Das große Ojeda-Interview (pt. IV): Es wird global, FIBA vs Euroleague und mehr

Himar Ojeda in der Mercedes Benz Arena, Heimat von Alba Berlin
Himar Ojeda in der Mercedes Benz Arena, Heimat von Alba Berlin

Drei Teile unserer Interview-Reihe mit Alba Berlins Sportdirektor Himar Ojeda liegen bereits hinter uns. Hier noch mal zusammengefasst:

Teil I: Himar Ojeda persönlich
Teil II: Die aktuelle Situation bei Alba Berlin
Teil III: Basketballphilosophie, Teamzusammenstellung

Im vierten Teil wird der Rahmen nun noch größer, es wird europäisch, ja global. Wir sprechen über den Streit zwischen der FIBA und der Euroleague, closed shop vs pure sportliche Qualifikation, den optimalen europäischen Wettbewerb, den optimalen Aufbauspieler national wie international und allgemeine Trends im modernen Basketball.

Der Streit zwischen der FIBA und der Euroleague bringt akuell sehr viel Unruhe in die Basketballwelt, besonders in den europäischen Teil davon. Inwieweit beeinflusst diese Situation Alba Berlin in Bezug auf die nähere Zukunft?

Das ist ein Drama und fügt dem europäischen Basketball großen Schaden zu. Es ergibt auch keinen Sinn. Wir selbst können wenig machen. Wir können eine Sache machen, nämlich als deutsche Vereine alle mit einer Stimme zu sprechen. Das ist gut und so sollte es sein. Eine gemeinsame Position ergibt Sinn. Viel können wir allerdings nicht tun, wir müssen abwarten.

Wer sich zu früh bewegt könnte am Ende auf der Seite der Verlierer stehen?

Ja, absolut. Man muss nur mal sehen, was bisher passiert ist. Einige Teams haben sich für die FIBA entschieden, einige Teams für die Euroleague, nun schließt die FIBA Nationalmannschaften von internationalen Meisterschaften aus, Teams werden aus den nationalen Meisterschaften ausgeschlossen usw. Es ist eine völlig verrückte Situation. Eigentlich ist es auch nicht nur ein europäischer Streit sondern ein globaler.

Die Clubs sind heutzutage alles Wirtschaftsunternehmen, Kapitalgesellschaften, und die wollen das, was für das Unternehmen am besten ist. Das muss man auch berücksichtigen. Die aktuelle Situation ist schlecht für den Basketball, aber es kann auch eine große Chance sein und einiges für die Zukunft verbessern. Es ist klar, dass wir als Alba Berlin im bestmöglichen Wettbewerb spielen wollen. Das ist fair.

Was wäre für Sie der ideale Wettbewerb im europäischen Vereinsbasketball? Eher ein geschlossenes System wie in der NBA oder eher so wie in der Fußball Championsleague, wo sich jeder für qualifizieren kann?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Egoistisch betrachtet, wenn man die Chance hätte, Teil so eines Wettbewerbs wie der NBA oder Euroleague zu sein, sollte man sie nutzen. Aber das wäre wie gesagt recht egoistisch. Wer nicht drin ist, will rein. Die Verantwortlichen für den professionellen Vereinsbasketball in Europa, das ist die Euroleague, hatten eine Vereinbarung mit der FIBA, dass die Euroleague den ersten und zweiten europäischen Wettbewerb organisiert und die FIBA die Eurochallenge. Es gab diese klare Vereinbarung, wer verantwortlich ist für die internationalen Vereinswettbewerbe. Das ist die Euroleague und die sollte entscheiden, was das Beste für den Basketball ist.

Es gibt diese Diskussionen, was das beste Modell für europäischen Basketball ist, ein sog. „closed shop“ oder ein anderes Modell. Da gibt es ja auch die Vorschläge, dass alles über die nationalen Ligen geregelt wird und die Meister am internationalen Wettbewerb teilnehmen, je nach Stärke der nationalen Liga in der ersten, zweiten oder dritten europäischen Liga. Es ist schwer zu sagen, beide Seiten haben positive und negative Aspekte. Wenn die Qualifikation über die nationalen Ligen erfolgt, aber immer die gleichen Top-Teams vorne sind, wie z.B. in Spanien Real Madrid oder der FC Barcelona, ist das auch fast ein „closed shop“. Wenn dann mal ein Team außergewöhnlich gut ist, wie z.B. aktuell Atlético Madrid oder Leicester City im Fußball, stellt sich die Frage, ob die Teilnahme an der Championsleague ihnen hilft, sich weiterzuentwickeln oder nicht. Ist es nur ein Strohfeuer, übernehmen sich die Vereine, sinken sie nach einem Jahr Championsleague sogar auf ein niedrigeres Niveau als vorher?

