Endspurt BBL-Hauptrunde: #1 vs Würzburg

Grund zur Freude nach dem Hinspiel: Tim Schneider, Marius Grigonis, Joshiko Saibou, Jonas Mattisseck und Co
Grund zur Freude nach dem Hinspiel: Tim Schneider, Marius Grigonis, Joshiko Saibou, Jonas Mattisseck und Co

Wenn Alba Berlin am Ostersonntag (15 Uhr, Mercedes Benz Arena) gegen die s.Oliver Baskets Würzburg antritt, läuten sie damit schon das letzte Viertel der BBL-Hauptrunde ein, den letzten Abschnitt einer Hauptrunde, die so erfolgreich wie schon lange nicht mehr war und wie im Fluge verging. Dabei treffen sie auf einen Gegner, dessen bisherige Saison mit „Achterbahnfahrt“ unzureichend und vermutlich sogar zu euphemistisch beschrieben ist. Dazu gehört aber auch, dass schwankenden Leistungen und enttäuschenden Niederlagen auch Siege gegen den amtierenden Deutschen Meister Brose Bamberg, den Tabellenführer FC Bayern München Basketball und den Dritten Riesen Ludwigsburg gegenüber stehen. Würzburg hat bewiesen, dass sie an guten Tagen Jeden schlagen können und man sie nicht auf die leichte Schulter nehmen kann.

Der Gegner

Von einer Mannschaft kann man bei Würzburg inzwischen kaum noch sprechen, so sehr wie die Mannschaft im Saisonverlauf durchgewürfelt wurde. Und es fällt schwer, bei den Entlassungs- und Nachverpflichtungsorgien ein Konzept zu erkennen. Try & Error at its best! Vom Kader des ersten Spieltags, an dem man mit einem Sieg gegen Brose Bamberg überaus erfolgreich in die Saison startete, werden am Sonntag in Berlin bestenfalls noch sechs die sneaker schnüren. Andrej Mangold, Ryan Anderson, Osvaldas Olisevicuis und D.J. Richardson sind in Franken längst Geschichte. So wie übrigens auch der Ex-Oldenburger Vaughn Duggings, der erst im Verlaufe der Saison verpflichtet wurde und nach 14 Spielen und wenig positiven Einfluß auf das Würzburger Spiel schon wieder gehen musste. Das ist in etwa so, als ob man beim Fußball in der 30. Minute eingewechselt und in der 60. wieder ausgewechselt wird – Höchststrafe! Bei so einer Wechselorgie sieht auch der Coaching Statt nicht sondernlich gut aus, besonders dann nicht, wenn nicht nur die ursprünglichen Verpflichtungen die Erwartungen nicht erfüllen, sondern der Ersatz ebenfalls im Wesentlichen nicht. Das geht schon klar auf die Kappe des Coaching Staff, der sowohl die einen wie die anderen verpflichtet hat. In Würzburg Dirk Bauermann und Stephen Arigbabu; einer von beiden ist in Berlin deutlich beliebter als der andere. Dem einen von beiden, dem seit den 90ziger Jahren in Berlin respektvolle Antipathie entgegenschlägt, wird möglicherweise am Sonntag zum letzten Mal sein Liedchen („Auf einem Baum …“) geträllert. Ursprünglich verpflichtet, um über drei Jahre etwas in Würzburg aufzubauen, wird zum Saisonende gehen (müssen). Nach offizieller Lesart hat man sich auf eine einvernehmliche Vertragsauflösung geeinigt, aber man wird wohl Bauermann beim Gehen die Tür sehr weit aufhalten und sie schnell schließen sobald er wirklich raus ist. Die Saison ist noch nicht vorbei, eigentlich steht man mit Platz 10 auch nicht verheerend schlecht dar, aber für ein Team, dass aufgrund eines doch sehr ordentlichen Etats die Playoffs als Ziel setzen muss, ist es doch zu wenig, um zufrieden sein zu können. 5 Entlassungen und 4,5 Nachverpflichtungen dürften auch nicht spurlos am Geldbeutel der Sponsoren vorbei gegangen sein und dort auch nicht für helle Freude gesorgt haben. Aktuell kommen nun auch noch längerfristige Verletzungen der beiden Leistungsträger Robin Benzing und Ex-Albatros Kresimir Loncar hinzu, Andy-Brehme-rule … „Haste Scheiße am Fuß …“.

