Gegen Einstein und 4000 Enthusiasten

Am Mittwoch, 17.10.2018, 20 Uhr, trifft Alba Berlin im Eurocup im Palais des Sports de Beaublanc auf den 11-maligen französischen Meister Limoges CSP und ist dabei schon etwas unter Zugzwang, da man vor Wochenfrist recht unnötig bei Cedevita Zagreb Punkte liegen gelassen hat. Gegen den letztjährigen Halbfinalisten der LNB ProA soll ein Sieg her, was möglich, aber durchaus nicht einfach ist. Die beiden verletzten Center Dennis Clifford und Johannes Thiemann sind mit nach Frankreich geflogen, über einen Einsatz hat der Verein jedoch nichts verlautbaren lassen.

Extravagant wie ein gebogenes Skateboard: Palais des Sports de Beaublanc Limoges
Quelle: wikmedia commons; user bibit, creative commons license CC BY-SA 3.0

Limoges … bekannt für … ääähm … nun ja … mitten in Zentral-Frankreich. Ein Drittel so viele Einwohner (133.000) wie Spandau und die nächste größere Stadt Bordeaux ist gut 200 km weg. Ohne das dort beheimatete Basketballteam hätten die meisten vermutlich noch nie etwas von Limoges gehört.

Aber es gibt sie ja, die Basketballer von Limoges CSP (Cercle Saint-Pierre), die in 2019 ihr 90-jähriges Bestehen feiern und auf eine ganze Reihe Erfolge zurück blicken können. Der bedeutendste sicher der Euroleaguesieg 1993 in Athen gegen Real Madrid (Halbfinale) und Benetton Trevison (Finale). Aber die Zentralfranzosen haben auch drei Mal den Korac-Cup (letztmalig 2000) und elf Mal die Meisterschaft in Frankreich gewonnen (letztmalig 2015). Eine beeindruckende Historie eines auch in der Gegenwart starken Teams.

In ihrer gebogenen Schuhsohle, genauer dem Palais des Sports Beaublanc, ist Limoges eine Macht! In der letzten Saison haben sie dort in der Liga nur zwei Heimspiele verloren. Die Halle, sorry, der „Palast des Sports“, fasst 6500 Zuschauer, im Eurocup ist sie selten ausverkauft, was aber der unglaublich lauten Stimmung keinen Abbruch tut. Eine der lautesten und schwer zu spielenden Hallen in Basketball-Europa. Angefeuert werden dabei die sehr enthusiastischen Fans von einer Kuh als Maskottchen! Zumindest uns ist kein anderer Verein bekannt, der ausgerechnet ein Rindvieh als Maskottchen hat. Klar, es ist eine landwirtschaftlich geprägte Gegend dort, aber das ist Bamberg auch … 

Optisch ist das dunkelbraun-grüne Parkett eine Herausforderung, eine Kuh als Maskottchen hat Limoges wohl exklusiv. Quelle: wikimedia commons; user Fonqebure, own work; under CC license CC BY-SA 3.0
Optisch ist das dunkelbraun-grüne Parkett eine Herausforderung, eine Kuh als Maskottchen hat Limoges wohl exklusiv.
Quelle: wikimedia commons; user Fonqebure, own work; under CC license CC BY-SA 3.0

Trotz einer durchaus erfolgreichen vergangenen Saison hat Coach Kyle Milling (44), US-Amerikaner mit französischem Pass, der als Spieler immerhin Euroleague spielte, das Team kräftig umgekrempelt. Nur drei Spieler blieben: Die beiden Nationalspieler William Howard (24) und Axel Bouteille (23) sowie Einstein, ganz genau Mouhammadou „Mam“ Einstein Jaiteh (23). Von den Abgängen hat es mit Dru Joyce (33, Science City Jena) und Tautvydas Lydeka (35, Rasta Vechta) zwei in die deutsche Basketball Bundesliga verschlagen. Beide passten wohl nicht mehr in das Verjüngungskonzept des Coaches. Dieser setzt gleich auf sieben Spieler im Alter von 23 bzw. 24 Jahren, nur der neue Pointguard Jonathan Rousselle (28), der amerikanische Globetrotter Dwight Hardy (31) und der – zur Zeit allerdings aus disziplinarischen Gründen suspendierte – jamaikanische „Wühlbüffel“ Samardo Samuels (29) weisen mehr Erfahrung auf. Dahinter drängen schon die noch deutlich jüngere Spieler nach, von denen der erst 17 Jahre alte Sekou Doumbouya schon über 15 Minuten in der Liga und über 19 Minuten im Eurocup Spielzeit bekommt und diese auch nutzt.

