Mit Aggressivität zurück auf die Erfolgsspur

Mitchell Watt beim Fotoshooting
Mitchell Watt beim Fotoshooting

Irgendwann reißt jede Serie; Alba Berlin hat am Wochenende in Oldenburg die erste Niederlage in der BBL kassiert. Wettbewerbsübergreifend war es das zweite verlorene Spiel in Serie. In solchen Phasen werden die Leistungen einzelner Spieler genauer unter die Lupe genommen. Besonders die Neuzugänge werden meist kritischer betrachtet. Mitchell Watt konnte im bisherigen Saisonverlauf noch nicht glänzen, vom Power Forward wird viel mehr erwartet. Wie kann Watt der Durchbruch gelingen?

Auch im Sport wiederholen sich Geschichten, bis sie zu Klischees werden. Ein solche Geschichte hört sich folgendermaßen an: Ein Sportler besiegt eine schwere Krankheit und kommt gestärkt davon zurück, ist mental und körperlich tougher und legt eine erfolgreiche Karriere hin.

Mitchell Watt bricht ein wenig mit diesem Vorurteil. Der US-Amerikaner erkrankte während seiner College-Zeit am Guillain-Barré-Syndrom. Die seltene Nervenkrankheit setzte Watt außer Gefecht, die Ärzte machten ihm nicht sonderlich viel Hoffnungen, dass er seine Basketball-Karriere fortsetzen könne. Watts Umfeld beeinflusste ihn jedoch positiv, wie er uns vor der Saison im Interview erzählte: „Zum Glück hatte ich gute Leute um mich herum, die mich ermutigt haben.“ Und noch etwas spielte eine entscheidende Rolle. Die Sturheit des Power Forwards, der meint „Ich hatte immer im Kopf, dass ich zurück aufs Feld wollte. In welchem Zustand auch immer, ich wusste, ich werde zurückkehren. Ich habe immer darauf hingearbeitet, für mich gab es keine andere Option.“ Die Dickköpfigkeit zahlte sich aus, nach bestandener Reha ging die Basketball-Karriere weiter. Es reichte zwar nicht ganz für die NBA, aber im Jahr 2012 startete Watt seine Profi-Karriere in Israel bei Hapoel Gilboa Galil.

Drei Jahre später steht Mitchell Watt im Trikot von Alba Berlin auf dem Feld. Knapp zwei Monate nach Saisonstart wird der Power Forward von den Fans besonders kritisch betrachtet. Von allen Neuzugängen wirkt er am blassesten. Erschwerend hinzukommt, dass er rein positionstechnisch schnell mit seinem Vorgänger, Jamel McLean verglichen wird. Ein unfairer Vergleich, der jedoch auch den größten Kritikpunkt verdeutlicht. Watt spielt soft, ihm fehlt toughness. Während McLean auf dem Weg zum Brett und unter dem Korb nur durch Fouls zu stoppen war, wirkt es bei Watt oft so, als würde er den Kontakt am Brett lieber meiden. Dabei ist der 25-Jährige für die Länge von 2,08 Meter ziemlich athletisch und agil, sein Mitteldistanzwurf ist in Ordnung. Er macht jedoch zu wenig daraus. Des Weiteren ist der US-Amerikaner extrem abhängig von seiner linken Hand. Egal in welcher Position er den Ball hat, Watt versucht immer über links abzuschließen. Das macht ihn berechenbar und folglich auch leichter zu verteidigen.

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Egal von wo: Am Ende schließt Watt immer mit Links ab

Mitchell Watt scheint in Israel etwas bequem geworden zu sein, der Wechsel zu Alba und zu Sasa Obradovic sollte auch Gewohnheiten aufbrechen und neue Reize setzen, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Oder wie Watt es formulierte: „Er [Sasa Obradovic] pusht mich aus meiner Komfortzone, streckt mich als Spieler und Mensch in verschiedene Richtungen. Ein Wechsel war für mich besonders notwendig, weil ich eben so lange in einer Liga gespielt habe.“ Die Betonung liegt auf der besonderen Notwendigkeit, Watt selbst gesteht ein, es eher ruhig zu mögen. Alba hat das Potenzial des Spielers gesehen, nun wird sich zeigen, ob Sasa Obradovic ihm die fehlende Aggressivität einbläuen kann. Dazu fehlt es noch an taktischer Schulung, Watt muss noch lernen, dass es nicht mehr reicht, einfach nur hoch springen zu können. Spielverständnis der Bigman ist bei Sasa Obradovic besonders gefragt, beim US-Amerikaner besteht hier (im Vergleich z.B. zu Levon Kendall) noch deutlich Nachholbedarf.

Eingewöhnungszeit für die Neuzugänge hat Sasa Obradovic eingeplant. Vor der Saison erzählte uns der Chefcoach: „Vor allem die drei Neuzugänge aus Israel [Taylor, Watt, Aska] müssen sich umgewöhnen, sie hatten andere Rollen und haben mehr für ihre eigenen Statistiken gespielt. Jetzt müssen sie sich an das Zusammenspiel im Team gewöhnen.“ Bei Ivan Aska hat Alba Berlin sehr früh die Reißleine gezogen, bei Watt zeigt man sich geduldiger. Man muss den Power Forward auch nicht schlechter machen als er ist, trotz aller Probleme führt er das Team in der BBL immerhin bei den Rebounds und Blocks an. Wie gut könnte Watt also sein, wenn er mit mehr Selbstbewusstsein auftritt und offensiv wie defensiv die richtigen Entscheidungen trifft?

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Die Saison ist noch lang, aber früher oder später wird ein Durchbruch erwartet. Auch wenn Watt einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben hat, kann es sich Alba eigentlich nicht leisten ewig auf eine Verbesserung zu warten. Die Erwartungen an die persönliche Entwicklung der Spieler sind nach den letzten beiden Jahren sehr hoch. Im September sagte uns Sasa Obradovic: „Manchmal reicht gutes Scouten nicht. Auch wenn wir versuchen Spieler mit Potenzial zu holen, besteht immer das Risiko, dass der Plan nicht aufgeht und Spieler sich nicht wie erhofft entwickeln. Das muss allen bewusst sein.“ Watt muss die Sturheit und das Selbstvertrauen zurückfinden, das ihm einst aus seiner schwersten Lebenssituation geholfen hat. Dann könnte sich die Geschichte schließen und ein altes Klischee wieder bestätigt werden.

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