Das große alba-inside Sommerinterview mit Himar Ojeda, Teil VI

ALBA Berlins Sportdirektor Himar Ojeda

Es ist zu einer schönen Tradition geworden, dass wir uns im Sommer mit Alba Berlins Sportdirektor Himar Ojeda zu einem ausführlichen Interview treffen. So auch wieder in diesem Jahr. Um ein wenig tiefer in die Basketball-Materie einzutauchen, Dinge zu besprechen, die im Tagesgeschäft zu kurz kommen. Wir sprachen über die Offseason, die kommende Saison, den neuen Kader, die Euroleague, den Nachwuchs und haben ein wenig weiter als über ein Jahr hinaus geschaut.
Erster Teil: Rückblick auf die vergangene Saison, uns im
Zweiter Teil: Herausforderungen der Offseason
Dritter Teil: Zu- und Abgänge im Backcourt
Vierter Teil Zu- und Abgänge auf den großen Positionen,
Fünfter Teil: Vorteile und Herausforderungen der Euroleague.
Im sechsten Teil beginnen wir nun mit dem großen Feld der Nachwuchsarbeit und blicken dabei nicht nur auf ALBA Berlin, sondern auch ganz allgemein auf Entwicklungen im Nachwuchsbereich der Basketball Bundesliga.

Themenwechsel. Unsere traditionelle Gesprächsrunde ist immer eine gute Möglichkeit, um auch über Albas Talente zusprechen. Die letzte Vertragsunterschrift dieses Sommers kam ausgerechnet von Jonas Mattisseck. War das einfach ein Zufall, weil er einen langen Sommer mit der Teilnahme an der U20-EM hatte oder ist es schon ein Zeichen dafür, dass es immer schwerer wird, Toptalente zu halten? 

Etwas von beidem. Das Gute war, dass Jonas bereits in der Mitte der letzten Saison, als wir über das Thema gesprochen hatten, signalisiert hatte, bei Alba bleiben zu wollen. Aber jetzt befand er sich in einer neuen Situation als Vollzeit-Profi. Das bedeutet für ihn auch, dass es Verhandlungen gibt und einen Markt. Außerdem hatte er im Sommer viel zu tun. Da aber bereits früh klar war, dass beide Seiten einen Verbleib wollen, haben wir uns darauf geeinigt den Vertrag zu klären, wenn es dafür Zeit gibt. Wir sind sehr froh ihn bei uns zu haben. Wir stecken viel Zeit, Geld und Arbeit in unser Jugendprogramm. Wir erhoffen uns deshalb von den Talenten, dass Sie uns etwas zurückgeben, dass sie also auch für uns spielen. Wir entwickeln die Spieler nicht, um sie dann direkt abzugeben. Manchmal ist es so, dass wir für manche Spieler einfach keinen Platz im Kader und in der aktuellen Teamkonstellation haben. Wir möchten aber, dass die Toptalente, die wir gerne behalten möchten, die ersten Profijahre auch bei uns verbringen. Danach ist die Situation dann wie bei fast jedem anderen Profi-Basketballer, die den Markt testen und Ihre Chancen ausloten, wie sie möchten. Bei Niels Giffey ist es z.B. so, dass er schon länger ganz normal auf dem Markt agiert. In die jungen Spieler investieren wir eine Menge, verbunden mit der Hoffnung, dass sie dann auch für uns spielen werden. Wir sind also sehr glücklich darüber, Jonas im Kader zu haben. Genauso froh sind wir, dass uns das auch damals bei Tim [Schneider] gelungen ist. 

Andere Vereine reagieren bei Verletzungen mit kurzfristigen Verpflichtungen und nehmen aus der eigenen Jugend vielleicht nur das eine Supertalent. Das ist aber nicht unser Weg. Manchmal verzichten wir auf eine Neuverpflichtung und lassen dann die Jugend ran, wie z.B. Jonas im Pokal-Viertelfinale gegen Bayern oder in Eurocupspielen.

Wir möchten mit Jonas die nächsten vier Jahre arbeiten, ihn weiterentwickeln und auch ihm helfen, sich zu entwickeln. Meine Wunschvorstellung ist es, dass Jonas uns in ein, zwei oder drei Jahren dabei hilft unsere Ziele zu erreichen. Wir helfen ihm, er hilft uns! Es ist ein Geben und Nehmen; wenn es das nicht ist, ist es kein fairer Deal für beide Seiten.

Du hast schon wieder unsere nächste Frage vorweggenommen. Vor zwei Jahren hattest du uns über den Vierjahresplan mit Ismet Akpinar erzählt. Eine ähnliche Idee wird es auch sicherlich mit Jonas Mattisseck geben. Was wäre ein best-case Szenario in diesem Fall? 

Das wäre in meinen Augen, wenn er ein Stammspieler auf Euroleague-Niveau wird. Er kriegt aber sogar jetzt schon seine Chance, das zu beweisen, das ist natürlich ein großer Schritt. Er wird Zeit brauchen und wir erwarten jetzt noch nicht, dass er das konstant leisten kann, aber sich auf den Weg dahin macht. Meine Wunschvorstellung ist es, in drei, vier Jahren auf höchstem Niveau wettbewerbsfähig zu sein, was wir in der Bundesliga jetzt schon sind, was aber in der Euroleague deutlich schwerer wird, und dabei einige Spieler als Leistungsträger zu haben, die aus unserem eigenen Programm entstammen. Und Jonas soll ein wichtiger Teil davon sein. Sollte sein Niveau noch höher sein, kann er dann den nächsten Schritt machen, was dann NBA oder Euroleague bei einem Team mit einem sehr hohen Etat wäre. Aber immer langsam und ein Schritt nach dem anderen. Wir wollen mit ihm kontinuierlich in die richtige Richtung arbeiten. Ich bin aber der Überzeugung, dass er es bis zur absoluten Spitze schaffen kann. 

