Julius Jenkins: Vom Publikumsliebling zum Erzfeind !?

Photo: Charlymula
Jenkis am Boden - Photo: Charlymula

„Auspfeifen, applaudieren, ignorieren?“ Das wird wohl der Gedanke der meisten Zuschauer sein, wenn am kommenden Sonntag Alba Berlin auf Bamberg trifft und Tom Böttcher, der heimische Hallensprecher, Julius Jenkins als Spieler in Reihen der Gäste vorstellen wird.

So einige Wechsel der vergangen Offseason und deren Bewertung spalten die Alba-Fans. Während der Doppelwechsel von Gordon Herbert und DaShaun Wood von den Frankfurt Skyliners an die Spree schon für Aufregung sorgte und die Fans irritierte, schlug der Stimmungsbarometer beim Abgang vom ehemaligen MVP  Julius Jenkins in alle Richtungen aus: Enttäuschung, Erleichterung, Wut und Gleichgültigkeit prägten die Kommentare zum Abschied des ehemaligen Publikumslieblings.

Die Ausganslage scheint eigentlich klar: Das prägende Gesicht der letzten fünf Jahre verlässt den Verein und wechselt zum Erzrivalen aus Bamberg. Doch die zahlreichen Faktoren um den Wechsel, lösten bei den Berlinern verschiedene Reaktionen aus.

Franchiseplayer, eine Rolle die nie gepasst hat

Unbestreitbar, dass Julius Jenkins in den vergangen Jahren das Gesicht des Vereins war: 4154 erzielte Punkte, zweimaliger MVP der Regulären Saison, dreimalig „Bester Offensivspieler“ und einmal Finals-MVP in 5 Jahren als Alba-Akteur sprechen vom individuellen Aspekt eine eindeutige Sprache. Mit  seiner coolen Spielweise und den markanten Rasta Locken als Markenzeichen war Jenkins selbst bei weniger Basketball-affinen Menschen in der Hauptstadt ein Begriff. Auf Wagen der Müllabfuhr, in der U-Bahn oder in der Zeitung: Jenkins wurde vom Verein bewusst als Werbemittel eingesetzt. Man erhoffte sich anscheinend, wie die Fans auch, endlich wieder einen richtigen Franchiseplayer zu haben: Einen Spieler, um dessen individuelle Klasse ein Team aufgebaut werden kann.

Leider schien Jenkins für diese Rolle charakterlich nicht zu liegen: über die Jahre erarbeitete sich der US-Amerikaner den Ruf als „Crunchtime-Pussy“ indem er in den entscheidenden Spielsituationen und wichtigsten Phasen der Saison abtauchte. Es verwunderte also nicht, wenn Europäische Erfolge wie das Erreichen der Eurocup Finals oder des „Euroleague Top 16“ in Abwesenheit von Jenkins stattfanden (zu den damaligen Zeitpunkten verletzt).

Auch abseits des Feldes erfüllte der 30-Jährige nicht die Rolle einer Identifikationsfigur und so zog es ihn  stets zu seiner Familie nach Hause und der Kontakt mit anderen Mitspielern oder Fans wurde nur bedingt gesucht. Ein Verhalten, welches Prinzipiell in Ordnung ist aber den Erwartungen an die Position Jenkins nicht gerecht wurde.

Der Wechsel: Realität vs. Romantik 

Obwohl viel Kritik an Jenkins im Laufe der Zeit von den Berliner Fans laut wurde, empfanden viele den Wechsel zu Bamberg als eine scheppernde Ohrfeige. Trotzt des Bewusstseins, dass gefühlte 99% der professionellen Basketballspieler in Deutschland eiskalte Söldner sind, hatte man nach 5 Jahren im Dress von Alba Berlin, als Fan gehofft, Jenkins habe zumindest teilweise eine Bindung zum Verein und zu der Stadt aufgebaut und würde zumindest den Abgang zum verhassten Erzrivalen nicht in Betracht ziehen. Doch die Wahrnehmung als Fan ist leider oft nicht objektiv und so holte die Realität die Berliner Fans schnell ein: Nachdem klar wurde, dass man beim Hauptstadtverein indirekt nicht weiter mit Jenkins planen wollte schlug Bamberg zu.

