Erfahrung satt und Jugend forscht: Start in die neue Saison

Das lange Warten hat ein Ende, Alba startet an diesem Samsatag mit einem Auswärtsspiel in Ulm in die neue Saison. Wieder müssen sich die Fans an neue Gesichter gewöhnen. Die Kombination aus Trainer-Legende und dem jüngsten Kader der Vereinsgeschichte ist sicherlich spannend, wichtig ist allerdings auf dem Platz. Was ist im Sommer passiert?

K(l)eine Experimente! Der Coach als Star

Erstmals seit Ewigkeiten, besser gesagt seit Gordon Herbert, steht wieder ein Trainer für Alba an der Seitenlinie, der zu den erfahrenen seiner Art gehört. Erfahrung klingt in diesem Fall aber nach Untertreibung. Der Wechsel von Aito Garcia Reneses schlug hohe Wellen, gilt der Spanier doch als einer der renommiertesten Trainer in Europa. Es gibt kaum einen Titel, den der 70-Jährige noch nicht gewonnen hat und viele namhafte Stars sind in der Vergangenheit durch seine Schule gegangen. Ein Stück weit ist die Verpflichtung von Garcia Reneses eine krasse Abkehr der Trainer-Verpflichtungen von Alba der letzten zwei Jahrzehnte, betrachtet man das Alter und die Anzahl an Berufsjahren von vergangenen Coaches, die auf Svetislav Pesic folgten:

Trainer/ Alter zum Dienstantritt bei Alba/ Erfahrung als Trainer

Name Alter Erfahrung
Aito Garcia Reneses 70 Jahre ca. 40 Jahre
Ahmet Caki 41 Jahre ca. 12 Jahre
Sasa Obradovic 43 Jahre ca. 7 Jahre
Gordon Herbert 52 Jahre ca. 17 Jahre
Luka Pavicevic 39 Jahre ca. 4 Jahre
Henrik Rödl 36 Jahre ca. 1 Jahr
Emir Mutapcic 40 Jahre ca. 4 Jahre

 

*Muli Katzurin und Thomas Pächen haben wir nicht eingerechnet, da sie beide nur für kurze Zeit tätig waren und teilweise bewusst (Katzurin) als „Feuerwehrmann“ mitten in der Saison verpflichtet wurden.

Das Alba-Management hat ein Stück weit einen neuen Weg eingeschlagen und ist offenbar auch ein Stück risikoscheuer geworden. Coaches wie Caki oder Pavicevic waren eine Wette, die allerdings nicht aufgegangen ist. Noch ein weiteres Experiment auf der Trainerposition wollte man sich offenbar nicht erlauben, dafür herrschte in der vergangenen Saison einfach zu viel Unruhe. Ein gewisses Restrisiko muss allerdings auch bei Aito Garcia Reneses eingeplant werden, schließlich ist Berlin seine allererste Station im Ausland. Dass die BBL und der gesamte deutsche Basketball etwas anders ticken, sorgt bei vielen ausländischen Trainern gerne mal für einige Eingewöhnungsprobleme. Dem Spanier wird ein goldenes Händchen bei der Spielerentwicklung und eine gewisses Auge für Detailarbeit nachgesagt. Zudem klang in zahlreichen Aussagen der neu verpflichteten Spieler, der Trainer oft als „pull-factor“ durch. Inwiefern er seine Spielvorstellung in der Bundesliga umsetzen kann, wird sich zeigen. Spannend ist die Trainer-Personalie allemal.

Der Kader: ein weiterer Umbruch

Kader-Übersicht (in Klammern Vertragsende), fett markierte Namen besitzen keinen deutschen Pass:

Guards und kleine Flügel (backcourt):

  • Peyton Siva (2018) / Joshiko Saibou (2019)/ Stefano Peno (2020)
  • Spencer Butterfield (2018) / Akeem Vargas (2019)
  • Marius Grigonis (2020) / Niels Giffey (2019)

Center und Power Forwards (frontcourt):

  • Luke Sikma (2019) / Tim Schneider (2020)
  • Dennis Clifford (2018) / Bogdan Radosavljevic (2019)/ Kresimir Nikic (2022)

Nach der durchwachsenen abgelaufenen Spielzeit war zu erwarten, dass mehrere Positionen im Kader neu besetzt werden mussten. Besonders auf den großen Positionen, aber auch bei den kleinen Flügelspielern, war nach viel Improvisationskunst aus dem Vorjahr, als die „Greise“ Tony Gaffney und Carl English nachverpflichtet werden mussten, eine Frischzellenkur von Nöten. Diese fiel dann so radikal aus, dass Alba nun mit dem jüngsten Team der Vereinsgeschichte in die Saison geht.

