Gegen die Angst

Gegen DEN Angstgegner schlechthin: Im BBL Endspurt trifft ALBA Berlin auf die Fraport Skyliners.
Gegen DEN Angstgegner schlechthin: Im BBL Endspurt trifft Coach Aíto mit ALBA Berlin auf die Fraport Skyliners.

Im Endspurt der Basketball-Bundesliga trifft Alba Berlin am Freitag, 27.04., 19 Uhr, Mercedes Benz Arena zum Auftakt eines absoluten Härtetest mit drei Spielen in fünf Tagen auf die Fraport Skyliners aus Frankfurt. Die Berliner haben jetzt schon den 2. Platz sicher, können aber die Hauptrunde noch als Primus abschließen. Dafür müssen sie wohl selbst alle drei ausstehenden Spiele gewinnen und auf einen Ausrutscher des Spitzenreiters FC Bayern München Basketball hoffen. Der Gegner aus der Main-Metropole kämpft noch um die Playoffs und steht derzeit auf dem achten und letzten Platz, der für die Teilnahme an der Meisterrunde berechtigt. Eigentlich sollte die Favoritenrolle bei einem Heimspiel des Zweiten gegen den Achten klar verteilt sein. Eigentlich… wenn es sich nicht gerade um Alba Berlin handeln würde und der Gegner nicht ausgerechnet Frankfurt wäre – der absolute Angstgegner 

Der Duden meint dazu: „Angstgegner, der, Substantiv, maskulin, Sportjargon, Worttrennung: Angst|geg|ner, Gegner, der jemandem nicht liegt, den jemand fürchtet“ Es ist egal, wie gerade die aktuelle Form ist, es ist egal, ob man in Bestbesetzung antreten kann und beim Gegner eine handvoll Spieler fehlen, gegen Frankfurt hat Alba Berlin traditionell Probleme. Und nicht nur das, die Spiele sind nicht nur problematisch, sondern auch erfolglos. Nur Akeem Vargas kann sich noch an einen Sieg gegen die Hessen erinnern. Und ältere Fans mit gutem Gedächtnis. Das muss dann bis ins Jahr 2015 zurück reichen, um sich daran zu erinnern, wie Jordan Taylor (22 Punkte), Will Cherry (19) und Kresimir Loncar (15) in der Fraport Arena gegen Quantez Robertson (15), Konstantin Klein (14) und Johannes Voigtmann (13) gewannen. Für einen Heimsieg muss man gar bis ins Jahr 2014 zurück blicken. Alles in allem hat Alba Berlin die letzten 7 Spiele gegen Frankfurt allesamt verloren und 8 der letzten 10.

Es gibt  wahrlich Gegner, gegen die man lieber spielt, aber Basketball Bundesliga ist kein Ponyhof und man muss die Gegner nehmen, wie sie kommen. Was bereitet nun so viele Probleme? Da wäre zum einen die Chaostheorie. Frankfurt spielt nicht besonders systematisch, da ist viel free style dabei, eigene Kreativität. Für Coaches wie Sasa Obradovic und erst recht Luka Pavicevic, die sehr analytisch arbeiten und auch von ihren Spielern hochgradig Systemtreue verlangen ist so ein Spielstil schwierig. Darauf kann man kaum reagieren, entweder man drückt sein System durch oder man verliert. Wirklich anpassen kann man sich nicht, zumal nicht, wenn man es gewohnt ist, sich an einen klar festgelegten Plan zu halten. Unter Caki hatte das Team generell zu viele Probleme. Im Hinspiel in Frankfurt war DAS sicher nicht das Problem von Aítos Mannen. Einfach eine kollektiv schlechte Phase, fehlender Fokus, vielleicht auch Unterschätzung aufgrund der vielen Verletzungen zu diesem Zeitpunkt. Jedenfalls eher kein strukturelles Problem.

