In Rekordzeit komplett – ein Blick auf den neuen Kader von Alba Berlin

Der Kader von Alba Berlin für die Saison 2018-19 Grafik (c): Alba Berlin
Der Kader von Alba Berlin für die Saison 2018-19
Grafik (c): Alba Berlin

Am 23.07.2018 verkündete ALBA Berlin nach der Verlängerung des Vertrages mit point guard Peyton Siva: Alles fertig, der Kader steht! Es dürften sich nur sehr, sehr alte Menschen daran erinnern, dass der Kader einmal früher komplett war. Auf jeden Fall, der richtige Moment, mal einen Blick darauf zu werfen, inwieweit sich der Kader trotz weniger Neuverpflichtungen verändert hat und auf welche Weise.

Immer wieder hört man, wie unglaublich kompliziert Jahr für Jahr die Zusammenstellung des neuen Kaders ist. Da treffen einfach jede Menge Variablen aufeinander, die sich gegenseitig bedingen. Wenn der eine Spieler verpflichtet werden könnte, braucht man auf einer anderen Position einen anderen, der komplentär zum ersten passt. Nun lässt sich unter Umständen der eine leidlich Zeit, darüber verliert der andere die Geduld. Oder die Vorstellungen über das Gehalt müssen länger verhandelt werden, manchmal kommt man nicht auf einen gemeinsamen Nenner usw. usf. Und das Ganze betrifft gleich 12 Puzzleteile, die ineinander greifen.

Noch etwas schwieriger wird es, wenn man ein erfolgreiches Team zusammen halten möchte. Denn, eines ist klar, Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Nicht nur den Wunsch, erfolgreiche Spieler weiter zu verpflichten, sondern natürlich auch bei den Mitbewerbern. Diese muss man abwehren können. Dafür braucht man ein schlüssiges Konzept, oft soft facts wie „feel good“, aber vor allem natürlich auch Geld. Es kennt jeder aus seinem privaten Bereich: Wenn man einen guten Job gemacht hat, möchte man dafür anerkannt werden, auch in Form von Heller und Pfennig, neudeutsch Euro und Cent. Da kann es Unterschiede in der eigenen Wahrnehmung und der des Chefs geben und man muss sich irgendwo treffen – oder woanders sein Glück suchen, wenn andere die eigene Leistung deutlich mehr wertschätzen (und vergüten können). Nicht anders ist es bei Alba Berlin, bloß müssen sich dort Spieler und Himar Ojeda einigen. Dass man wichtige Spieler wie Siva, Clifford und Peno weiter verpflichten konnte, spricht für eine verbesserte finanzielle Stärke, nach Aussagen des Vereins konnte der Etat erneut erhöht werden.

Staff

Wenig Beachtung fand die Info, dass sämtliche Mitarbeiter im sog. „Staff“ gehalten werden konnten. Ungerechtfertigt, also die geringe Beachtung. Schließlich handelt es sich um Top-Leute mit Ambitionen. Seien es die beiden Co-Trainer Israel Gonzalez und Thomas Päch, die berechtigte Bestrebungen haben sollten, einmal verantwortlich als Cheftrainer zu arbeiten – zumindest aber in der kommenden Saison weiter bei Alba Berlin. Sei es Carlos Frade, der als Individualtrainer jede Menge Spieler individuell deutlich verbessert hat. Oder die Nachwuchscoaches Vladi Bogojevic und Josef Dulibic, die mit JBBL und NBBL Deutscher Meister wurden, das Ärzte-Team, Athletiktrainer Pepe Moreno, Physio Henrik Lange und – last but not least – der inzwischen fast zum Inventar gehörende Teambetreuer Thommy Thorwarth. Es ist alles andere als selbstverständlich, ein Team aus so renommierten Leuten komplett zusammen zu halten. Auch jenseits der Bande hat das Team um Himar Ojeda einen guten Job gemacht. 