Wen kann man nun am Sonntag in Berlin auf dem Parkett erwarten? Alba Berlins ehemaliger „Verteidigungsminister“ Cliff Hammonds (30 min, 8 pts, 3,4 ass, 43 % Dreier) zieht in dieser Saison in Würzburg die Fäden zusammen und organisiert das Spiel. Über dessen Fähigkieten muss man Berlinern wohl wenig erzählen, die Leidenschaft für gute Defense verliert man wohl nie. Allerdings ist Defense auch vornehmlich Teamsache und ein Hammonds kann nicht das komplette Feld verteidigen.  Sein back up ist der kräftige US-Amerikaner Abdul Gaddy (25 min, 8 pts, 5 ass), der eher mit einem guten Auge und Zug zum Korb als durch hohe Quoten aus der Distanz überzeugt. Ein Guard, der in jedem zweiten Spiel mal einen Dreier trifft, schränkt die Optionen des Teams ein wenig ein. Ein typischer „streaky shooter“ ist shooting guard Maurice Stuckey (25 min, 11 pts, 63% 2er, 31% 3er, . Dieser trifft zwar „nur“ gut 31% Dreier, hat aber auch schon öfter bewiesen, dass er an einem guten Tag mal vier oder fünf Dreier mit 50% Quote versenken kann. Den darf man keinesfalls frei stehen lassen. Eine der wenigen Nachverpflichtungen, die „gesessen“ haben, war de facto gar keine. Shooting Guard Miles Jackson-Cartwright (15 min, 9 pts , 50% 2er, 44% 3er, 3 rbs) wurde vom Würzburger ProB Team zu den Profis befördert und konnte in seinen bisher 4 Spielen überzeugen. Von den aktuell verfügbaren Spielern ist er der zweitbeste Scorer und beste Dreierschütze der Würzburger in nur 15 Minuten. Allerdings wird er am Sonntag nicht in Berlin spielen, da er ab sofort wieder beim ProB-Team eingesetzt werden soll. Stattdessen hat man mit Kameron Taylor den effektivsten Spieler der ProB verpflichtet, ein Überraschungs-Ei zu Ostern für Alba Berlin. Dass man es von der dritten nahtlos in die erste Liga schaffen kann, hat sein Vorgänger ja bewiesen.

Nach der Verletzung von Robin Benzing – Topscorer und effektivster Spieler der Würzburger – klafft auf der Flügelposition ein riesiges Loch. Es ist fraglich, wie das geschlossen werden kann. Im besten Fall nutzen die bisher eher unauffälligen Vytenis Lipkevicius (22 min, 6,5 pts, 62% 2er, 38% 3er, 3 rbs) und der nachverpflichtete EJ Singler (13 min, 4 pts) das Mehr an Spielzeit für stärkere Leistungen. Auch „blue collar“ Felix Hoffmann, der immer mit höchstem Einsatz das Beste aus seinen Möglichkeiten versucht herauszuholen, darf wohl mit mehr Spielzeit rechnen.

Eine kurze Rotation kommt nach der Verletzung von Kresimir Loncar auf die Würzburger zu. Der nachverpflichtete Ex-Hagener Owen Klassen wird mehr als die bisherigen 19 Minuten spielen müssen, die er zu 6,6 Punkten und 4,7 Rebounds nutzte. Damit ist er zwar schon der beste Rebounder der Würzburger, aber zu Hagener Zeiten war er noch einer der dominierenden Rebounder der Liga. Nur 49% Zweier sind für jemanden, der hauptsächlich brettnah agiert, noch mit Luft nach oben. Da über die Saison der eine oder andere Frontcourt-Spieler entlassen wurde, verbleiben neben Klassen nur noch die beiden 21-jährigen Talente Leon Kratzer und Dejan Kovacevic, die versuchen müssen, aus der Situation das Beste zu machen. Während Kratzer regelmäßig gut 11 Minuten Spielzeit bekommt, sind es für Kovacevic, der noch nicht über eine handvoll Kurzeinsätze hinaus kam, ein paar besonders große Schuhe.    