Traditionell setzt Coach Herbert in Frankfurt stark auf scoring point guards. Ob DaShaun Wood, Jordan Theodore, Justin Cobbs oder aktuell Tai Webster haben ihre Stärken eher nicht so sehr in der raffinierten Spielgestaltung, sondern sorgen vorrangig selbst für Korbgefahr. Diese Spielertypen nehmen auch in der Team-Hierarchie eine herausragende Stellung ein. In anderen Worten: Sie sind der unumstrittene Chef auf dem Court. Klare Hierarchien sind wichtig für den Erfolg eines Teams, die sind in Frankfurt absolut gegeben. Auch in der aktuellen Saison setzt Herbert auf eine handvoll Leistungsträger und einige Spieler mit sehr begrenzten Rollen. Zu allererst wäre da der gerade heute zum „best offensive player“ der BBL gewählte Philipp Scrubb (25). Der kanadische Nationalspieler erzielt im Schnitt 20 Punkte, mehr als jeder andere Spieler der BBL und kommt damit auf einen Wert von 20 bei der Effektivität. Vor allem ist er der wahrscheinlich beste spot up shooter der Liga mit dem schnellsten release, d.h. fangen und sofort werfen in unglaublicher Geschwindigkeit. Das ist nicht schwer, wenn man nicht auch noch treffen müsste, was Scrubb mit 44,4% Quote tut und versenkt drei Würfe pro Spiel von jenseits der Dreierlinie. Aber auch den Zug zum Korb hat er im Repertoire, was ein ein ganz wesentlicher Bestandteil des Herbert’schen Spiels ist. Stark in dieser Kategorie ist der aktuelle Pointguard Tai Webster (22). Der junge Neuseeländer spielt wild und unkonventionell, strahlt aber durch diese Unberechenbarkeit aber oft viel Gefahr aus. Der relativ große (1,93, mit Schuhen, ohne Frisur) und schnelle Aufbauspieler reißt Löcher in die gegnerische Defense und steckt dann auf die Big man durch. Mit 4 Assists in knapp 30 Minuten gibt er schon die meisten Vorlagen beim zweit-schlechtesten Team der BBL in dieser Kategorie. Wie gesagt, Herbert gibt dem freien Spiel generell den Vorzug gegenüber ausgeklügelten Systemen. Einen großen Schritt nach vorn hat in Frankfurt Albas ehemaliger backup-Center Jonas Wohlfarth-Bottermann, aka Wobo, gemacht. Er ist inzwischen fester ein wichtiger Leistungsträger, erzielt 11 Punkte und 5 Rebound bei exzellenten Quoten (62% aus der Nahdistanz). Lediglich die Freiwürfe, von denen er nur nach wie vor jeden zweiten trifft, erinnern an seine Zeit in Berlin. Der „VW Käfer des Basketballs“ (und läuft, und läuft, und läuft), Quantez Robertson (33), gehört zum Inventar der Hessen, ja der gesamten Liga. Außer Ricky Paulding (Oldenburg) wird es aktuell nur wenige Spieler in der BBL geben, die auf mehr als 300 Punktspiele kommen. Neben seinen unbestrittenen Defensivqualitäten (aktuell zum zweitbesten Defense player of the year der BBL gewählt), trägt der Oldie auch offensiv viel Verantwortung und immer noch mit 9,4 Punkten und 4,6 Rebounds zum Erfolg bei. Er steht mit über 33 Minuten länger als jeder andere Frankfurter auf dem Parkett und beherrscht das für Frankfurt so typische Attackieren des Korbs ebenfalls sehr gut. Auf nur unwesentlich weniger Spielzeit (knapp 30 Minuten) bringt es der finnische Nationalspieler Shawn Huff (33). Knapp 10 Punkte und 4 Rebounds sowie über 44% Dreierquote bei zwei Treffern pro Spiel, machen den Routinier immer noch wertvoll für Gordon Herberts Team. Eher der „Mann fürs Grobe“ ist Mike Morrison (28). Der hyper-athletische Amerikaner hält kompromisslos die Zone „sauber“ … wenn er sich mit vielen Fouls nicht selbst die Einsatzzeit limitiert.  Einen Blick lohnt sich auch auf den erst 18jährigen „Rohdiamanten“ Isaac Bonga zu werfen. Sehr roh, aber auch einiges an Diamant, herausragende Athletik, aber in allen basketball-spezifischen Bereichen noch sehr viel Luft nach oben. Darüber hinaus gibt es noch einige vorwiegend junge Spieler, die kleine spezifische, aber nicht unwichtige Rollen ausfüllen.

