Der Käpt’n bleibt an Bord! Und auf Rödls Spuren?

Niels Giffey auf Rödls Spuren?
Niels Giffey auf Rödls Spuren? Foto: alba-inside beim Interview 2015

Alba Berlin hat kürzlich die erneute Verpflichtung des deutschen Nationalspielers und Berliner Eigengewächses Niels Giffey für weitere 2 Jahre bekannt gegeben. Von vielen war dies erwartet, von vielen erhofft worden, aber trotzdem ist es eine Verpflichtung, die bemerkenswert ist. Bemerkenswert auch deshalb, weil diese Verpflichtung Assoziationen und Parallelen zu einem langjährigen Wegbegleiter Giffey hervorruft bzw. zeigt: Henrik Rödl.

Die Beziehung zwischen Alba Berlin und Niels Giffey reicht weit, weit zurück. Indirekt bis ins Jahr 2007, als er unter Alba-Legende Matej Mamic beim TuS Lichterfelde trainierte, direkt besteht die Zusammenarbeit seit 2008. In jenem Sommer hatte es sich unter den, leider wenigen, Fans des damals noch jungen Nachwuchs-Programms von Alba herum gesprochen, dass dieser Giffey zu Alba wechseln würde, weil er dort NBBL spielen und mit Top-Coaches arbeiten könnte. Dieser Giffey stand dann in einer Nebenhalle der Max-Schmeling-Halle auf dem Platz. Jung, blass, schmächtig, kindlich. Selbst gegenüber Gleichaltrigen wirkte er körperlich unterlegen. Der Eindruck änderte sich schlagartig, als dieser Giffey auf dem Spielfeld in Aktion trat. Neben einem für den jüngsten NBBL-Jahrgang überdurchschnittlichem Spielverständnis und guter Wurftechnik, fiel er vor allem durch eines auf: Mut! Selten hat man in diesem Alter einen Spieler gesehen, der mit so viel Mut zum Korb gezogen ist, auch gegen körperlich sehr viel stärkere Gegenspieler. Das war bemerkenswert, auffällig und außergewöhnlich. Und auch sehr erfolgreich. Obwohl jünger als die meisten Mit- und Gegenspieler, war er sehr schnell der Anführer des Teams und schaffte über die 2 Jahre im NBBL-Team 39 Siege in Folge. Darunter war zum Ende des ersten Jahres der Gewinn des NBBL-Titels in der Sömmeringhalle, der auch auf eine sensationelle Leistung Giffeys zurückzuführen war. Gegen Paderborn, damals noch mit vielen Talenten wie den Wendt-Zwillingen bestückt, erzielte er 32 Punkte mit 63% Wurfquote, davon 16 im letzten Viertel und die letzten fünf des Spiels, darunter den spielentscheidenden Dreier. 6 Rebounds, ein Block, ein Assist und ein Steal rundeten diese Leistung ab. Diese Leistung zeigte auch etwas, was sich durch seine gesamte Karriere ziehen sollte wie die bereits genannte häufige körperliche Unterlegenheit: Gewinnermentalität! Einzig im 40. und letzten Spiel für Alba im Jugendbereich gab es einen kleinen Schönheitsfleck auf der ansonsten weißen Weste: Ausgerechnet im NBBL-Finale 2010 gegen die Urspringschule ging das einzige Spiel von Giffey verloren! Sein Trainer während dieser Zeit: Henrik Rödl! Rödl, 11 Jahre bei Alba, nie bei einem anderen (Profi-) Verein, 512 Spiele in Alba-Gelb, 178 Spiele mit dem Adler auf der Brust – nicht mehr und nicht weniger, als eine Basketball-Legende. Und einer, der als Coach sofort erkannte, welches Potential in dem schmächtigen Jungen Niels Giffey steckte. Jener Rödl, der Giffey nicht nur während der Zeit in der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga begleitete, sondern auch seinen Weg später immer wieder kreuzen sollte und vor allem dessen Spielerkarriere viele Parallelen aufweist.

Niels Giffey, erster Titel in der NBBL
Niels Giffey, erster Titel in der NBBL

2010 trennten sich dann die Wege von Rödl und Giffey, die sich in vielen Punkten so sehr ähneln. Rödl machte den nächsten Schritt in seiner Karriere und wurde Headcoach bei der TBB Trier in der Basketball Bundesliga. Giffey machte den Schritt, den sein Trainer und Mentor Rödl einige Jahre zuvor bereits gemacht hatte: In die USA, zum Hochschul-Basketball. Alba Berlin hätte ihn gern damals schon in Berlin gehalten, aber der damalige Trainer Luka Pavicevic (seit 2007) vermittelte jungen Spielern nicht gerade das Vertrauen, dass er stark auf sie setzen würde. In einem Interview mit Alba-Inside erklärte er den Unterschied zwischen seiner Situation und daß diese ein paar Jahre später deutlich besser war, wie folgt:

