Das große alba-inside Sommerinterview mit Himar Ojeda, Teil I

Himar Ojeda, Sportdirektor von ALBA Berlin im Gespräch mit alba-inside

Es ist zu einer schönen Tradition geworden, dass wir uns im Sommer mit Alba Berlins Sportdirektor Himar Ojeda zu einem ausführlichen Interview treffen. So auch wieder in diesem Jahr. Um ein wenig tiefer in die Basketball-Materie einzutauchen, Dinge zu besprechen, die im Tagesgeschäft zu kurz kommen. Wir sprachen über die Offseason, die kommende Saison, den neuen Kader, die Euroleague, den Nachwuchs und haben ein wenig weiter als über ein Jahr hinaus geschaut. Im ersten Teil möchten wir jedoch zunächst einen Blick zurück auf die vergangene Saison werfen.

Hallo Himar,

danke, dass du dir wieder die Zeit für uns nimmst. Wie üblich die erste Frage, „same procedure as every year“, wie gut ist dein Deutsch inzwischen geworden?

Leider nicht viel besser. Ich versuche es zu lernen, aber es ist nicht einfach. Durch die vielen Reisen, und dadurch, dass ich beruflich alles komplett auf englisch mache, ist es schwierig, die deutsche Sprache besser zu lernen. Ich werde es aber auf jeden Fall weiterhin versuchen und übermorgen beginnt wieder mein Deutschunterricht. Aber die Frage ist immer, wie viele Stunden ich während der Saison mit den vielen Reisen werde nehmen können. Ich versuche das zu organisieren und Schritt für Schritt wird es besser.

Auf Twitter reagierst du öfter mal auf Tweets, die auf deutsch geschrieben sind, du scheinst zumindest ein bisschen Deutsch zu verstehen?

Ja, ich verstehe schon Einiges, besonders wenn es um Themen geht, die mit dem Beruf zu tun haben, mit denen ich immer mal wieder zu tun habe. Wenn Marco [Baldi] oder Henning [Harnisch] etwas schreiben, verstehe ich eine ganze Menge, weil es um Themen geht, mit denen ich viel zu tun habe. Die Sprache zu sprechen ist aber schwieriger.

Nach einem weiteren Jahr in Berlin, fühlst du dich wie ein „echter“ Berliner?

[lacht] Bin ich ein echter Berliner? Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, schimpfe ich und bin unfreundlich wie ein echter Berliner. Ernsthaft, ich fühle mich sehr wohl in Berlin, ich mag die Stadt sehr.

Aber eine Sache fehlt noch, um wirklich ein echter Berliner zu sein…

Was ist das?

Wir haben da draußen dieses gelbe Fahrrad gesehen… Man ist erst wirklich ein „echter“ Berliner, wenn einem wenigstens ein Mal im Leben das Fahrrad geklaut wurde …

Dann bin ich noch kein echter Berliner und ich hoffe, diesen Teil auch auszulassen … [lacht]

Du hattest ja fast den ganzen Sommer frei, schnell drei neue Spieler verpflichtet und dann Ferien den ganzen Sommer lang …

Ich hatte einen etwas ruhigeren Sommer erwartet, aber so war es nicht. Wir hatten zwar nur drei Neuverpflichtungen, aber auch drei Vertragsverlängerungen [Peyton Siva, Niels Giffey, Jonas Mattisseck] und diese Vertragsverlängerungen waren kompliziert und ein Prozess mit einer Menge Arbeit. Das ist eine nachvollziehbare Situation gewesen, die ich auch so erwartet hatte. Alle Spieler wollten grundsätzlich bleiben und deshalb sind sie auch weiter hier, aber nach einem guten Jahr ergeben sich auch immer wieder andere Optionen und Möglichkeiten. Dadurch verändern sich auch finanzielle Vorstellungen, die Agenten machen ihren Job… Es ist schwierig, Lösungen zu finden, mit denen alle Seiten glücklich sind, aber letztlich haben wir das geschafft. Das betrifft sogar Spieler, die eigentlich noch einen Vertrag haben, wo andere Clubs nachfragen und diese gern verpflichten würden, Rokas [Giedraitis] zum Beispiel. Das Team war relativ spät „fertig“. Alles in allem war der Sommer nicht so ruhig, wie erwartet und wie es vielleicht erscheint. Also kein wirklicher Urlaub in diesem Sommer, aber ich hole den irgendwann während der Saison nach.