Die Geschichte vom Nachwuchs…

Denkt man an Frankfurt, denkt man oft auch an die Thematik der Nachwuchsförderung. Nicht zu unrecht, denn Spieler wie die deutschen Nationalspieler Johannes Voigtmann (Vitoria) und Danilo Barthel (München) haben Ihre Karriere am Main gestartet. Auch aktuell findet man wieder einige Talente im Frankfurter Team. Allerdings sind sie nicht das jüngste Team der Liga, das ist Alba Berlin, und sie geben bei weitem auch nicht jungen Spielern die meiste Spielzeit. Auch das macht mit doch überraschend großem Abstand Alba Berlin!

Name age gms min   name age gms min
Bonga 18 27 592:26   Drescher 18 2 08:14
Schubert 19 7 13:38   Mattisseck 18 8 55:37
Freudenberg 19 20 183:52   Nikic 19 5 45:43
Trtovac 20 6 34:06   Hundt 19 12 111:49
Kiel 20 5 54:55   Peno 20 49 918:16
Zeeb 21 20 143:49   Schneider 20 48 669:29
Akogo 21 12 91:20   Grigonis 23 50 1.241:31
Webster 22 30 866:00   Vasturia 23 2 09:40
Fountain 23 2 02:43          
Summen:   129 1.983       176 3.060

Dass Alba Berlin Nachwuchsspielern mehr Einsatzzeiten gibt, konnte man „gefühlt“ schon vermuten, dass es tatsächlich mehr als 50% mehr sind, überrascht. Klar, Alba spielt auch mehr durch die europäischen Spiele, die Frankfurt seinen Spielern nicht bieten kann, aber für die Spieler geht es natürlich um die absoluten Möglichkeiten, sich auf hohem Niveau zu messen. Im Übrigen wären es auch mehr Minuten, wenn man den Eurocup heraus rechnet, was aber nicht sinnvoll wäre, da das wichtige Erfahrungen sind. Auch wenn man die Grenze bei 20 Jahren zieht, kommt der Alba-Nachwuchs auf mehr als doppelt so viele Minuten Einsatzzeit (879 / 1.809). Vielleicht nicht „kriegsentscheidend“ für das Spiel am Freitag, aber doch ganz interessante Erkenntnisse.

What it takes…

Wie bereits erwähnt, wäre die Favoritenrolle eigentlich klar an Alba verteilt, wenn es nicht gerade gegen Angstgegner Frankfurt gehen würde. Allerdings sind die 17 Alba-Siege am Stück auch nicht durch Glück und Zufall zustande gekommen; die letzte Niederlage gab es übrigens gegen … na klar, Frankfurt. Somit sind die Hessen das einzige Team, gegen das Alba national noch nicht gewinnen konnte. Das sollte eigentlich Ansporn genug sein, die peinliche Niederlage aus dem Hinspiel, das wohl schlechteste Spiel von Alba in dieser Saison, vergessen zu machen. Die größere Motivation dürfte trotzdem Frankfurt haben, die mit einer Niederlage ihre Chancen auf die Playoffs extrem verschlechtern, bei einem Sieg jedoch in der ersten Runde ausgerechnet auf die Berliner treffen könnten. Ein Schlüssel für einen Alba-Sieg ist es – natürlich – die beiden Guards Scrubb und Webster aus dem Spiel zu nehmen. Das haben schon andere versucht, leichter gesagt, als getan. Gegen den amtierenden deutschen Meister Bamberg hat Scrubb mit 33 Punkten einen Topwert erzielt, Webster war eine Woche zuvor gegen den Tabellenführer mit 32 Punkten nicht wesentlich schlechter. Da kommt viel Arbeit auf Peyton Siva, der im Hinspiel schmerzlich vermisst wurde, und die anderen Alba guards eine Menge Arbeit zu. Ein weiterer Ansatzpunkt ist, die Frankfurter, bei denen einige Leistungsträger schon recht alt sind und viel spielen müssen, mit der eigenen Offensive zu beschäftigen und ihnen die Luft zu rauben. Ein strukturelles Problem der Frankfurter ist, dass ihr Frontcourt (Morrison, WoBo, Völler) de facto über keinen Mitteldistanzwurf verfügt. Daraus kann man Kapital schlagen, in dem man stärker absinkt und ihnen den Mitteldistanzwurf bewusst überlässt. Ansonsten gilt natürlich auch in diesem Spiel, das immer geltende Patentrezept, dass die Berliner aus ihrer Reboundüberlegung durch schnelles Spiel zu einfachen Punkten kommen sollte.

Lange ist es her, ein Alba-Sieg wird mal wieder Zeit!

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