Wer nun als Alba-Fan in Jenkins  einen „Verräter“ erkennt, ist wohl Romantiker und vermutet im ehemaligen MVP mehr als nur einen individuell talentierten Spieler, der über einen längeren Zeitraum für einen Verein gespielt hat. Die enttäuschten Erwartungen spiegeln sich in den Kommentaren wider.

Zu den Zuschauern, die am Sonntag aus Höflichkeit und für die Leistungen der Vergangenheit Jenkins applaudieren werden, gesellen sich diejenigen, die im Verlaufe der Jahre mehr Jenkins als Alba Fans geworden sind. Diese „Fans“ sollten nochmal überdenken weswegen sie eigentlich jede zweite Woche in die o2-World pilgern.

Als dritte Reaktion bleibt für Sonntag noch das Schweigen bzw. Ignorieren übrig. Diese Gruppe, zu der ich mich als Autor auch zähle, hat erkannt, dass Jenkins nicht mehr war, als ein hochbegabter Spieler, der aus verschiedenen Gründen über einen längeren Zeitpunkt in Berlin geblieben ist. Natürlich hat Jenkins viele herausragende Leistungen in der Vergangenheit erbracht, doch die Identifikation gegenüber dem Verein ließ, zumindest in der Außendarstellung, zu wünschen übrig. Jenkins suchte nie den Kontakt zu den Fans und zog sich nach Spielen stets zurück. Auch die Berliner Presselandschaft machte die Zurückgezogenheit des Alba-Gesichts zu schaffen.

Wenn es am Sonntag heißt: „Mit der Nummer 11: Julius Jenkins“ ist wohl mit keinem Pfeifkonzert zu rechnen. Sollte der Applaus aber eher gemäßigt ausfallen, ist es die Bestätigung, dass Julius Jenkins und Alba Berlin letztendlich doch nicht so gut zusammengepasst haben.

Alba Berlin- Brose Baskets Bamberg

20.11.2011, 17:00 Uhr- o2 World

3 Gedanken zu „Julius Jenkins: Vom Publikumsliebling zum Erzfeind !?“

  1. Ich wurde trotz der Dinge, die Du beschrieben hast und denen ich zumindest in Teilen zustimme, schnell von seinem Spiel und seiner Ausstrahlung auf dem Feld in den Bann gezogen. JJ ist ruhig und eher introvertiert – das taugt nicht zur Rampensau – ist aber wenigstens authentisch. Ihm war ALBA und die Fans wichtig (schau auch mal auf seine FB Seite), aber Basketball ist auch ein Geschäft.
    Ich hatte viele tolle Momente dank JJ und deshalb hat er am Sonntag Applaus verdient (in POS und das letzte Spiel in Bamberg sind noch in lebhafter Erinnerung!!
    Wie gut er und Alba zusammen gepasst haben, wird vielleicht die Zukunft zeigen. Dann wird man bewerten können, was die Jahre 2006-2011 tatsächlich wert waren, denn man ist ja ziemlich erfolgsverwöhnt.
    Individuell war JJ ganz großes Kino in Berlin und ich vermisse sein Spiel bei ALBA!!!

  2. Schöne Einstimmung auf den kommenden Sonntag. Trotzdem zähle ich mich zu der vierten, bislang noch nicht benannten, Gruppe (Wenn ich Soeh mitzähle, dann Gruppe 5). Mir lag nie besonders viel an Jenkins, auch wenn es Spiele gab, in denen er die Kohlen aus dem Feuer holte und er mich wirklich jubeln ließ. Grundsätzlich erwarte ich nicht mehr von Spielern, als ALBA umgekehrt ihnen zu garantieren hat: Solange sie unter Vertrag stehen, sollen sie sich den A* aufreißen.
    Wem der Spieler mein Herz gehört, das entscheide ich nicht nach Punkten oder Crunch-TimePunkten, sondern nach Typ und Engagement (das sich auch mal im Handtuchwedeln ausdrücken kann).
    Deswegen werde ich Jenkins beklatschen, wie ich z. B. Chubb beklatschte, aber niemals so wie Rödl oder sogar Obradovic, Mamic….

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