Flashback

Bereits am 9. Dezember trafen beide Teams aufeinander. Alba hatte unter der Woche dem bis heute ungeschlagenen Eurocup-Favoriten Lokomotiv Kuban Krasnodar einen harten Fight und ein gutes Spiel geboten, was jedoch knapp 74-79 verloren ging. Schwerer als die Niederlage wog der Verlust von Spielgestalter Peyton Siva, der sich zum schon länger verletzten Niels Giffey am Rande der Bande gesellte. Aber es ist typisch für die diesjährige Saison von Alba Berlin, dass andere in die Bresche sprangen. Sei es der erst 19-jährige Bennet Hundt der über 17 Minuten Spielzeit zu 5 Punkten nutzte, der 20-jährige Tim Schneider mit ebenfalls 5 Punkten oder der auch erst 24 Jahre alte Bogdan Radosavljevic, der mit 16 Punkten (7/8) in nur 17 Minuten Topscorer wurde. Vor allem war es aber der ungekrönte Kapitän Luke Sikma, der das Team anführte, als es Führung brauchte und so „nebenbei“ mit 10 Punkten, 10 Rebounds und 8 Assists nur ganz knapp an einem triple double vorbei schrammte. Robin Benzing mit starken 25 Punkten hielt die Gastgeber bis zum Ende des dritten Viertels im Spiel, aber ein 12-3 Start der Berliner in den letzten Spielabschnitt stellte die Weichen dann endgültig auf Sieg. Da halfen den Würzburgern selbst (ungeahndet) sechs Spieler auf dem Feld nichts. Am Ende hatten gleich sechs Berliner beim 90-76 Auswärtssieg zweistellig gescort.

Schlüssel

Nach einem Spiel Pause für Joshiko Saibou wieder gemeinsam am Start.
Nach einem Spiel Pause für Joshiko Saibou wieder gemeinsam am Start.

Es gibt im Moment wenig undankbarere Aufgaben in der BBL, als ausgerechnet auswärts in Berlin antreten zu müssen. Das Team der Stunde hat im Kalenderjahr 2018 noch gar kein BBL-Spiel verloren, neun der letzten 10 Spiele über 90 Punkte erzielte und die letzten 10 Spiele mit im Schnitt über 20 Punkten gewonnen. Die letzte Heimniederlage gab es vor knapp vier Monaten Anfang November gegen München. Bis auf Center Bogdan Radosavljevic kann Coach Aíto auch personell aus dem Vollen schöpfen, selbst die Youngster müssen an diesem Wochenende nicht bei Bernau (Saison beendet) oder in der NBBL (kein Spiel) ran. Bei Würzburg wiegen die Ausfälle von zwei Spielern aus der Starting Five mit Benzing und Loncar natürlich ausgesprochen schwer. Für Alba wird es darauf ankommen, aus dem ausgedünnten Würzburger Frontcourt Kapital zu schlagen. Gerade die beiden etwas „hüftsteifen“ Center Klassen und Kratzer dürften gegen die beweglichen Berliner Forwards Sikma und Schneider Probleme bekommen und foulanfällig sein. Auch aufgrund des dünnen Frontcourts wird Würzburg vermutlich viel Zonenverteidigung spielen, dagegen muss Alba Wege finden. Das sollte aber bei der guten Ballrotation und der treffsicheren Schützen der Berliner eigentlich kein großes Problem darstellen. Wenn man dann noch den Schützen wie Stuckey auf den Füßen steht und ausnahmsweise mal gleich konzentriert in die Partie startet (also anders als in München und Erfurt), sollte man mit einem sicheren Heimsieg rechnen können. Das Berliner Team hat einfach zu viele Optionen, es gibt nicht den einen oder zwei Spieler, die man einfach aus dem Spiel nehmen muss. 10 verschiedene Topscorer – am Donnerstag trug sich als Zehnter Tim Schneider in diese Liste ein – sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache, lediglich Niels Giffey und Youngster mit Kurzeinsätzen waren noch nicht Topscorer. Für Würzburg müsste schon sehr, sehr viel perfekt laufen, um das Spiel zu gewinnen. Man bräuchte eine exzellente Wurfquote von aussen, mehrere Spieler, die über sich hinaus wachsen, ein „Neuer“ in Kameron Taylor, der in seinem allerersten BBL-Spiel eine Sensationsleistung bringt und noch eine kollektiv schlechte Leistung von Alba. Sehr wahrscheinlich, dass alles zusammen eintrifft, ist es nicht.

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