Das Karussell, der Schweiger und der Anti-Jacobsen

Das Personalkarussell dreht sich ...
Das Personalkarussell dreht sich …

Das Personalkarusell drehte sich zum Monatsende Januar noch einmal und hinterlässt die Fans von Alba Berlin mit gemischten Gefühlen. Von vielen gehofft und gewünscht, bleibt guard Alex Renfroe bis zum Saisonende in Diensten von Alba Berlin, aber kein Licht ohne Schatten: Flügelspieler Vojdan Stojanovski wird gleichzeitig das Team verlassen und in die spanische ACB zu MoraBanc Andorra wechseln. So weit die knappen Fakten, aber man kann natürlich auch etwas ausführlicher auf diese „Rochade“ blicken und diese bewerten.

Der Anti-Jacobsen

Aus dem Kader nicht mehr wegzudenken: Alex Renfroe
Aus dem Kader nicht mehr wegzudenken: Alex Renfroe

Alex Renfroe (28) kam kurz vor Saisonbeginn als Ersatz für den verletzten Jonathan Tabu und sollte diesen bis zu dessen Genesung ersetzen, d.h. bis Ende Januar 2015. Die Verpflichtung des pfeilschnellen Guards erwies sich als wahrer „Glücksgriff“, wobei solche Verpflichtungen nur am Rande mit Glück zu tun haben, sondern dauerhafte systematische Arbeit im Scouting dahinter steht. Renfroe, der nur in einem einzigen BBL-Spiel aussetzte, nämlich am zweiten Spieltag beim morgigen Gegner medi Bayreuth, brachte Eigenschaften mit, die das Team von Alba bestens brauchen konnte. „Defense first“ gilt eigentlich für fast alle Teams, die von Sasa Obradovic gecoacht werden. wenn man aufgrund der finanziellen Möglichkeiten Abstriche bei Verpflichtungen machen muss, dann eher nicht bei den defensiven Fähigkeiten. Bei Renfroe hat man es getan, Defense gehört nicht zu seinen ausgewiesenen Stärken, da fehlt ab und an mal die Übersicht und mit 80 Kilogramm fehlt es auch schlicht und einfach an den physischen Voraussetzungen. Man kann aber inzwischen eine positive Tendenz erkennen; der Wille zu verteidigen, ist zu erkennen und die Fähigkeiten sind in Zusammenarbeit mit Obradovic auch besser geworden. Von Anfang an brachte Renfroe jedoch ein enormes offensives Potenzial mit, und damit etwas, was in Albas Defense first Team nicht in dem Maße ausgeprägt war. Dafür bekommt Alex Renfroe auch die Freiheiten. Zudem reisst er mit seinem unglaublichen speed die Defense der Gegner auseinander und zieht viele Fouls. Renfroe entwickelte sich sehr schnell zum absoluten Leistungsträger, ist der zweiteffektivste Alba-Spieler, bester Passgeber, zweitbester Rebounder im Team, im gelingen die drittmeisten Ballgewinne und erzielt mit Quoten um die 50% gute Werte. Kurz und knapp, das wäre schwer zu ersetzen, gut, dass er bleibt.

Renfroe hat in letzter Zeit mit Äusserungen in der Presse auf sich aufmerksam gemacht, die sehr geschäftsmäßig, unemotional, im besten Sinne professionell in der engeren Bedeutung des Wortes, wirkten. Sport als Business. Dabei ist Sport auch Entertainment. Sport ist auch Emotion, ein Spiel mit Gefühlen. Es gilt als tacit consent, gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung, dieses Spiel mitzuspielen. Die toll(st)en Fans, die großartige Stadt, die „Familie“, die super Kumpels im Team. Und warum? Weil es die Gegenüber, die Fans, auch wollen. Illusion ist gewollt und willkommen, man will sich vom schönen Schein verführen lassen. Niemand geht mit seinen Kindern in den Zirkus und erklärt ihnen, dass der Clown eigentlich gar nicht lustig ist, sondern ständig über seine viel zu großen Füsse stolpert, weil er Geld dafür bekommt. Die Wahrheit ist trist. Auf die Spitze getrieben bzw. übertrieben hat es der ehemalige Alba-Spieler Casey Jacobsen! Greatest fans of Alba, greatest fans of freak city, greatest fans of Ulan Bator Uran Ballerz… Alex Renfroe ist dazu der Gegenentwurf, der Anti-Jacobsen! Er ist ehrlich, aber nicht smart.

Der Schweiger

Good bye, Vojdan!
Good bye, Vojdan!

