Aufbruch in eine neue Ära?

Foto von lt_parisSommer 2008. Alba Berlin hat es nach mehreren misslungenen Anläufen endlich wieder zurück auf den Thron in der Bundesrepublik geschafft. Doch der gegen Bonn errungene achte nationale Titel soll noch nicht alles sein. Man möchte in eine neue Ära aufbrechen. Mit dem Schwung der Meisterschaft will man den Schritt in die brandneue o2-World wagen und damit die nationale Vorherrschaft zementieren und den Aufstieg in die europäische Spitze starten.

Sommer 2013. Fünf Jahre sind nun nach dem Umzug vergangen. Wie fällt ein Fazit über den Umzug nach fünf Spielzeiten aus?

Blick in die Vergangenheit

Wer weiß, wie die sportliche Entwicklung der Albatrosse ausgegangen wäre, wenn dieser 9. Juni 2009 anders ausgefallen wäre. Bis dato konnte sich die erste Spielzeit in der neuen Arena sehen lassen. National beendete man die Hauptrunde relativ souverän auf dem ersten Platz, leistete sich nur eine einzige, wenn auch recht schmerzhafte, Heimniederlage (gegen Bamberg). Der Pokal wurde (damals noch im richtigen Modus ausgetragen), mit einem zerschmetternden Sieg gegen den Erzrivalen aus Bonn errungen. International erreichte man mit Gänsehaut-Spielen (wie gegen Rom und Istanbul daheim oder Badalona auswärts) das Top 16. Auch die Zuschauerzahlen waren für das erste Jahr mehr als  in Ordnung (national inklusive Playoffs kamen durchschnittlich 10.100 Anhänger). Und selbst als in den Playoffs die Mannschaft anfing zu wanken, drehte man einen 0-2 Serienrückstand im Halbfinale gegen Bonn in ein 2-2. Der Meister und Liga-Krösus schien plötzlich wieder da zu sein. Innerhalb eines kurzen Zeitraums war das alles entscheidende fünfte Spiel ausverkauft (zum dritten Mal überhaupt in dieser Saison). Der erfolgsverwöhnte Berliner Durschnittszuschauer war gekommen, um zu feiern. Bonn sollte, mal wieder, im entscheidenden Moment verlieren und für Alba nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Titelgewinn darstellen.

Was dann an diesem 9. Juni 2009 folgte, versetzte Verein und Fans der Hauptstadt in einen Schockzustand. Sang- und klanglos verlor man das alles entscheidende Spiel. Ausgerechnet gegen den ewigen Vize in Magenta. Statt Triumph, Einzug ins Finale, Titelgewinn für Berlin, der Zementierung der nationalen Dominanz und der Qualifikation für die Euroleague, lächelte abrupt die Sommerpause die Alba-Nation an. Ein Schock, der vielleicht mehr Auswirkungen auf den Verein hatte, als man sich vorstellen könnte.

Veränderte Umstände

Sommer 2013. Vier Jahre sind seit dem Ausscheiden gegen Bonn vergangen. Vieles hat sich geändert. In der Basketball-Bundesliga entstehen neue Hallen, neue Konkurrenten, neue Umstände. Alba ist nicht mehr der alleinige finanzielle Krösus sondern, auch wenn es natürlich keine offiziellen Zahlen gibt, eher eine (Top-)Mannschaft von vielen. Die nationalen Erfolge lesen sich nach dem Halbfinal-Aus 2009 auch bescheiden. In drei Fällen schied man schon im Viertelfinale aus (2010 gegen Frankfurt, 2012 gegen Würzburg, 2013 gegen München), einzig 2011 war man nur wenige Sekunden vom erneuten Titelgewinn entfernt (den zweifelhaften Pokalmodus seit 2010 lassen wir mal bewusst aus). Seit dem Umzug in die o2-World musste man sich mehrmals nicht nur an neue Spieler, sondern vermehrt auch an neue Trainer gewöhnen. In den vergangenen Jahren, hatte man stets das Gefühl der Verein würde nach höherem Streben (Europa) und dabei die alltägliche Arbeit (Bundesliga) ein wenig aus den Augen verlieren. Die Bemühungen, europäisch mitzuhalten, waren zwar für den deutschen Basketball und der Reputation des Vereins höchst wichtig. Doch spätestens nach dem geplatzten Traum der A-Lizenz in diesem Sommer, sollte man zur Erkenntnis gekommen sein, dass der unkomplizierteste Weg in die europäische Spitzenklasse über den nationalen Erfolg führt. Dabei sollten jedoch die Erfolge wie das zweimalige Erreichen der Euroleague Top16 oder dem Einzug in das Eurocup-Finale natürlich nicht geschmälert werden. Doch insgesamt ist die Einsicht gereift, dass endlich wieder auch in der Bundesliga mehr gehen muss. Dies ist nicht nur wichtig, um gegen die nationale Konkurrenz zu bestehen, sondern auch um sich gegen die städtischen „Rivalen“ durchsetzen zu können.