„Absolut, auf jeden Fall […war die Situation ein paar Jahre später für Wagner und Akpinar besser]! (murmelt) … wie hiess der noch mal … Pavicevic, hat mich zwei, drei Mal zum Training eingeladen. Das war’s! Mehr nicht. Natürlich hat sich durch die Quotenregelung für deutsche Spieler etwas zum Positiven bewegt. Das macht Druck auf die Vereine, die Ausbildung und vor allem Einbindung deutscher Spieler ernsthafter anzugehen. Die Chancen, wirklich nach vorne zu kommen und sich zu verbessern, sind für junge, deutsche Spieler heutzutage [2014] sehr viel besser, als vor vier, fünf Jahren.“

Also College, UConn, University of Conneticut, Huskies. Eine grandiose Entscheidung, besser hätte es nicht laufen können. Gleich im ersten Jahr gewann er den NCAA-Titel. Uni-Meister bedeutet in Deutschland nichts, in den USA ist es das zweitgrößte Sportereignis des Jahres nach dem Super Bowl und noch vor dem Titel in der NBA. Über 80.000 Zuschauer in der Halle, über 100 Millionen am TV, Empfang bei Präsident Obama, mehr Lametta geht kaum! Der NCAA-Titel ist der Traum eines jeden Spielers, der sich in ein Basketball-Programm am College einschreibt, Niels Giffey hat diesen Traum gleich zwei Mal als Realität erlebt, denn auch in seinem vierten und letzten Jahr am College konnte er noch einmal mit den UConn Huskies den Titel gewinnen – auch mit einer wichtigen Rolle auf dem Parkett. Rödl ist das „nur“ ein Mal gelungen, 1993 wurde er mit den Tar Heels der University of North Carolina Champion! In einem Interview mit Alba-inside hat er 2014 recht ausführlich das College-System und die Unterschiede zum deutschen System erklärt.

Mister Alba, Henrik Rödl
Mister Alba, Henrik Rödl

2014 kehrte Niels Giffey nach der Karriere am College wieder nach Deutschland zurück, nachdem der Versuch, den Sprung in die NBA zu schaffen leider erfolglos blieb. Die Leistungen am College und der deutschen Nationalmannschaft blieben natürlich nicht unbeobacht. Giffey hatte u.a. ein sehr dotiertes Angebot vom deutschen Spitzen-Team Brose Baskets Bamberg und anderen. Trotzdem haben die sog. „weichen“ Faktoren den Ausschlag für Berlin gegeben oder wie er es selbst gegenüber alba-inside ausdrückte:

„Ich hatte schon immer das Bewusstsein, dass ich noch etwas neben dem Sport machen muss. Ich kann nicht 24 Stunden am Tag Basketball machen, 18 Stunden reichen, ich muss noch ein, zwei Stunden etwas anderes machen. […] Es war für mich immer wichtig, dass ich in einem sozialen Umfeld bin, wo ich mich wohl fühle. Ich kann nur optimale Leistungen bringen, hart arbeiten und ein Teamplayer sein, wenn die Leute in meinem Umfeld mir wichtig sind und ich mich wohl fühle. Wenn ich mich nicht wohl fühle, kann ich für die Leute auf dem Feld nicht gerade stehen und so tun, als ob ich der top Teamspieler bin, wenn ich die Leute gar nicht mag. Deshalb ist es wichtig, eine Situation zu finden, wo man sich wohl fühlt.“

Diese Wohlfühl-Situation hatte er dann offensichtlich am ehesten in der Heimat, nachdem er vier Jahre lang in den USA eine andere Kultur und Mentalität kennengelernt hatte. Das maximal mögliche Einkommen ist offenbar für ihn nicht das oberste Kriterium, sondern die Mischung aus Verdienst, sportlicher Herausforderung und einem passenden Umfeld außerhalb des Sports ergeben das für ihn wichtige Gesamtpaket. Zum Wohlfühlen gehört bei Niels Giffey auch die Nationalmannschaft, für die er 2013 bei einem Freundschaftsspiel gegen die Slowakei das Trikot mit dem Adler trug und damals 11 Punkte zum 100-47 Sieg beitrug. Diesem Auftakt folgten bisher 60 weitere Spiele, nahezu jeden Sommer hielt er für Deutschland die Knochen hin. In einer Zeit, wo auch im Basketball viele ICH-AGs am Start sind und persönliche Interessen oft voran gestellt werden, ist dieser Einsatz für das Land und den Verband nicht so selbstverständlich. Gerade aktuell hat der Coach Rödl den Spieler Giffey in den erweiterten Kader für die Weltmeisterschaft berufen und es wäre wenig überraschend, wenn das Duo Henrik Rödl – Niels Giffey in China bei der WM der gemeinsamen Geschichte ein weiteres Kapitel hinzufügt.

Seinen Mentor Rödl führte der Lebensweg 2015 wieder in die deutsche Hauptstadt. Nachdem die TBB Trier insolvent wurde und allen Mitarbeitern, so auch dem Chefcoach, kündigen musste, verlegte dieser seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Berlin, wo er bereits zuvor schon 17 Jahre als Spieler und Trainer gearbeitet und gelebt hatte. Mit seiner Tätigkeit als Bundestrainer des deutschen Basketball Bunds für die A2 Nationalmannschaft, Co-Trainer des A-Teams und seit 2017 als Chefcoach der Nationalmannschaft ließ und lässt sich das gut verbinden.

