Auftakt einer neuen Ära? – Alba Berlin startet in die neue Saison

Wenn am Donnerstag, 23.09. um 20:30 Uhr der amtierende Meister ALBA Berlin mit der Partie gegen die Telekom Baskets Bonn in die neue Saison zum ersten Mal in der Geschichte der easycredit Basketball Bundesliga mit einer offiziellen Eröffnungspartie startet, liegen ganze 103 Tage zwischen der erfolgreichen Titelverteidigung und dem Neustart. Eine Zeit in der es eigentlich wenige personelle Veränderungen gab, dafür jedoch sehr bedeutsame.

Wenn man es genau nimmt, gab es nur zwei echte Neuzugänge, aber sage und schreibe 13 Spieler haben bereits das gelbe Trikot der Berliner übergestreift. Der Rückkehrer Stefan Peno ist wohlbekannt, ebenso der letztjährige MVP Jaleen Smith, den man über Jahre in der BBL beobachten konnte. Als unbeschriebene Blätter kann man nur die beiden israelischen Zugänge Yovel Zoosman und Tamir Blatt bezeichnen. Da könnte man fast von Langeweile reden, aber weit gefehlt, denn die Abgänge haben es in sich! Alba Berlin musste bzw. wollte massenhaft Erfahrung abgeben. An erster Stelle ist da natürlich die Trainer-Legende Aíto Garcia Reneses zu nennen, dessen jahrzehntelange Erfahrung nun durch den „Rookie“ Israel Gonzalez ersetzt wird. Mit Jayson Granger (176 EL-Spiele), Niels Giffey (76), Simone Fontecchio (46) und Peyton Siva (43) verliert man Spieler mit der Erfahrung aus über 340 Euroleague-Spielen! Ihre Nachfolger sind entweder Rookies (Smith und Blatt) oder haben wenig Erfahrung auf diesem Level in kleineren Rollen (Zoosman 79, Peno 10). Aber das ist nun mal das Los eines nach Euroleague-Maßstäben finanzschwachen Teams wie Alba Berlin, man muss Spieler mit upside finden, die ihren sportlichen und auch finanziellen peak noch nicht erreicht haben. Diese Verpflichtungen von halbwegs Namenlosen führt regelmäßig dazu, daß eigene und fremde Fans das Team ein stückweit abwerten. Allerdings ist dieses Modell in den letzten beiden Jahren mit 3 von 4 möglichen Titeln gut aufgegangen. Vor Jahresfrist wurden die damaligen Zugänge keineswegs besser bewertet, als die aktuellen. Simone Fontecchio kam vom italienischen Tabellen-12. mit – wenn man es freundlich ausdrücken will – „überschaubaren“ stats und nur sehr wenige trauten ihm zu, in die großen Fußstapfen von Rokas Giedraitis treten zu können. Bei Jayson Granger schlugen sich nicht wenige mit der Hand an die Stirn, wie „blöd“ man denn sein könne, so einen alten, vermeintlichen Basketball-Invaliden zu verpflichten, der über ein Jahr kein Basketball mehr gespielt hatte. Und auch Ben Lammers hatte beim spanischen Kellerkind Bilbao – mal abgesehen von den Blocks – eine eher unauffällige Saison hinter sich. An Christ Koumadje war zum Saisonbeginn noch gar nicht zu denken. 

Das Risiko hat sich voll ausgezahlt, am Ende reckte Albas Kapitän Niels Giffey die Meistertrophäe in der Münchner Sedlmayr-Halle in die Höhe. Dieses Risiko muss auch bei der aktuellen Auflage wieder aufgehen. Bei allen Neuzugängen kann man wieder ganz sachlich Schwächen finden. Jaleen Smith und Tamir Blatt fehlt jegliche Erfahrung auf europäischem Top-Niveau. Yovel Zoosman, der im Nachwuchsbereich einer der talentiertesten Spieler seines Jahrgangs war, hat im Männerbereich noch nicht den Durchbruch geschafft, wobei man präziser sagen muss, dass er das offensiv noch nicht geschafft hat, defensiv gehörte er auch bei Maccabi Tel Aviv schon zu den Besten. Und Stefan Peno hat nach seiner schweren Verletzung das eine Jahr Ausleihe bei Rasta Vechta nicht wie erhofft nutzen können, um wieder auf das Niveau von vor der Verletzung zu kommen. Das sind Fakten, das sind Nachteile, aber es sind Punkte, an denen über die Saison positiv gearbeitet werden kann und es ist wie bei den Vorgängern nicht unwahrscheinlich, dass alle im Vergleich zum Saisonbeginn am Ende deutlich im Plus sein werden.