Kampf um die Zuschauergunst in Berlin

Lücken in den Rängen, abgehängter Oberring. Leider keine Seltenheit
Lücken in den Rängen, abgehängter Oberring. Leider keine Seltenheit

„Die Halle macht nur Spaß, wenn sie voll ist. Wir haben ja nicht immer 13.000 Fans und wollen nicht, wie manch’ andere Sportveranstaltung, vor halb leeren Rängen spielen.“

In wessen Richtung dieser Seitenhieb von Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse, ging ist wohl leicht zu erraten. Dass der Handballer kein besonderer Freund von Alba ist, ist ein offenes Geheimnis. Nichtsdestotrotz trifft diese Aussage einen wunden Punkt. Zuschauerrekorde hin oder her. Viele Spiele von Alba finden, in Anbetracht der Größe der o2-World, vor einer übersichtlichen Kulisse statt. Begegnungen vor 6.-bis 9.000 Zuschauer machen in einer so großen Arena, keinen guten Eindruck. Und solche Spiele gibt es durchaus. In einer Stadt, die sich sportlich seit 2008 sehr verändert hat, kann sich das fatal auswirken. Gab es vor wenigen Jahren nur Hertha und Alba als Gesamtberliner Sport-Events, sind mittlerweile Füchse, Union, Eisbären und Recycling Volleys dazugestoßen. Fehlende sportliche Erfolge kann man heutzutage nur schwer verkraften und als besonders stimmungsvoll gelten die Spiele der Albatrosse innerhalb der Stadtgrenzen (anders als z.B. bei den Eisbären) auch nicht. Schließlich ist der gemeingewöhnliche Berliner erfolgs -und eventverwöhnt. So war in diesem Jahr kein einziges Heimspiel ausverkauft (erstmals seit dem Umzug in die o2-World). Dies mag natürlich auch damit zusammenhängen, dass es in der abgelaufenen so viele Spiele gab wie noch nie. Doch dass es nicht gelungen ist, zumindest einmal „Ausverkauft“ zu vermelden, sollte zu Bedenken geben (das Dallas Spiel zählen wir mal nicht als Heimspiel). Alba sieht sich also nicht nur in der Bundesliga mit gewachsener Konkurrenz konfrontiert, sondern wird auch innerhalb der eigenen Stadt zunehmend unter Druck gesetzt.

Durchmischtes Fazit

Alba hat vor fünf Jahren einen großen Schritt gewagt. Der Sprung von der heimischen Max-Schmeling-Halle in neues Terrain war gewagt. Das eigene Wohnzimmer, in dem man (fast) alle Titel gewonnen hatte und in dem man sich so heimisch gefühlt hat, wurde für größere Zwecke ausgetauscht. Ein Fazit nach 5 Jahren fällt gemischt aus. Nicht alles wurde falsch gemacht, jedoch lief/läuft nicht alles richtig. Die Zuschauerzahlen sind zwar europaweit einmalig, hier hat das Management durchaus gute Arbeit geleistet, die Stimmung bei den meisten Spielen ist aber schlecht und 4000 bis 5000 dauerhaft leere Plätze in der o2-World wirken sich auf das Gesamtbild negativer aus, als 2000 bis 3000 leere Plätze in der Schmeling-Halle. Man wird das Gefühl nicht los, dass man in der eigenen Halle nicht heimisch ist. Ganz reibungslos ist das Verhältnis zwischen der Anschutz Entertainment Group und Alba nicht. Man spürt teilweise, dass die Eisbären die Nummer Eins in der o2-World sind.Das liegt nicht nur an dem Aufbau der Halle. Zudem hatten die Eisbären den großen Vorteil, schon weit vor der Eröffnung den eigenen Umzug planen zu können. Die Eisbären machten vor allem im Berliner Umland rechtzeitig auf sich aufmerksam, Anhänger die also nicht direkt aus der Hauptstadt kommen wurden schon frühzeitig an den Verein gebunden. Gemeinsam mit der Stehplatztribüne, der guten Stimmung, dem Image als Ost/Kult und den geschaffenen Mythos, so gut wie immer ausverkauft zu sein, ist es dem Eishockeyclub gelungen einen Selbstläufer zu schaffen. Vielleicht hat Alba auch die erste Saison nach dem Umzug einiges gekostet. Die drei ausverkauften Spiele waren keine Werbung für den Verein (Das erste Spiel gegen Quakenbrück wurde zwar gewonnen, jedoch war die Partie geprägt von unzähligen Fouls und wenig Spielfluss. Die wichtigen Spiele gegen Ljubljana und Bonn wurden ziemlich klar verloren). Vielleicht war es auch die für Basketball-Laien schwer erträgliche Spielweise von Luka Pavicevic, die einige Zuschauer nicht zusagte. In jedem Fall fehlte in der ersten Saison der große positive Knall zum Auftakt (die Eisbären gewannen das erste Heimspiel mit 11 zu 0) und der erfolgreiche Ausklang mit dem Gewinn der Meisterschaft.