Henrik Rödl in seiner Funktion als Bundestrainer des DBB Foto: wikimedia commons, user Granada, under CC BY-SA 4.0 International license
Henrik Rödl in seiner Funktion als Bundestrainer des DBB
Foto: wikimedia commons, user Granada, under CC BY-SA 4.0 International license (cropped)

Beide verbinden unglaublich viele Gemeinsamkeiten. Es ist ja nicht nur die Position, beide sind primär small forwards, auch wenn der eine (Rödl) als sekundäre Position eher zum shooting guard tendierte, während Giffey eher mal auf power forward ausweicht. Beide sind nicht als volume scorer bekannt (gewesen), sondern überzeug(t)en durch Vielseitigkeit und engagierte Defense. Beide waren emotionale Anführer durch leading by example, d.h. sie waren bzw. sind Vorbilder durch ihr tägliches Handeln. Und nicht zuletzt sind bzw. waren beide etwas, was der Amerikaner „glue guy“ nennt. Die Klebstoff-Jungs, die das Team zusammen halten, gerade, wenn es mal nicht läuft, vermitteln, schlichten, tausend kleine Dinge tun, die auf keinem Statistikbogen erscheinen. Aber etwas, was im Endeffekt wichtiger ist, als eine Zahl auf einem Statistikbogen. Auch deshalb wurde Rödl 1996 MVP der Bundesliga, was außer ihm nur sechs Alba-Spielern gelang: Alibegovic, Alexis (4x), Stanojevic (2x), Jenkins (2x), McLean und letztmalig vor Jahresfrist Luke Sikma. Rödl ist somit auch der einzige deutsche Alba-Spieler in diesem illustren Club, in den es in über 30 Jahren überhaupt nur neun Deutsche schafften, letztmalig 2004 Pascal Roller. Niels Giffey hat das noch nicht geschafft. Selbst bei der Statur und Kopfform gibt es gewisse Ähnlichkeiten.

Nun wird Niels Giffey also in den nächsten zwei Jahren weiter den großen Spuren Rödls bei Alba folgen. Er hat jetzt schon die 8.-meisten Spiele (276) für Alba Berlin gespielt und Legenden wie Demirel, McElroy, Stanojevic, Femerling oder Jenkins hinter sich gelassen. Sollten ihn nicht längere Verletzungen zu Pausen zwingen, wird er in zwei Jahren auch Sven Schultze (292), Akeem Vargas (308), Jörg Lütcke (324), Wendell Alexis (341) und Marko Pesic (382) überflügeln. Um an Teoman Öztürk (10 Jahre, 489 Spiele) oder gar „Mr. Alba“ Henrik Rödl (11 Jahre, 512 Spiele) vorbei zu ziehen, wird er wohl in zwei Jahren seinen Vertrag noch einmal verlängern müssen. Es gibt sicher wenige in Berlin, die etwas dagegen hätten! Rödls 178 Spiele im Dress der deutschen Nationalmannschaft wird Giffey nach Lage der Dinge aber nicht mehr erreichen können. In der gesamten Basketball-Bundesliga gibt es nur ein, zwei handvoll Spieler, die auf eine derartige Vereinstreue verweisen können. Allen voran der Trierer James Marsh, der mit einem Jahr Pause 20 Jahre für seinen Verein aktiv war und natürlich Mr. Oldenburg, Rickey Paulding, der im Herbst in seine 13. Saison bei den Niedersachsen geht.

Vertragsverlängerungen wirken gemeinhin nicht so spektakulär wie Neuverpflichtungen, das Neue wirkt interessanter als das Bekannte. Trotzdem ist für uns die Vertragsverlängerung mit Niels Giffey der Königstransfer in diesem Sommer. Trotz toller neuer Verpflichtungen von Mason, Eriksson und Cavanaugh und den Vertragsverlängerungen mit Siva und Mattisseck. Einen deutschen Spitzenspieler mit Euroleague-Niveau, und das ist Giffey ohne jeden Zweifel, so lange halten zu können ist eine echte Leistung des Managements. Schließlich gibt es verdammt wenige Spieler auf diesem level und diese sind naturgemäß heiß begehrt. Zumal es die Spatzen von den Dächern pfiffen, dass er auch mehr als vielleicht einen Gedanken daran verschwendete noch einmal etwas Neues in sportlicher Hinsicht zu probieren. Aber am Ende muss gerade bei Niels Giffey das Gesamtpaket aus sportlichem Anreiz, einer angemessenen Bezahlung und einem sozialen Umfeld mit Wohlfühlfaktor stimmen. Brose Bamberg hatte dem Vernehmen nach wohl großes Interesse, aber de facto keine Chance, da die sportliche Herausforderung fehlt. Die wenigen Euroleague-Teams haben gerade in diesem Sommer auf Giffeys Position nicht oder andere Spielertypen gesucht und am Ende des Tages ergab die Euroleague-Teilnahme Albas, eine sicher ordentliche Bezahlung und das eh schon vorhandene soziale Umfeld wieder den Ausschlag für die Heimatstadt gab!

    

 

   

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