokalspiel aus, wo Alba mal das Glück auf seiner Seite hatte. Anders kann man den Wahnsinns-Wurf von Reggie Redding echt nicht bezeichnen. Ohne diesen hätte Alba beim Pokal nur zugeschaut und Bonn wäre mit relativ großer Sicherheit Vize-Pokalsieger geworden.

In den letzten drei Saisons trafen die beiden Teams acht mal aufeinander, sechs der Spiele konnte Alba für sich entscheiden. Allerdings war eine der beiden Niederlagen in der O2 World im Jahre 2011, unschlagbar ist Alba zu Hause nicht.

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Beim BBL-Spiel am Freitag spricht eine Menge für Alba. Die gute Defense, die aktuelle Form, der Wegfall der Doppelbelastung, bessere Werte in fast allen Team-Statistiken, die fast weisse Heim-Weste in dieser Saison in der O2 World (nur eine einzige Niederlage).  Aber das war vor Spielen gegen Bonn oft schon die Ausgangslage; am Ende wurde es dann doch knapper, als vorher erwartet. Bonn kann sich in ein Spiel „reinbeissen“ … wenn man sie lässt. Dann kann es so laufen, wie beim Pokalspiel. Beim fünften Aufeinandertreffen ist nicht mehr mit riesigen Überraschungen zu rechnen, die Teams kennen sich inzwischen gut genug. Wie zuvor wird es ein Kampfspiel, nichts für Ästheten, aber so läuft es nun mal, wenn sich zwei Teams gegenüber stehen, die sich stark über die Defense definieren. Es ist – wie meist gegen Bonn – mit einem verbissen geführten Kampfspiel zu rechnen, bei dem es interessant zu beobachten sein wird, wie gut Alba mit der nochmals verbesserten Physis der Bonner klar kommt. Jordan, der bei der einzigen Niederlage in dieser Saison Alba vor große Probleme stellte, ist nicht mehr auf Bonner Seite dabei, aber daß es gegen Lawrence viel einfacher wird, darf bezweifelt werden. Bei Alba fehlte beim BBL-Hinspiel Leon Radosevic und wurde stark vermisst. Uros Slokar passte doch nicht ganz so gut gegen den agilen Bonner Frontcourt, wie der beweglichere Kroate. Für beide geht es um die Vorbereitung auf die Playoffs und um eine optimale Ausgangslage für diese, für Brisanz ist also gesorgt. Für Alex King und Jonas Wohlfarth-Botterman aka WoBo geht zudem noch um ein Wiedersehen mit ihren alten Kollegen. Alles in allem kann man sich als Berliner mit verhaltenem Optimismus auf ein hoffentlich interessantes Spiel freuen.

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