Bevor wir uns dem neuen Kader und der neuen Saison zuwenden, würden wir gern noch mal einen kurzen Blick zurückwerfen. Könntest du kurz beschreiben, was gut in der vergangenen Saison gelaufen ist und was nicht so? Was ist dein Resümee?

Es war ein unglaubliches Jahr, ehrlich, das war eine der besten Saisons aller Zeiten für mich. Man muss es aus einer gewissen Perspektive betrachten. Während der Saison nimmt man nicht wahr, wie großartig die Saison ist und das ist auch gut so, denn man muss fokussiert auf das Tagesgeschehen bleiben und danach streben, sich ständig zu verbessern. Was gefehlt hat, war ein Titel. Wir waren in drei Finals und haben keines gewonnen, das fehlt. Am meisten schmerzt, den Pokal nicht gewonnen zu haben. Dort hatten wir die größte Chance auf einen Titel und diese Chance nicht genutzt zu haben, macht es schon schmerzhaft. Die anderen beiden waren noch größere Herausforderungen, bei denen es aber auch mehr zu gewinnen gab, bedeutendere Titel zu holen gewesen wären, wenn man so sagen will. Da tut es natürlich auch weh, wenn man so kurz davorsteht und es dann trotzdem nicht schafft. Wir hatten unsere Chancen, realistische Chancen, die im Eurocup ein wenig geringer waren, aber auch in der Meisterschaft nicht riesig. Aber man hat immer eine Chance und auch wenn sie gering ist, versucht man natürlich, sie zu nutzen. Wie gesagt, im Pokal war die Chance größer, aber aus verschiedenen Gründen, haben wir diese nicht genutzt. Das war auf der Sollseite, aber ansonsten war es eines der besten Jahre, das ich jemals mit meinen verschiedenen Teams hatte. Sehr vieles hat sehr gut funktioniert und wir konnten viele der Ziele erreichen, die wir uns zum Saisonbeginn gestellt hatten:

  • guten, attraktiven Basketball zu spielen,

  • bis zum Ende in jedem Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein und wir standen in allen Wettbewerben im letzten Spiel der Saison,
  • Spieler zu entwickeln, besonders junge Spieler wie zum Beispiel Franz Wagner oder Jonas Mattisseck oder die nächsten Generationen in den Jugendmannschaften.

Wir waren in der Lage, auf schwierige Situationen zu reagieren, das war eine Leistung, die man nicht unterschätzen darf. Dennis Clifford hat uns zum Anfang der Saison ein paar Monate gefehlt, dann hatten wir Clint Chapman, danach Landry Nnoko. Dann fehlte Peyton Siva eine Weile, als der zurück war ist Stefan Peno ausgefallen, ebenfalls hat Martin Hermannsson einige Spiele gefehlt. Später kam noch Derrick Walton dazu. Das ist nicht einfach, in Bezug auf die Teamchemie, aber auch auf eingespielte Mechanismen und das Momentum. Das sind immer schwierige Punkte innerhalb einer Saison, wenn Spieler ausfallen oder gar ersetzt werden müssen. So ein Team ist ein sensibles Gebilde und solche Veränderungen bewirken eine Menge. Wir haben diese Situationen sehr gut und vor allem erfolgreich gemeistert. Auch das ist ein positives Resümee der vergangenen Saison.

Trotz allem haben die Medien, Teile der Medien, in ihrem Fazit vor allem herausgestrichen, dass sich Alba zum „ewigen Zweiten“ entwickelt hätte, in den letzten beiden Jahren fünf von fünf Finalspielen verloren hat – trotz aller Erfolge! Denkst du, dass der Verein da ein wenig unfair behandelt wurde?