Kommen und Gehen

Vier kommen, vier gehen, sieben bleiben. Komplett wird man ein Team nie zusammen halten können, sicher auch nicht wollen. Man erinnere sich an die Saison 2001-02, als man in Berlin das Team komplett zusammen hielt und noch mit Mithat Demirel verstärkte und trotzdem eine ziemlich turbulente Saison hatte. Die richtige Mischung aus Kontinuität und Verstärkungen ist wohl das Erfolgsrezept. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht immer alles klappt. Für Alba traf das in Bezug auf Marius Grigonis zu. Der bekam ein Angebot seines Heimatclubs Zalgiris Kaunas, inklusive der Möglichkeit, in der Euroleague zu spielen – das konnte Alba nicht matchen und musste den Litauer, der eine DER positiven Entdeckungen der abgelaufenen Saison war, wohl oder übel ziehen lassen – Vertrag hin, Optionen her. Man kann nicht immer gewinnen.

Spencer Butterfield out / Martin Hermannsson in

Mit Spencer Butterfield hat sich Alba von einem absoluten Spezialisten getrennt, dessen Wert oft ein wenig unterschätzt wurde. Shooter gibt es wie Sand am Meer, fangen – werfen – treffen und wieder von vorn. Nur wenige können es aber so sicher wie Butterfield, können innerhalb eines Viertels 6 von 8 Dreier versenken und „nebenbei“ noch 9 Rebounds einsammeln (gegen die BG Göttingen). In Verbindung mit guter Verteidigung und Arbeit beim Rebound ergibt sich ein Gesamtpaket, wie man es in der BBL so nur selten findet. Dass es trotzdem nicht zu einer Verlängerung gereicht hat, könnte – rein hypothetisch – an den finanziellen Vorstellungen gelegen haben. Ein bedeutender Aspekt könnte allerdings auch rein sportlicher Natur sein. Butterfield kann eine Menge Dinge sehr gut, Spielaufbau gehört jedoch nicht so unbedingt dazu. In der abgelaufenen Saison hatte Alba immer wieder Probleme, wenn Aufbauspieler Peyton Siva Verletzungen auskurieren musste und der Spielaufbau mehr oder weniger allein am jungen Stefan Peno hing. Mit der Verpflichtung von Martin Hermannsson, der ein sog. Combo Guard ist, also die Positiionen 1 und 2 spielen kann, versucht man hier eine Absicherung zu schaffen. Hochtalentiert und mit jeder Menge Potenzial für weitere Entwicklungen ausgestattet ist der junge Isländer, den wir euch hier schon mal vorgestellt hatten. Ohne Risiko ist das Ganze nicht. Seine Offensive ist über jeden Zweifel erhaben, 14 Punkte bei 42% Dreierquote in der französischen Liga sowie 22 Punkte bei 44 % Dreierquote sprechen da für, auch wenn er diese Zahlen bei Alba wohl nicht auflegen wird. Denn 33 Minuten im Schnitt wird er in Berlin wohl nicht spielen müssen. Als relativ schmächtiger Spieler steht auch ein Fragezeichen dahinter, wie er in der physisch starken BBL gegnerische point und shooting guards in der Defense vor sich halten kann. Zudem ist es von einem Team aus dem unteren Drittel der französischen Liga zu einem – inzwischen wieder – Top-Team der BBL kein kleiner Schritt. Spencer Butterfield war ein gestandener Leistungsträger, Martin Hermannsson ist vielleicht auf dem Weg dahin, ist jedoch deutlich flexibler einsetzbar, als sein Vorgänger.