Das Modell des „closed shop“ wie in der NBA bevorteilt die etablierten und berühmten Teams ein wenig, ist aber trotzdem halbwegs fair. Sie verdienen mehr Geld, z.B. verkaufen Teams wie die N.Y. Knicks oder die L.A. Lakers mehr Trikots und Merchandising Artikel, obwohl z.B. die Lakers ganz tief im Tabellenkeller stecken. Das wäre so im europäischen Fußball unvorstellbar. Kann sich jemand vorstellen, dass Bayern München mal für einige Zeit im Tabellenkeller herum dümpelt? Das wird es nicht geben. Da ist das NBA-Modell durch den salary cap und den Draft fairer. Wer in einem Jahr schlecht abschneidet, hat im folgenden die besten Chancen beim Draft. Sie verteilen das Geld relativ gleichmäßig auf die Clubs. Nicht alle haben das gleiche Geld, die Lakers haben wie gesagt mehr, aber jeder hat einen Grundbetrag, der ihm zur Verfügung steht. Wer dann mehr Geld ausgeben will, muss eine Art Luxussteuer zahlen, die der Liga zugute kommt. Das Modell des „closed shop“ – so wie es in der NBA funktioniert – erlaubt es jedem nach oben zu kommen und zu wachsen. Ob das Euroleague Modell auch funktioniert, ich weiß es nicht, man wird sehen.

Im europäischen Basketball gab es vor ungefähr 10 Jahren einen Trend für point guards, der lautete „je größer, je besser“, am besten sollte ein point guard 2 Meter groß sein oder größer. Dieses Jahr haben wir allein beim Euroleague Final Four Bobby Dixon, Mike James, Dontaye Draper oder auf einem anderen level Bo McCalebb, Khalid El-Amin oder Nate Robinson in der NBA – alles Spieler um die 1,80 m. Wie erklären Sie sich diese Trendumkehr?

Solche Trends entwickeln sich und ab und an, wenn die Entwicklung zu extrem war, entwickeln sie sich auch wieder ein stückweit zurück. Vor vielen Jahren waren beide großen Positionen ausschließlich Innenspieler. Dann entwickelte sich der Bedarf, dass diese auch aus der Distanz werfen können und das Feld weit machen müssen. Dann gab es auch mal einen Trend, dass die Small Forwards unglaublich groß sein sollten, mindestens 2,05 m, teilweise größer als die Innenspieler. Darüber unterhalte ich mich immer mal wieder mit Trainern oder Agenten. Wenn man einen Small Forward hat, der 2,05 m groß ist, man den aber nicht auch am Brett, im low post, einsetzt, dann nützt die ganze Länge nicht viel. Wenn man sich nur an der Dreierlinie aufhält, dann kann man 2,50 m oder 1,50 m groß sein, entweder man kann werfen oder nicht. Aber Trends kommen und gehen, das ist Teil des Geschäfts.

Was mir im deutschen Basketball ein wenig fehlt, ist Finesse. Die deutsche Liga ist sehr, sehr physisch, sehr defense-orientiert. Ich denke, das ist noch ein Erbe aus der Zeit, als jedes Team mit 12 Amerikanern gespielt hat. Seit jener Zeit ist die Liga so physisch. Es kamen eine Menge Spieler aus den USA hier rüber, aber nicht die absoluten Top-Spieler und die meisten wollten eigentlich lieber nach Spanien oder Italien. Es waren gute Spieler, nicht die besten und talentiertesten, aber sie waren sehr physisch. Noch heute spielen viele Importspieler aus den USA super-physisch.

Um wieder auf die Point Guards zurückzukommen, da sehe ich einen großen Unterschied zwischen Spanien und Deutschland. In Spanien gab und gibt es nur wenige Aufbauspieler, die körperlich sehr stark sind. Die wenigen amerikanischen Point guards wie z.B. Elmer Bennett waren reine Aufbauspieler und physisch nicht besonders stark. Der Rest waren meist Europäer, Spanier, wie Sergio Rodriguez, Calderon, Sergio Llull, Raul Lopez usw.. die auch nicht sehr physisch gespielt haben. Also wirklich reine Aufbauspieler, die das Spiel organisiert haben. Die haben das Spiel verstanden. Hier in Deutschland – natürlich hat da jeder andere Vorlieben – ist für mich Per Günther einer der 5 besten reinen Aufbauspieler. Der ist auch nicht groß oder besonders physisch, aber er versteht das Spiel. In der Breite fehlen diese Spieler aber ein bisschen in der BBL, die variieren können, das Spiel schnell oder langsam machen, viele Systeme initiieren können. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Bundesliga recht stark von der ACB. Ich hoffe in der Tat, dass der Trend weg von den großen, kräftigen Guards zu echten Aufbauspielern geht. Noch ein anderes Beispiel: Da gibt es in Gießen Braydon Hobbs, der auch nicht besonders kräftig ist, eher schmal und kaum muskulös, aber eine unglaublich gute Übersicht hat und sehr gut Systeme einleiten kann. Er hat 10 Punkte, 5 Rebounds, 5 Assists im Durchschnitt, obwohl viele Leute gezweifelt hatten, ob er überhaupt die Klasse für diese Liga haben wird. Aber wenn du ein wirklich guter Spieler bist, kannst du es überall schaffen. Einer der besten Spieler für mich, zumindest einer, der auf mich einen sehr großen und bleibenden Eindruck gemacht hat ist Gonzalo Martinez. Der ist auch nur 1,78 m groß. Als er jung war, war er sehr athletisch, hat sich dann später aber mehrmals das Knie verletzt. Das hat seine Spielweise verändert, dadurch war er nicht mehr besonders physisch, hat aber trotzdem die ACB über viele Jahre dominiert. Wenn man 2,00 m groß ist, gut, wenn man besonders stark ist, auch gut, aber es ist nicht das entscheidende Kriterium für mich.

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