Start unter erschwerten Bedingungen

Die Vorbereitung verlief für die Berliner alles andere als optimal. Mit Christ Koumadje, Johannes Thiemann, Ben Lammers und Kreso Nikic fiel die gesamte Centerriege fast die komplette Vorbereitung über verletzungsbedingt aus. Somit können die Vorbereitungsspiele leider wenig Aufschluss bieten, was man von Alba Berlin, Edition 2021-22 wirklich erwarten kann, da de facto immer mit Behelfs-Rotationen agiert werden musste. Selbst ein wirklich großer 16er Kader hilft nicht viel, wenn ausgerechnet alle Ausfälle die gleiche Position betreffen. Positiv ist jedoch, dass sich das Team nun lange genug an „small ball“ gewöhnen und nach Lösungen dafür suchen konnte. Selbst wenn Ben Lammers zum Saisonauftakt für ein paar Minuten wieder mitwirken kann, so wird es auch gegen die Bonner wieder auf eine körperlich kleine Rotation hinaus laufen.

Komplettumbruch am Rhein

Gegenüber den Rheinländern nehmen sich die wenigen personellen Veränderungen in Berlin regelrecht bescheiden aus. Lediglich Center Leon Kratzer ist als einziger Spieler der letzten Saison noch an Bord. Zwei ausgesprochen „durchwachsene“ Jahre veranlassten die Macher am Hardtberg dazu, den Kader komplett umzukrempeln. Dieser beginnt mit der Trainerposition, wo man den Erfolgscoach der Crailheim Merlins, den in Berlin geborenen Tuomas Iisalo, an sich binden konnte. Dieser hatte in den letzten Jahren mit geringem Etat, aber attraktivem und vor allem erfolgreichen Spiel Werbung in eigener Sache gemacht.

Sein neues Team konnte sich der neue Coach (bis auf Kratzer) komplett nach eigenem Gusto zusammen stellen. Dabei setzt er auf einige Spieler, die schon Erfahrung in der BBL haben. Auf die Dienste von Jeremy Morgan hatte er schon in Crailsheim und Finnland vertraut. Aber auch Karsten Tadda, Skyler Bowlin, Tim Hasbargen, Tyson Ward und der derzeit verletzte Michael Kessens wissen bereits, wie in der deutschen Top-Liga „der Hase läuft“. 

Auf einen „echten“ Neuzugang setzt Iisalo auf der so wichtigen Position des Pointguards. Der aus der 2. französischen Liga gekommene, kleine, aber pfeilschnelle Parker Jackson-Cartwright könnte sich als echter „steal“ erweisen. Er ist gleichermaßen in der Lage, seine Mitspieler in Szene zu setzen, aber auch selbst zu punkten. Direkt vom College kommt mit Justin Gorham ein weiterer Zugang. Der Powerforward ist nicht besonders groß, kann sich jedoch mit Kraft und Masse sehr effektiv unterm Korb durchsetzen. Ein sehr gut passendes Gegenstück ist der dritte „echte“ Neuzugang, der Litauer Saulius Kulvietis, den man eher selten im Gewühle am Brett findet, der aber mit seiner großen Treffsicherheit aus der Distanz die Räume schafft, die seine Mitspieler nutzen, um zum Korb zu ziehen. 

Backcourt

Parker Jackson-Cartwright, Skyler Bowlin
Karsten Tadda, Tim Hasbargen
Jeremy Morgan, Tyson Ward

Frontcourt

Justin Gorham, Saulius Kulvietis
Leon Kratzer, (Michael Kessens+)

Ergänzt wird diese 10er-Kernrotation durch den einen oder anderen vielversprechenden Nachwuchsspieler, von denen immer mal wieder einer ein paar Einsatzminuten bekommen könnte.

Fazit

Vor dem ersten Saisonspiel herrscht immer eine relativ große Unsicherheit. Man kann weder den eigenen Leistungsstand richtig einschätzen, schon gar nicht nach so einer turbulenten Vorbereitung, und erst recht nicht den vom Gegner. Ein wenig kommt den Berlinern entgegen, dass auf der Centerposition, wo man aktuell schwach besetzt ist, der Gegner auch nicht gerade aus dem Vollen schöpfen kann. Da hätte man aktuell gegen andere Gegner wohl deutlich größere Probleme. Im Backcourt ist der Alba-Kader tief wie der Marianengraben und der Papierform nach auch dem der Bonner überlegen. Es spricht mehr für einen Sieg des Heimteams, aber grau ist alle Theorie, wichtig ist auf dem Court und gerade die ersten Saisonspiele sind immer mal gut für eine Überraschung!

Lasset die Spiele beginnen!

#mitleibundseele

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