Akeem Vargas out / Kenneth Ogbe in

Den Abgang von Vargas sieht man schon mit anderhalb weinenden Augen. Er hat sich immer den Dienst der Mannschaft gestellt und für den Teamerfolg hart gearbeitet. Das taucht in keiner Statistik der Welt auf. Er war der dienstälteste Spieler und immer loyal. Seine Offensive war nicht schlecht (59% Zweier, 39 % Dreier), aber er konnte diese zu selten zeigen. Das Pech eines guten Schützen ist es, wenn er von sehr guten umgeben ist. Es ist zu erwarten, dass er in Frankfurt offensiv wieder deutlich mehr produzieren kann. Seine Defensive gehört immer noch zum Besten in Deutschland auf den Guard Positionen. Das Management von Alba hat sich auf dieser Position jedoch zu einem Generationenwechsel entschieden. Für den 28-jährigen Vargas kommt der 23-jährige Kenneth Ogbe, der bei ALBA Berlin den ersten Schritt in den Profi-Basketball macht. Ein gestandener Profi wird getauscht gegen die Hoffnung auf eine sehr positive Entwicklung. Nicht gerade risikoarm, aber no risk, no fun. Früh, genauer gesagt im Trainingslager in Krajnska Gora, war uns dessen Talent aufgefallen. Im Sommer hat er für die deutsche A2-Nationalmannschaft in China einige gute Spiele absolviert, sodaß zu hoffen bleibt, dass er nahtlos bei Alba den Einstieg in den Profi-Basketball schaffen wird. Er ist physisch stärker als sein Vorgänger und auch offensiv talentierter, defensiv tritt er im Vergleich mit Vargas in große Fußstapfen und dessen Erfahrung kann er auch nicht haben.

Marius Grigonis out / Rokas Giedraitis in

Marko Baldi machte keinen Hehl daraus, dass man Marius Grigonis gerne gehalten hätte, hat nicht geklappt, so ist das Leben. Die Gründe für den Wunsch nach Verlängerung sind offensichtlich, Grigonis war eine der positiven Überraschungen der Saison und hat bei Alba sein Spiel auf ein neues Level heben können. Das hat ihm nun eine Verpflichtung bei einem Euroleague-Team eingebracht, die man ihm persönlich sehr gönnt, aus Berliner Sicht aber genauso bedauert. Er versprühte positiv ansteckende Emotionen und eine Menge Kreativität und Spielwitz. Sein Nachfolger Rokas Giedraitis ist dagegen eher der Typ „harter Arbeiter“, knapp 2 Jahre älter und erfahrener, etwas größer und stärker. Gerade Letztes dürfte ein Punkt gewesen sein, der für ihn gesprochen hat. Während Grigonis ein Flügelspieler ist, der auch mal auf die guard Position ausweichen kann, ist Giedraitis jemand, der von der kleinen auch mal auf die große Flügelposition ausweichen kann. Damit kann er ein stückweit ein strukturelles Problem beheben, was sich in der vergangenen Saison leider in den Playoffs mit der Verletzung von Tim Schneider aufgetan hatte: Der Frontcourt war personell recht dünn besetzt. Da kann Giedraits besser aushelfen. In der vergangenen Saison haben beide Litauer im Eurocup gespielt, bis auf 6 Sekunden sogar mit identischer Spielzeit, die Werte lassen sich also recht gut vergleichen. Weit liegen beide da nicht auseinander. Grigonis der klar bessere Dreierschütze, Giedraitis klar stärker aus dem 2er Bereich. In der Hauptrunde der Abgang etwas stärker, in den Top16 der Zugang. In der litauischen Nationalmannschaft hat jedoch Grigonis klar die Nase vorn. Beide haben ein unterschiedliches Profil, unterschiedliche Stärken, es bleibt zu hoffen, dass der Neuzugang seinen Vorgänger durch Leistung bald vergessen machen wird. Das wird bei der Vorgabe jedoch nicht so einfach.