Nein, eigentlich nicht. Ich verstehe, wenn sich Medien oder besser gesagt generell Menschen darauf konzentrieren, wie viele Titel gewonnen wurden. Das ist etwas Zählbares und danach wird ein stückweit bewertet, Titel sind es, die im Gedächtnis bleiben. Unsere Sicht ist jedoch eine andere. Wir messen Erfolg nicht nur an der Anzahl an Titeln. Erfolg bedeutet für uns, wie wir uns auf dem Weg bewegen, den wir uns selbst vorgenommen haben. Das ist mehr als Titel zu gewinnen. Vielleicht hätten wir etwas bessere Chancen auf einen Titel, wenn wir unser Konzept im Nachwuchsbereich nicht so stark verfolgen würden, aber dieser kurzfristige Erfolg ist es nicht, wofür Alba Berlin steht. Andere Vereine entwickeln zum Teil auch Nachwuchsspieler, aber diese bekommen wenig Chancen, sich im Wettbewerb zu beweisen. Bei uns gibt es Beides, Ausbildung und Spielzeit auf höchstem Niveau. Das ist in der BBL einzigartig und darauf bin ich auch sehr stolz. Wir arbeiten nach einem nachhaltigen, langfristigen Konzept. Natürlich wollen wir auch Titel gewinnen, würden dafür aber nicht unser Konzept infrage stellen.

Im Rückblick überwiegt das Positive deutlich?

Ja, absolut! Kein Team der Welt kann jedes Jahr Titel gewinnen. Nicht einmal Fenerbahce Istanbul, nicht einmal CSKA Moskau, auch nicht Real Madrid. Die sind zwar immer vorne dabei und haben ganz andere Voraussetzungen, aber selbst viel Geld hilft nicht, um jedes Jahr den Titel zu holen. Wir gehören nicht zu diesen reichen Clubs und konnten trotzdem in den letzten zwei Jahren oben mitspielen. Wir hätten auch einen Titel gewinnen können, hatten unsere Chancen, und es hat nicht viel gefehlt.

Du sagst, es hat nicht viel gefehlt, kleine Dinge. Was genau sind diese Dinge, an denen es vielleicht ganz spezifisch gefehlt hat. Vielleicht Größe, Defense, was auch immer … Kannst du es an konkreten Punkten festmachen?

Ja, wenn man sich den Kader von Valencia anschaut, besonders die Tiefe und die große Rotation, dann sieht man dort einen deutlichen Unterschied zu Alba. Oder wenn man sich die Finalspiele gegen München ansieht, waren unsere erfahrenen Spieler durchaus ebenbürtig, aber ihre jungen Backups einfach noch nicht auf dem Niveau wie die gestandenen Stars von der Bank der Bayern. Ein höheres Budget erlaubt es einem, bessere Spieler in größerer Anzahl zu verpflichten und das gibt einem mehr Möglichkeiten. Das Gute am Sport ist, dass es nur Wahrscheinlichkeiten sind, keine Garantien. Wir bauen hier eine komplette Infrastruktur auf, d.h. wir investieren viel in Profispieler, das ist gut, wir investieren viel in unser Nachwuchsprogramm, das ist auch gut und wir investieren viel in den Breitensport, darin, uns in der Stadt sozial zu verwurzeln, das ist ebenfalls gut. Das ist unsere DNA. Wir sind sehr breit aufgestellt, auch finanziell. Beim Pokal hatten wir auch einfach ein wenig Pech, ungünstige Umstände. Luke Sikma war gesundheitlich stark angeschlagen, Stefan Peno war kurz vorher ausgefallen, Peyton Siva war gerade erst von einer Verletzung zurückgekehrt, Derrick Walton hat sein erstes ALBA-Spiel gemacht und dazu kam auch Pech bei der Auslosung mit einem Auswärtsspiel. Aber wir arbeiten an den kleinen Dingen, die noch fehlen. Wenn ich die vorletzte Saison, wo wir auch in zwei Finals waren, mit der letzten Saison vergleiche, sehe ich Verbesserungen. Diese Verbesserungen haben es uns ermöglicht, ein drittes Finale zu erreichen, was noch bedeutend schwieriger war, nämlich das Finale im Eurocup. Es gab klare Verbesserungen, aber diese waren noch nicht groß genug, um so ein Finale zu gewinnen. Wir haben diese Dinge analysiert, die noch gefehlt haben und versucht, bei der Zusammenstellung des neuen Teams darauf zu reagieren. Jedoch alles, ohne von unserem Weg und unserer Vision abzuweichen.

Im nächsten Teil befassen wir uns dann konkret mit dem neuen Kader und den entsprechenden Änderungen für die neue Saison … stay tuned.

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