Im Gespräch mit Thomas Pletzinger. Über sein aktuelles Buch … und vieles mehr.

Thomas Pletzinger

Mittdreissiger, sportlich, federnder Gang, leger gekleidet, Ultra-Kurzhaar-Frisur, relativ groß gewachsen, durchschnittlich groß für einen Basketballer, den Ex-Basketballer nimmt man ihm ab. Kleine, dunkle Augen, flink die Umgebung scannend, immer auf der Suche nach einem interessanten Motiv, nach einer Situation, die es wert ist, über sie zu berichten, heute, morgen oder irgendwann. Den Schriftsteller, Berichterstatter nimmt man ihm ebenso ab, wie den Ex-Sportler. Wenn er spricht, verrät das langgezogene „i“ dort wo ein kurzes hingehört ganz dezent die Herkunft. Er konstruiert nicht, spricht authentisch. Niemand, der kokettiert, wohltuend gerade, völlig uneitel. Er spricht relativ schnell und leise, man muss sich bemühen, um ihn zu verstehen. Aber es lohnt sich, denn er hat was zu sagen: Über alte und neue Heimat, über sich und andere, Vergangenheit und Gegenwart, natürlich über sein aktuelles Buch „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ (aktuell Platz 1 bei amazon in der Kategorie Sportbiographien), die Arbeit daran und noch viel mehr… Wir reden mit Thomas Pletzinger.

Thomas, du bist in Münster geboren und in Hagen aufgewachsen. Mit Hagen assoziiert der Außenstehende Zwieback, NENA und das Tor zum Sauerland, der Basketballinteressierte noch den DBB, Per Günther und die „Ische“ (Ischelandhalle, heute enervie Arena). Was ist toll an Hagen, warum kann man die Stadt und die Gegend mögen?

Viele Leute kennen Hagen ja vor allem, weil der ICE dort die untere Trittstufe nicht ausfahren kann, wenn er hält. Nena, Extrabreit. „Komm nach Hagen, werde Popstar, find dein Glück.“ Viele weggezogene Hagener schimpfen gerne über die Stadt, weil es natürlich jede Menge zu schimpfen gibt: Es ist trist, die Stadtplanung ist schlimm, die Stadt schafft den Strukturwandel nicht richtig und schrumpft. Aber dort leben gute Leute, die Stadt liegt sehr schön mitten zwischen Wald und Ruhrgebiet. Und es gibt Basketball.

Du hast in Hagen selbst Basketball gespielt, zur Profikarriere hat nach eigenem Bekunden ein Quäntchen gefehlt. Wer waren damals deine Mitspieler? Haben es welche von denen zu überregionaler Wahrnehmung geschafft?

Das waren eine ganze Reihe. Marco Pesic, Bernd Kruel, Björn Gieseck waren wohl die bekanntesten. Und Patrick Femerling war damals einer der Gegner.

Dem Münsterländer wird nachgesagt, dass er mit „Guten Morgen“ rund die Hälfte seiner täglichen Konversation hinter sich gebracht hätte, der Westfale ist angeblich dickköpfig, beharrend und heimatverbunden. Wie viel davon steckt in dir?

Nachdem ich „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ geschrieben habe, kann ich nicht behaupten, wortkarg zu sein. Fast 400 Seiten in drei Monaten sind über 90000 Worte. In Westfalen würde das nach deiner Berechnung 22500 Tage reichen, das wären 61,64 westfälische Jahre. Aber du hast recht: um das Buch zu schreiben, musste ich dickköpfig und beharrlich sein. Heimatverbunden auch: ein Kapitel spielt in Hagen.

Vom beschaulichen aber auch recht überschaubaren Hagen in den Multikulti-Moloch Berlin, die Boomtown, für die der Eingeborene eine innige Hassliebe empfindet, die der Tourist bestaunt und der Zugereiste lange Zeit argwöhnisch beäugt, wo an Alis Imbiss mit unreglementierter Wucht die schwäbische, intellektuell verkappte Cafe-Latte-Single-Mutter auf den brasilianischen Capoeira-Tänzer und Überlebenskünstler knallt. Wie und warum hat es dich ausgerechnet hier her, nach Berlin, verschlagen? Einem Plan folgend oder irgendwie von den Wendungen des Lebens an die Ufer der Spree gespült worden?

Ich bin aus Hagen mit 18, 19 nach Hamburg gegangen, um zu studieren. Insgesamt habe ich dort acht Jahre lang gelebt. Dazu kommen einige Jahre USA, New York hauptsächlich, aber auch Iowa. Dann drei Jahre Jahre Leipzig und noch ein Studium. Alles bunte und kontrastreiche Städte. In Berlin bin ich seit drei Jahren, das schien mir wie der logische nächste Schritt innerhalb Deutschlands. Und es gefällt mir sehr gut, ich werde erst mal bleiben.


Die ebenfalls aus Hagen stammende Annette Humpe hat in der post-Punk-Ära von „Ideal“ Anfang der 80er eine Berlin-Hymne geschaffen; Peter Fox (Seeed) hat seiner Stadt ein paar wundervolle lyrische Liebeserklärungen gemacht. Was ist dir musikalisch näher, Ideal oder Peter Fox? Wie sieht deine Liebeserklärung für Berlin aus?

In den Achtzigern war ich ja Kind in Hagen, und Annette Humpe und Nena und Extrabreit kannten wir in der Grundschule und im Kindergarten schon. Peter Fox finde ich okay. Und um Berlin eine musikalische Liebeserklärung machen zu können, muss ich die Stadt noch besser kennenlernen. Und ein Instrument lernen.