Der Aufwand bei der Jugendarbeit fällt bei vielen BBL-Vereinen sehr unterschiedlich aus. Alba ist da ganz weit vorne, manche investieren nur das Notwendigste, wozu sie aufgrund der BBL-Regularien verpflichtet sind. Die nehmen zum Teil das damit gesparte Geld, um es für Talente auszugeben, die von anderen ausgebildet wurden. Wie kann dieses Problem gelöst werden? Ist die Aufwandsentschädigung aus dem Nachwuchsfond der BBL für die entwickelnden Vereine nicht attraktiv und motivierend genug? 

Jeder Verein muss seine eigene Motivation finden. Ich glaube nicht, dass von oben vorgegebene Vorgaben und Regeln wie in etwa, dass man mindestens zwei Spieler aus seiner eigenen Jugend im Kader haben muss, hilfreich sind. Wenn die Vereine das nur machen, weil sie dazu durch Regeln gezwungen werden, machen sie es ohne Überzeugung. Wenn alle nur in Deutschland spielen würden, wäre es vielleicht noch machbar, aber die Hälfte der Vereine spielt auch international. Vor diesem Hintergrund wäre eine zu starke Reglementierung ein Nachteil. Wir sollten mehr die Motivation fördern, eigene Spieler auszubilden, weil es sich lohnt. Das meinte ich auch damit, mit gutem Beispiel voranzugehen und es scheint so, dass sich inzwischen einige Vereine etwas daran orientieren, was wir vorleben. Es ist toll, dass Vechta nun einen jungen spanischen Spieler [Sergi Garcia, 22, Anm. d. Red.] verpflichtet hat oder dass Philipp Herkenhoff [20, Anm. d. Red.] in der letzten Saison so viel Spielzeit bekommen hat. Oder dass sie auf den noch jüngeren Luc van Slooten [17] setzen. Ob sich dann ein junger Spieler durchsetzt oder nicht ist eine andere Frage. Zunächst muss man ihm aber die Chance geben, sich zu beweisen. Es ist inzwischen ein weltweiter Wettbewerb und Talente müssen sich gegen alle anderen Mitspieler durchsetzen. Nicht sofort am Anfang, aber sie müssen die Möglichkeiten bekommen, es bis zu diesem Punkt zu schaffen. Es freut mich auch, dass Bamberg Aleix Font aus Barcelona und Nelson Weidemann aus München verpflichtet hat und auch Braunschweig auf junge Spieler wie Karim Jallow und Kostja Mushidi setzt. Das freut mich ehrlich! Die Vereine sollten das als Vorteil sehen und einige tun es schon! Wir gehen da gern als Vorbild weiter voran. Die Vereine sollten den Wert für die Fans und für die gesamte eigene Organisation erkennen. Es wird alles am Erfolg gemessen und man braucht einen langen Atem, wenn man mal verliert. Das kann eher passieren, wenn man auf die mittelfristige Entwicklung von Nachwuchsspielern setzt, statt kurzfristig einen amerikanischen Profi zu holen. Auch die Fans sind da oft ambivalent, einerseits wollen sie die jungen Spieler spielen sehen, andererseits werden sie schnell unzufrieden, wenn Spiele verloren werden. Mittel- bis langfristig zahlt es sich aus.

Wir, wir als Basketball Bundesliga, müssen diesen Prozess ein wenig schützen, den Vereinen helfen diesen Raum für die Entwicklung der Talente zu lassen. Die Trainer müssen ebenfalls mutig sein, aber ihnen muss auch von ihren Vereinen der Rücken gestärkt werden. Mit dem Gedanken, gefeuert zu werden, wenn man junge Spieler einsetzt und verliert, wird sich jeder Trainer schwer damit tun, sich in dieser Richtung zu engagieren. Man muss die richtige Balance aus Erfolg und Förderung finden. 

Die Ausbildungsentschädigung finde ich übrigens fair, in dieser Hinsicht ist die BBL schon weiter als die ACB. Natürlich könnte die Entschädigung aber noch höher sein. Im Fußball ist die Situation noch besser, nicht nur wegen der Höhe der Zahlung, sondern weil der ausbildende Verein bei jedem späteren Weiterverkauf partizipiert. Wenn ein Spieler von einem kleinen Verein zu Hertha wechselt, von dort irgendwann nach Liverpool und Liverpool ihn nach Barcelona verkauft, bekommt der Ausbildungsverein jedes Mal eine Ausbildungsentschädigung. Da kann es sich auch finanziell lohnen, in die Spielerentwicklung zu investieren. Es könnte vielleicht dieses Modell wie im Fußball geben, die Ausbildungsentschädigung könnte vielleicht auch noch etwas höher sein, aber grundsätzlich ist es erst mal gut, dass es so ein System in der BBL gibt und, wie gesagt, es ist besser, als in der ACB. Es gibt eine Kompensation, wenn ein Spieler wechselt und sich gut entwickelt und das ist absolut fair. Das ist auch meine Herangehensweise, wenn ich von irgendwo einen Spieler hole. Wenn wir den Spieler dann z.B. in die NBA verkaufen, bin ich gerne bereit, von einem möglichen Gewinn etwas abzugeben.

Im nächsten Teil machen wir noch einmal mit dem Nachwuchsbereich weiter, konzentrieren uns dann aber mehr auf das Für und Wider des Wegs zum Profi über das College bzw. direkt über einen Profiverein … stay tuned!

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