Guards
London Perrantes (24) / Jonathan Rousselle (28)
Dwight Hardy (31) / Axel Bouteille (23)

Forwards
William Howard (24) / Sekou Boumbouya (17)
Isaiah Miles (24) / Damian Inglis (23)

Center
„Mam“ Einstein Jaiteh (23) / Samardo Samuels (29) /
Jerry Boutsiele (24)

Kurzeinsätze
Damian Larribau (PG, 20) / Thimotee Bazille (C, 19) 

Als Spielorganisator startet der gerade 24 Jahre gewordene US-Amerikaner London Perrantes, der in der vergangenen Saison auf 14 Kurzeinsätze in der NBA für die Cleveland Cavaliers kam, aber den größten Teil in der G-League für Canton Charge spielte. Mit 8 Assists pro Spiel erwies er sich trotz seines jungen Alters als umsichtiger Spielgestalter … und macht dort bei seiner ersten Station im Ausland in Limoges genau so weiter. Mit 6,2 bzw. 7,5 Assists gehört er zu den Besten in der LNB und im Eurocup. Ein klassischer pass-first guard, der sich gut mit dem erfahreneren Jonathan Rousselle (28) ergänzt. Der vom Liga-Konkurrenten Cholet nach Limoges gewechselte Aufbauspieler, punktet etwas mehr als sein amerikanischer Kollege, hat aber trotzdem noch das Auge für den Mitspieler. Dwight Hardy (31) startet auf der Position des shooting guards und hilft dem Team mit seiner Erfahrung. Mit 27 Minuten steht der mit allen Wassern gewaschene Globetrotter länger als alle anderen auf dem Spielfeld. Für offensiven Output sorgen bei Limoges in hohem Maße die beiden Nationalspieler Axel Bouteille und William Howard die sowohl im Eurocup (14,5  bzw. 14 Punkte) als auch in der Liga (14,6 bzw. 11,8 Punkte) die Scorerlisten der Franzosen anführen. Bouteille trifft dabei über die Wettbewerbe kumuliert mehr als 60% seiner Dreierversuche, Howard ist beim Zug zum Korb nur schwer zu stoppen. Der erst 17-jährige Doumbouya ist ein unglaublicher Athlet, der jedoch (noch?) einen wackligen Wurf hat. 

Auf dem großen Flügel teilen sich ein US-amerikanischer und ein französischer Power Forward den Job. Der 24-jährige Isaiah Miles startet auf dieser Position. Der „nur“ 2,01 m große, aber kräftige Miles geht mit Limoges in sein drittes Jahr in Europa, nachdem er im Draft der NBA nicht gezogen wurde. Er punktet eher aus der Distanz, über 6 seiner durchschnittlich 10 Punkte erzielt er per Dreier und trifft aus diesem Bereich mit 53% sehr gut. Der ein Jahr jüngere Damien Ingles mit Wurzeln in Guyana war und ist eines der großen Talente des französischen Basketballs und war über Jahre Mitglied der U-Nationalmannschaften. An 31 von den Milwaukee Bucks gedraftet und kam in der Saison 2015/16 auf 20 Einsätze für die Bucks, spielte die meiste Zeit jedoch in der G-League. Nachdem er 2016/17 nur noch ausschließlich in der sog. Entwicklungsliga der NBA eingesetzt wurde, ging er im Jahr darauf zurück nach Europa (Capo d’Orlandia, Italien) um im Dezember dann in die Heimat zum Vizemeister Strasbourg zu wechseln. Von dort ging es zu dieser Saison nach Limoges, wo er jedoch noch ein wenig seine Rolle sucht. Er ist ein eleganter, schneller und beweglicher Forward, der trotz der für diese Position relativ geringen Größe von 2,04 m ein sehr guter Rebounder ist. In nur 18 Minuten sammelt er beachtliche 4,5 Rebounds ein und ist damit Zweitbester seines Teams. Er hat seine Stärken in Brettnähe. Auf der Centerposition lastet nach der Suspendierung von Samardo Samuels viel auf den – ausgesprochen breiten – Schultern von „Mam“ Jaiteh, der bereits mit 18 Jahren in den Profibasketball startete, also jetzt bei Limoges schon in seine sechste Profisaison geht. Er ist ein überdurchschnittlich guter Rebounder, Fels in der defensiven Brandung und vor allem ein „emotional leader“. Er galt eigentlich als sicherer Draftpick, hat es aber durch ein paar dumme Entscheidungen so richtig verk*ckt. (siehe auch unter „Schlüsselspieler“).