Bogdan Radosavljevic out / Johannes Thiemann in

„One can’t teach height!“, heißt es, also Größe kann man nicht antrainieren. Sehr große Spieler können das Spiel des eigenen Teams und des Gegners erheblich verändern. Wenn es nicht so wäre, wären Spieler größer 2,10 m nicht so teuer. Einen davon verliert Alba durch den vom Verein selbst initiierten Abgang von Bogdan Radosavljevic. Ein Center mit weichem Wurf und guter Beweglichkeit, der sich aber in den zwei Jahren in Berlin, wohl nicht so schnell entwickelt hat, wie man es sich erhoffte. Er hat sich immer voll reingehängt, aber man hatte oft das Gefühl, dass ihm seine eigene starke Emotionalität im Weg steht, im Wollen alles richtig zu machen und durch Ärger über mißlungene Aktionen hat er ein ums andere Mal die Konzentration und den Fokus auf das Spiel verloren und konnte somit sein durchaus beachtliches Potenzial öfter nicht aufs Parkett bringen. Abgeklärtheit nennt man es wohl, die wird mit dem Alter angeblich beser, aber mit 25  Jahren ist er nun auch nicht mehr ganz jung. Immerhin ein Jahr älter als Johannes Thiemann (24), der aus Ludwigsburg nach Berlin wechselt. Mit nur 2,05 m ist er ein relativ kleiner Center und ein komplett anderer Spielertyp. Aufgrund der fehlenden Länge muss er andere Wege zum Erfolg suchen, aus der Bewegung heraus scoren, Schnelligkeit ausspielen. Das hat er in der Vergangenheit zumindest so gut gemacht, dass es zum Nationalspieler gereicht hat. Zudem hat er den Dreierwurf im Repertoire, den er nicht oft einsetzt, der aber mit 37 % so gut ist, dass er vom Gegner nicht an der Dreierlinie frei stehen gelassen werden kann. Das schafft Räume für die Mitspieler. Er kann – anders als „Boggy“ – auch neben Dennis Clifford gemeinsam auf dem Feld stehen. In der Defense kann er besser die in der BBL weit verbreiteten kleineren Center, oft große Power Forwards, verteidigen. Diesen Spielertyp musste in der letzten Saison oft Luke Sikma verteidigen, der nun durch Thiemann entlastet wird, wenn alles so läuft, wie geplant.

Und in Summe…?

Das jüngste Team der BBL wird noch einmal ein bisschen jünger, verbunden mit allem Risiko, dass mit Jugend und Unerfahrenheit verbunden ist. Drei der vier Neuzugänge sind – zum Teil deutlich – jünger als ihre Vorgänger, lediglich Giedraitis bringt mehr Erfahrung mit, als Marius Grigonis. Mit der Verpflichtung von Martin Hermannsson wird ein Malus der Vorsaison – die starke Abhängigkeit von Peyton Siva – hoffentlich behoben. Alles in allem dürfte das Team etwas Gefahr von außen einbüßen, in dieser Hinsicht wiegen die Abgänge von Butterfield und Grigonis schwer. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, schließlich war Alba das treffsicherste Team der BBL aus der Distanz und wird immer noch ein sehr gutes sein. Auf der anderen Seite ist das Team athletischer geworden, ein stärkerer Zug zum Korb ist zu erwarten und dank Team auch der Raum dafür.

Alba Berlin hatte wie gesagt in Rekordzeit das neue Team zusammen, viele Wünsche des Coaches und des Managements  scheinen da in Erfüllung gegangen zu sein. Sollten nicht schwere Verletzungen das Team entscheidend zurück werfen, spricht wenig gegen eine Wiederholung der so erfolgreichen Saison 2017-18. Bayern München ist als Titelverteidiger natürlich der Gejagte und wird das schon sehr gute Team noch weiter verstärken, aber dahinter können sich die Berliner als erster Jäger etablieren und diese Rolle für die Zukunft einnehmen. Dass man den Kern des Teams zu großen Teilen zusammen halten konnte, kann auch als positiver Fakt gesehen werden, viele kennen ihre Mitspieler und die Systeme des Coachs bereits sehr gut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.