Kein Licht, ohne Schatten! Die Personal-Rochade bringt es auch mit sich, dass Vojdan Stojanovski (27) ab sofort nicht mehr für Alba Berlin auflaufen wird. Das ist ärgerlich für die Fans, vielleicht nicht ganz so ärgerlich für den sympathischen Mazedonier selbst. Mit der Rückkehr von Jonathan Tabu ins Team, war klar, dass auf den Guard Positionen bei Alba ein Überangebot herrschen würde. Bisher musste in der Bundesliga immer ein ausländischer Spieler aussetzen und sehr oft traf es Stojanovski, der an weniger als der Hälfte der BBL-Partien mitwirkte. Mit noch einem Ausländer mehr, müssten dann schon zwei Spieler pausieren und man muss kein großer Prophet sein, um zu prognostizieren, dass es idR den jungen Mazedonier treffen würde. Ja, es gibt noch den europäischen Wettbewerb, aber selbst die kühnsten Optimisten erwarten dort nicht mehr als noch neun verbleibende Spiele, also weniger als zwei handvoll. Der Flügelspieler, der die Alba-Fans in der vergangenen Saison noch mit seinem sicheren Distanzwurf, vielen gezogenen Fouls und sehr hohen Quoten von der Freiwurflinie begeisterte, hatte generell ein schwieriges Jahr. Er kam als späte Verpflichtung und hatte länger mit Verletzungen zu kämpfen. So richtig fand er nie so richtig ins Team, nie so richtig seinen Rhythmus. Wenn er mal mitspielen durfte, waren seine Leistungen durchaus in Ordnung, knapp 9 Punkte in gut 14 Minuten sind alles andere als schlecht, beim Spiel in Limoges in der Euroleague hatte er einen bedeutenden Anteil am Erfolg. An seinen menschlichen Eigenschaften gibt es eh absolut nichts auszusetzen, macht nie Stunk, fügt sich in seine reduzierte Rolle, ist immer freundlich – wenn man es schafft, ihm ein paar Worte zu entlocken – solche Spieler wünscht sich eigentlich jeder Trainer

Nun könnte sich die Situation für Stojanovski mit dem Wechsel zu MoraBanc Andorra verbessern. Das Team aus dem Zwergstaat (und Paradies für Zigarren- und Whisky-Freunde) zwischen Spanien und Frankreich spielt in der spanischen ACB mit und somit in der immer noch stärksten Liga Europas. Die ACB bietet Stojanovski eine tolle Bühne, um sich zu präsentieren. Das Team aus Andorra spielt dort gegen den Abstieg (derzeit 15. von 18 Teams) und baut aktuell das Team um. Neben Vojdan Stojanovski wurde aktuell auch noch der erfahrene serbische Forward Luka Bogdanovic (Ex-Oldenburg) verpflichtet. Stojanovski ist ein shooter und shooter brauchen Würfe. Mehr als er bei Alba bekommen hat (weniger als fünf pro Spiel) und die er in Adorra eher bekommen wird. Ein großer (größerer) Fisch im kleine(re)n Teich zu sein, kommt seinem Spiel wahrscheinlich eher entgegen, als die Situation bei Alba. Auch wenn man als Fan beliebte Spieler natürlich sehr ungern gehen sieht, so sollte man Vojdan dieses Chance doch von Herzen gönnen. Viel Glück und Erfolg, Vojdan!

Alba musste aufgrund der sportlichen Erfolgsaussichten entscheiden. Da hat Renfroe gegenüber Stojanovski die Nase vorn. Zudem passt Renfroe auch zur aktuellen Personalsituation besser, wenn man bedenkt, dass hinter den Fähigkeiten von Jonathan Tabu noch einige Fragezeichen stehen. Als back up auf der point guard Position hinter Cliff Hammonds ist Alex Renfroe nicht perfekt geeignet, aber doch noch besser, als es Stojanovski wäre. Als Obradovic vor 2,5 Jahren in Berlin begann, sprach er viel darüber, dass er gerne mit vielen Spielern spielt, die point guard Fähigkeiten mitbringen, das Spiel aufbauen und den Ball gut passen können. Vor diesem Hintergrund ist die getroffene Entscheidung folgerichtig.

Ein Gedanke zu „Das Karussell, der Schweiger und der Anti-Jacobsen“

  1. Der Abschied von Vojdan war irgendwie absehbar, ob nun jetzt oder in der Offseason, und doch schmerzt er. Klar, vielleicht sind es eher die Szenen der letzten Saison, die vor dem inneren Auge laufen, als die wenigen aus dieser. Doch irgendwie war Vojdan ein Anker aus dem im letzten Jahr umgebauten Team. Der Mazedonier mit eigenem Fanclub, ein Spieler mit wunderschönen Fakes, klassischer Basketballausbildung und einer hohen Souveränität und Sicherheit auf dem Feld. Mit Renfroe werde ich – wenngleich ich die Leistung respektiere und die Entscheidung rational verstehe – nicht warm. Seine Pässe ins Nichts regen mich auf. Aber letztlich können eben Vargas und Giffey die Rolle von Vojdan füllen, die Rolle des Spielers, der frei gestaltet, die füllen sie nicht. Es ist wohl weniger der Backup auf Pointguard, der Vojdan den Platz gekostet hat als die Entwicklung der deutschen Spieler im Backcourt, die man um einen kreativeren Shooter ergänzen muss, der auch den Ball bringen kann. Diese Dimension kann Vojdan in der athletischen und US-geprägten BBL nur bedingt ausfüllen. Der Angriff gegen den defensiven Druck der anderen großen Bs ist mit zwei Pointguards und einem Vargas oder Redding eben doch flexibler und schneller als mit den großen Schweiger. Ich habe ihn gern gesehen in Berlin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.