Mit „Bestattung eines Hundes“ ist dir ein vielbeachtetes und in doppelter Wortbedeutung ausgezeichnetes Erstlingswerk gelungen, du hast die Messlatte selbst recht hoch gelegt. Inwieweit hat dich das bei deiner aktuellen Arbeit unter Druck gesetzt?

Eigentlich gar nicht. Das erste Buch ist aus ganz anderen Gründen schwierig zu schreiben als das zweite. Es war eigentlich eher befreiend, als zweites Buch ein Projekt zu haben, das eine lange Recherchearbeit verlangte, in einem anderen Genre zu verorten ist und zudem noch in einer Welt spielt, die mich schon seit Langem wirklich interessiert. Das waren gute Voraussetzungen. Und dann hat sich die Saison auch noch dramaturgisch derart zugespitzt. Das war eine sehr gute Grundlage für die Arbeit am zweiten Buch. Und die Arbeit am dritten Buch, einem Roman, die ich für das Basketballbuch unterbrochen hatte, macht jetzt umso mehr Spaß. Jetzt kann ich wieder erfinden.

Du hast eine Saison lang Alba Berlin durch alle Höhen und Tiefen der vergangenen Saison begleitet. Und das hautnah. Wie kam es zu diesem doch recht ungewöhnlichen Langzeitprojekt, welches aufgrund der großen Intimität einer gewissen Vertrauensbasis bedarf? Wer hatte die Idee, wie begann dann alles?

Ich hatte die Idee schon einige Jahre im Kopf hin- und hergedreht, weil ich bemerkt hatte, dass es in Deutschland das Genre der literarischen Sportreportage fast gar nicht gibt. Vor allem nicht über Basketball. Die Idee war also da, und als ich dann über Christoph Biermann von 11 Freunde mein Jugendidol Henning Harnisch kennengelernt habe, wurde das Projekt immer konkreter und kam ins Rollen. Drei Monate und etliche Tassen Kaffee und Biere später bin ich dann mit nach Kranjska Gora geflogen.

Gab es irgendwelche Beschränkungen seitens des Vereins? Inwiefern hast du dir selbst welche auferlegt? Gab es Situationen, wo du für dich selbst das Gefühl hattest, das wäre zu dicht und du dich ein Stück zurück genommen hast?

Nein. Es war von vorneherein klar, dass ich nicht als Hofberichterstatter mitfahre und auch kein klassisches Fanbuch schreiben würde. Ich habe dann das Manuskript in Teilen gezeigt, aber nicht zur Zensur, sondern um Fakten und Dinge zu prüfen. Ich selbst hatte natürlich sehr strikte Regeln, ich habe mir fast schon gesetzartige Grundregeln für die Arbeit an diesem Buch gegeben. Zum Beispiel: nichts schreiben, dessen Grundlage ich nicht direkt als Audiomaterial, Bild oder Notiz dokumentiert habe. Alles strukturiert archivieren. Entgegengebrachtes Vertrauen würdigen. Fair sein. Respekt haben. Und auch: Nichts schönen, weil ich jemanden mag. Mich selbst und meine Position immer mitdenken. Den Kern und das Wesen der beschriebenen Welt und ihrer Personen suchen und finden. Diese Suche thematisieren. Solche Regeln sind bei dieser Arbeit wichtig. Und manchmal ist dann eine spannende Beobachtung unerzählbar. Körperlichkeiten. Krankheiten. Liebesgeschichten. Gerüchte. Es geht mir nicht um Enthüllung, sondern um die Erzählung einer Welt, die mich fasziniert.

Nähe und Distanz haben sowohl Vor- als auch Nachteile, sicher auch beim Schreiben? Distanz bietet in der Regel eine größere Objektivität, Nähe mehr Emotionalität, verbunden mit der Gefahr, selbst davon ergriffen zu werden und nicht mehr völlig unvoreingenommen „Bericht erstatten“ zu können. Hattest du zu Beginn der Arbeit diesbezüglich einen Plan oder bist du so an die Sache gegangen, es einfach auf dich zukommen zu lassen? Dürfen wir eher ein „Stimmungsbild“ oder eher eine „Berichterstattung“ erwarten.

Wie gesagt: meine eigene Position zum Beobachteten wollte ich immer mitdenken. Das gesagt, war es natürlich Teil des Projekts, mich in die Struktur zu versenken und zu verwickeln. Zu gucken, wie fühlt sich das an, wann jubelt man, wann wird man nervös, wütend, ängstlich. Ich wollte mich einlassen und subjektiver werden als man es von Sportberichterstattung kennt. Objektivität halte ich sowieso für einen Mythos. Zudem uninteressant. Zumindest beim Schreiben.

„Gentlemen, wir leben am Abgrund“, so der Titel deines Buches, klingt nach einem Zitat. Nimmst du dem Buch zu viel vorweg, wenn du verrätst, von wem das stammt und in welcher Situation es gefallen ist?

Das Zitat stammt Luka Pavicevic. Er hat es in Hagen bei einer Teambesprechung gesagt, um zu verdeutlichen, dass es damals wirklich um die Wurst ging. Nicht nur um ein Spiel unter vielen, sondern vielleicht um die ganze Saison. Vielleicht sogar um ganze Karrieren. Das Ganze mit der traditionellen Ansprache an seine Spieler versehen: Gentlemen. Es ist ein pathetisches, aber sehr treffendes Bild für das Buch, finde ich. Das Leben am Abgrund.

Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen. Im zweiten Teil des Interviews geht es dann um das Leben und die Routinen von Basketballern, Philosophie, die Alba-“Familie“, die „Spezie Fan“ und Wahrnehmungen die selbigen betreffend u.a.m. STAY TUNED!

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