Doch auch zwischen Fans und Verein hat sich bei Alba einiges verändert. Der Ruf nach den familiären Verbindungen der Vergangenheit mögen teilweise übertrieben sein, aber der angedrohte „Boykott“ seitens einiger Fans zu den Playoffs zeigt, dass auch hier anscheinend Einiges im Argen liegt. Es wirkt, als suche der gesamte Verein nach einer neuen Identität. Der erhoffte Sprung in die europäische Spitze ist längst nur ein verblasster Traum, doch das Anspruchsdenken vieler ging viel zu lange noch in diese Richtung. Umso größer ist die Enttäuschung nach jeder durchwachsenen Bundesliga-Saison.

Ich gebe es zu: ich vermisse die Max-Schmeling-Halle tierisch. Das wurde mir bewusst, als ich vor knapp zwei Jahren mal wieder eine Veranstaltung in eben jener Halle besuchte. Die steilen Ränge, die Nähe zum Spielfeld, die Erinnerungen an glorreiche Spiele in der Vergangenheit. Hier war Alba unangefochten die Nummer Eins, die Schmeling-Halle galt als der Basketball-Tempel in Deutschland schlechthin. Nach fünf Jahren o2-World, fühle ich mich in der neuen Arena noch immer nicht heimisch. Ich möchte nicht in die Nostalgie-Schiene treten aber manchmal denke ich mir: Früher war alles besser. Das ist natürlich übertrieben, doch mit Klatschpappen (ja die gab es schon in der MSH, aber nur zu ganz wenigen Spielen!), blinkenden LED-Wänden und einer Multifunktions-Arena, die es in ähnlicher Weise zig Mal auf der ganzen Welt gibt, werde ich einfach nicht warm. Natürlich gab es auch schon in der Schmeling-Halle schlecht besuchte Spiele und in der Endzeit durchwachsene Saisons, mit teilweise mäßiger Stimmung. Doch gefühlt war und bleibt es die wahre Heimat der Albatrosse.

Doch den Kopf deswegen in den Sand stecken? Das kommt nicht in Frage! Es liegt an uns Fans die Halle mit Leben zu füllen und für Stimmung zu sorgen. Es reicht nicht ein paar Mal in die Klatschpappe zu hauen (die Teile sollten sowieso verboten werden aber das ist eine Geschichte für sich). Alba kann die Halle nur mit Event-Publikum füllen. Es sollte also zumindest das Ziel sein, dass der Fanblock sich als Ort für die lautesten Fans weiterentwickelt. Denn das ist leider in den letzten Jahren, trotzt der Entstehung der Gruppierung Block212, nur bedingt passiert. Die Fläche des Fanblocks hat sich seit dem Umzug in die neue Arena am Ostbahnhof gefühlt verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht. Die Anzahl an Supporter im Fanblock ist aber nicht wesentlich größer geworden. Erschreckender ist es vor allem, wenn man sieht was für Lücken in der Fankurve klaffen! Das ist für die Stimmung tödlich! Es liegt an jedem Einzelnen sich nicht hinter dem Lärm der Trommeln und Klatschpappen zu verstecken, sondern zu Brüllen, Singen und zu pfeifen. Stimmungsmäßig ist Alba durch den Umzug innerhalb von Berlin weit zurückgefallen. Junge, supportorientierte Fans finden innerhalb der Stadt bessere Alternativen. Es gilt also sich nicht nur auf den sportlichen Erfolg zu warten, denn dann kommen die Zuschauer von selbst, sondern auch die Quantität und Qualität innerhalb der Fanszene zu stärken.

Auf in die nächsten fünf Jahre in der Sauerstoffwelt!

 

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