Mit diesem Kader spielt Limoges einen sehr schnellen und auch recht unkonventionellen Basketball. Rennen, rennen, rennen und wer glaubt, einen guten Wurf zu haben, der wirft. Ihre Jugend und die Unbekümmertheit findet sich im Spielstil wieder. Es wird aggressiv der Korb attackiert und nach aussen zu den sicheren Schützen Miles, Rousselle und Bouteille gepasst.

Schlüsselspieler, player to watch, key player

Mouhammadou "Mam" Einstein Jaiteh Foto: Profilbild on twitter
Mouhammadou „Mam“ Einstein Jaiteh
Foto: Profilbild on twitter

Warum Eltern mit einem senegalesischen (Vater) und gambischen (Mutter) background auf die Idee kommen, ihr Kind mit zweitem Vornamen Einstein zu nennen, ist nicht überliefert. Optisch besteht bei Mouhammadou Einstein Jaiteh – 2,08 m groß, 115 kg schwer und tiefschwarz – jedenfalls so gar keine Ähnlichkeit zum berühmten Physiker, wie es intellektuell aussieht, können wir nicht beurteilen. Die Relativitätstheorie von Einstein Junior lautet: Relativ guter Rebounder, (noch) relativ schlecht in der Entscheidungsfindung. Wobei das mit den Rebounds beim besten Defensivrebounder des Eurocups (6 im Schnitt) nicht nur relativ sondern auch absolut gilt. Das beherzte Zugreifen bei abprallenden Bällen zieht sich schon durch seine gesamte Karriere. Auch in der vergangenen Saison war er mit über 6 Rebounds pro Spiel Limoges‘ Bester in dieser Kategorie. Wenn man nach Kritikpunkten sucht, landet man unweigerlich beim decision making. Einstein Junior kennt nur den Vorwärtsgang und Vollgas und geht mit aller Kraft – und davon hat er jede Menge – ins Gewühl. Wenn er einmal den Ball hat, ist er weg und die Mitspieler sehen ihn nicht mehr wieder. Zu einem Schlüsselspieler macht ihn seine Mentalität. Mit seinem puren Willen und extremen Einsatz kann er das Team pushen und ihm einen extra Kick geben. Diese Erfahrung musste auch Alba Berlin in der vergangenen Saison machen, als er im Hinspiel 15 Punkte und 12 Rebounds auflegte und im Rückspiel mit 13 / 6 bei nur einem Fehlwurf großen Anteil am Auswärtssieg seiner Farben hatte.

Die Fans von Alba müssen jetzt ganz stark sein: Die Berliner haben noch nicht ein einziges Auswärtsspiel in dieser Saison gewonnen! Limoges hat in dieser Saison noch kein einziges Spiel im Eurocup zu Hause verloren. Gut, dass sich beide Statistiken auf nur jeweils auf ein einziges Spiel beziehen und Zeit, das zu ändern. Zumindest, wenn man zu den Hauptstädtern hält. Zu Hause gab sich Alba bisher noch keine Blöße und konnte alle vier Spiele gegen Gegner recht unterschiedlicher Qualität souverän gewinnen. Anders sieht es da schon bei Limoges aus. Mit nur zwei Siegen und drei Niederlagen sind sie aktuell nur auf Platz 12 der Tabelle in der französischen Liga und damit ein Stück weit von den eigenen Ansprüchen entfernt. Besonders bitter sind dabei die 99 Punkte, die man zu Hause von Gravelines kassiert hat. Eine richtige „Klatsche“ gab es am letzten Wochenende in Strasbourg beim 61-81, wo mit Ali Traoré ein guter alter Berliner Bekannter MVP mit 17 Punkten (7/8) und 4 Rebounds wurde:

Limoges‘ Offense läuft schon ziemlich gut, sie erzielen in der Liga die drittmeisten Punkte (86,4). Allerdings weisen 85,8 Punkte für die Gegner darauf hin, dass defensiv die Abstimmung noch nicht ganz stimmt. Mit 30 Rebounds befinden sie sich im unteren Drittel der Tabelle, mit dem suspendierten Samardo Samuels könnten es in diesem Bereich wohl ein paar mehr sein.

Am Mittwoch treffen beide Teams bereits zum siebten Mal aufeinander. Fun fact: Bisher konnten die Berliner nur eines der drei Heimspiele gewinnen, ist jedoch in Limoges bei drei Spielen noch ungeschlagen. Das einzige Mal, als Alba beide Spiele gewinnen konnte, war in der Euroleaguesaison 2014-15, was den Grundstein für Albas Einzug in die Top16 und die insgesamt so erfolgreiche Euroleaguesaison legte.