Einer der wenigen Lichtblicke aus dem Vorjahr, Peyton Siva, blieb immerhin. Der schnelle Guard mit den exzellenten Passfähigkeiten bewies bereits seine Qualitäten, wurde aber den großen Teil der Saison durch seine Verletzung aus der Bahn geworfen. Jetzt ist der Amerikaner wieder fit und dürfte von seinen neuen Mitspielern profitieren. Denn mit Spencer Butterfield und Marius Grigonis finden sich zwei entwicklungsfähige, aufregende Flügel im Kader, die vor allem langfristig ein Upgrade zum Vorjahr darstellen. Besonders Grigonis wird in verschiedenen Bereichen, ähnlich wie Dragan Milosavljevic, Verantwortung übernehmen, während mit Butterfield, sofern wieder gesund, ein echter Werfer im Kader steht, der hoffentlich effektiver agieren wird, als Dominique Johnson (war da was?) und Carl English. Mit Stefano Peno wurde noch ein weiteres vielversprechendes Talent geholt, das zunächst hauptsächlich Spielzeit braucht um den nächsten Schritt zu machen. Kann er sofort helfen? Abgerundet wird der Backcourt von Akeem Vargas, Niels Giffey und Joshiko Saibou. Alle drei werden ihre Aufgabe solide erledigen. Hervorzuheben ist sicherlich die Vertragsverlängerung mit Niels Giffey, sein Abgang wäre ein schwerer Schlag für die Fanseele gewesen. Bei Akeem Vargas wünschen wir uns wieder mehr Selbstbewusstsein und die gewisse Portion Unbekümmertheit, die ihn in seinen ersten beiden Spielzeiten auszeichnete. Joshiko Saibou kehrt als gestandener BBL-Spieler zurück in seine Heimat, eine grundsolide Verpflichtung, die in Anbetracht der großen Konkurrenz auf den Guard-Positionen durchaus passt.

Apropos Konkurrenz im Backcourt: wie im Vorjahr ist der Kader sehr auf die kleinen Positionen ausgelegt, die Rotation im Frontcourt fällt dagegen wieder sehr knapp aus. Das war bereits im letzten Jahr ein ziemlich großes Problem, wir hoffen, dass es Alba diese Saison nicht wieder auf die Füße fällt. Viel Verantwortung wird nämlich auf den Schultern von Luke Sikma lasten, einem der Premium-Transfers des Sommers. Das Rebound-Problem lösen, Verantwortung übernehmen (auf- und abseits des Feldes) und seine Übersicht ausspielen: auf Sikma kommt viel Arbeit zu. Denn flankieren wird ihn mit Dennis Clifford ein Center, der noch Akklimatisierungszeit benötigen wird, und mit Bogdan Radosavljevic ein Spieler, der sich bekanntermaßen oft genug das Leben selber schwer macht. Bleiben noch Tim Schneider, der bereits im vergangenen Sommer einen bleibenden Eindruck hinterließ und nun wohl fest in der Rotation eingeplant ist und Kresimir Nikic, der wohl erst in ein paar Jahren eine entscheidende Rolle einnehmen wird.  Das ist insgesamt nicht viel, auch wenn vielleicht Niels Giffey sicherlich hin und wieder aushelfen kann. Andererseits können wir uns nicht immer über mangelnde Spielzeit für Youngster aus dem eigenen Nachwuchs beschweren, um im nächsten Moment eine breitere Rotation zu verlangen. Sehen wir es positiv: der eigene Nachwuchs wird definitiv eine Chance kriegen, was anderes bleibt Aito Garcia auch nicht übrig.

Pleiten, Pech und Pannen: eine ganz normale Vorbereitung

Der Grundstein für eine erfolgreiche Saison wird im Sommer gelegt. Hoffen wir mal, dass bei Alba diese Floskel nicht zutrifft: Wie im Vorjahr wurde die Vorbereitung durch verschiedene Verletzungen, einer strapaziösen China-Reise und die verspätete Ankunft der Nationalspieler negativ beeinflusst. Das tut einem Team mit so vielen Neuzugängen und einem neuen Trainer besonders weh. In den verschiedenen Testspielen hagelte es dann auch reihenweise Niederlagen, die allerdings nicht zu hoch gewichtet werden sollten. Wichtiger wird die Entwicklung im Verlauf der Saison, einen rumpligen Saisonstart muss man allerdings einplanen.

 Fazit: Ein langer Weg mit offenem Ende?

Wieder mal wurde der Kader umgekrempelt, wieder mal soll alles besser werden. Die Mischung ist dieses Jahr besonders interessant. Ein besonders junger Kader trifft auf einen besonders erfahrenen Trainer. Was kann dabei heraus springen? Grigonis, Butterfield, Sikma, Siva und Giffey sind ein durchaus respektabler Kern an Spielern, mit denen man die vorderen Plätze anpeilen kann, sofern das Team sich schnell zusammenfindet und nicht von Verletzungen heimgesucht wird. Die dünne Rotation auf den großen Positionen bereitet allerdings Sorgen, Clifford muss funktionieren, sonst sieht es recht düster aus. Alba kann Platz drei oder vier anpeilen, wichtiger ist allerdings, dass es wieder Spaß macht in die Halle zu gehen, die jungen Spieler sich entwickeln und das Team wieder begeistern kann.

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