Letztmalig traten die Berliner vor ziemlich genau einem Jahr in Limoges an, ebenfalls am dritten Spieltag, ebenfalls jeweils mit einer Bilanz von 1-1 und ebenfalls mit richtungsweisendem Charakter für den Saisonverlauf. Damals konnte Coach Aíto erstmalig mit dem kompletten Kader antreten, das sollte in der gesamten Saison nicht allzu oft so sein. Offensiv mit schwachen Quoten konnte sich Alba dank starker Defense mit 73-65 in der lautstarken Atmosphäre und gegen den respekteinflößenden Einstein durchsetzen, der mit 15 Punkten und 12 Rebounds der stärkste Spieler auf Seiten der Franzosen war. Für die Berliner sammelte Center Dennis Clifford nicht nur 12 Punkte und 9 Rebounds sondern prägte auch den Ausspruch „I like that shit“ für eine gelungene Aktion von Joshiko Saibou. Beide werden Alba bei der diesjährigen Auflage wohl fehlen.

 

Coach Aíto betont, dass es nach guten Auftritten zu Hause nun gilt, diese Leistung auch auswärts zu zeigen „[…] um unsere Ziele zu erreichen, müssen wir auch auswärts gut spielen, was wir vor einer Woche in Zagreb nicht getan haben. Das Spiel in Limoges ist die nächste Chance, das zu ändern und auch auswärts ein gutes Spiel zu machen.“ Und Albas vielseitiger Power Forward Luke Sikma bläst sinngemäß ins gleiche Horn „Das Spiel in Limoges ist eine sehr wichtiges für uns. Es ist das zweite Auswärtsspiel im EuroCup in Folge und eins sollten wir von denen schon gewinnen.“ Zudem hebt er noch einmal die außergewöhnlich hitzige Atmosphäre in Limoges hervor „[…] dazu ist es nicht einfach vor Limoges Fans zu spielen. Sie sind sehr leidenschaftlich und sitzen direkt am Feld unter hinter den Auswechselbänken. Das sorgt für eine ziemlich intensive und aufgeheizte Atmosphäre, in der es aber natürlich auch Spaß macht zu spielen.“ Schaun mer mal, wie es mit dem Spaß nach dem Spiel aussieht…

Die Erkenntnis, dass man im Eurocup in erster Linie seine Heimspiele gewinnen muss und für ein Weiterkommen auch mal ein Auswärtsspiel gewinnen sollte, hat sich ja allgemein herum gesprochen. Bei nur zehn Spielen hat man für einen Auswärtssieg eben nur fünf Chancen. Eine haben die Berliner bereits in Zagreb vergeben. Leicht ist es nirgendwo auf diesem Niveau, aber in Bursa oder Krasnodar dürfte es nun auch nicht einfacher werden, als in Limoges. Hitzige Halle hin, verletzte Spieler her.

Dafür müssen die Berliner eine kühlen Kopf behalten und sich nicht von der Atmosphäre anstecken lassen. Man darf es nicht zulassen, dass sich die Franzosen in einen Rausch spielen, so wie sie es gegen Zagreb getan haben. Da muss man dann auch mal ein Foul investieren. Die defensive Abstimmung ist bei Limoges noch nicht optimal, das sollte Albas schon flüssig laufender Offense durchaus entgegen kommen. Entgegen der landläufigen Basketball-Philosophie, möglichst gegnerische Punkte zu verhindern, könnte gegen Limoges der Ansatz, möglichst viele Punkte zu erzielen, erfolgversprechend sein. Offense wins games. Und es gilt, den Einstein zu beschäftigen, sein Spiel kaputt zu machen, damit er nicht sich und sein Team pushed.

Der Wohlfühlfaktor „Berlin“ spielt bei den Alba-Spielern offenbar eine große Rolle, aber nun müssen sie beweisen, dass sie es auch auswärts können. Wenn nicht jetzt … sehr viel bessere Möglichkeiten werden sich dafür im Eurocup kaum ergeben.

Fans von Limoges CSP nach der letzten Meisterschaft 2015 Quelle: wikimedia commons | user Fanacsp | CC BY-SA 4.0
Fans von Limoges CSP nach der letzten Meisterschaft 2015
Quelle: wikimedia commons | user Fanacsp | CC BY-SA 4.0

      

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