Auf eigenen Pfaden wandeln

Will Cherry, Alba Berlin, point guard
Will Cherry, Alba Berlin, point guard

Alba wandelt vor dem Heimspiel gegen Bonn am kommenden Samstag (18:30 Uhr) auf historischen Pfaden. Auf historisch fragwürdigen Pfaden. Platz sechs und bereits 10 Niederlagen nach 28 Spieltagen wecken böse Erinnerungen an die Saison 2012/2013, als die Berliner die Hauptrunde auf Platz fünf mit insgesamt 14 Niederlagen abschlossen und anschließend sang- und klanglos im Viertelfinale ausschieden.

Ein ähnliches Szenario wird auch in diesem Jahr befürchtet. Parallelen gibt es hier und da. Genauso wie vor drei Jahren gab es einen fulminanten Start, bevor man in der Tabelle immer weiter abrutschte. Ebenso spielten zahlreiche Verletzungen eine wichtige Rolle, den Pokalsieg holte man dennoch, während in der Liga mehr Krampf als Spielen angesagt war. Spaß machte das alles nicht.

Anders als damals, ist die Teamchemie in dieser Saison allerdings intakt. Doch kann diese Bundesliga-Saison noch irgendwie gerettet werden? Seit dem Auftakt mit acht Siegen in Serie fällt die Bilanz sehr mager aus: 10 Siege, 10 Niederlagen. Alba zehrt vom guten Saisonstart, große spielerische Entwicklungen fallen nicht auf. Kriegt die Mannschaft noch zu den Playoffs die Kurve?

Defense, Defense, Defense!

Sasa Obradovics Teams waren selten für ihre Offensive bekannt. In diesem Jahr wirkt sich das, laut Will Cherry, auch auf die Leistung in der Defensive aus: „Besonders in der Offense haben wir immer wieder Phasen, bei denen wir stagnieren, nicht in Bewegung kommen. Das beeinflusst dann unsere Verteidigung. Das darf eigentlich nicht passieren, eigentlich müsste es anders herum sein“, sagt der Point Guard. „Über die komplette Saison haben wir Spiele, bei denen wir uns zu sehr auf die Offense verlassen und wenn das nicht klappt, sind wir frustriert und machen Fehler bei defensiven Sachen, die wir eigentlich die komplette Woche zuvor trainiert haben.“ Auch Sasa Obradovic bemerkt, dass man in Ulm und über die komplette Saison hinweg Spiele auch trotz schlechter Wurfausbeute hätte gewinnen können: „Der Fokus muss auf der Defense liegen. Defense gewinnt die Spiele, Defense gewinnt die Meisterschaften,  etc. (grinst). Das ist unser Hauptproblem, wir spielen nicht solide Defense auf einem konstanten Niveau.“ Lässt sich das bis zu den Playoffs beheben? Gibt der Kader das auf den großen Positionen überhaupt her. Zumindest Obradovic glaubt hier am ehesten an eine Verbesserung: „Was wir am schnellsten beeinflussen können, ist unsere Defense. Die muss immer solide sein. Das war in den letzten Spielen nicht der Fall.

Marc Liyanage, Jordan Taylor und Brandon Ashley beim Training
Marc Liyanage, Jordan Taylor und Brandon Ashley beim Training

Ein großes Thema bleibt z.B. die Pick and Roll Verteidigung, bei denen sich die eher langsamen Kresimir Loncar und Elmedin Kikanovic öfter mal schwer tun. Für Will Cherry liegen die Probleme aber eher anderswo: „Wir switchen nicht immer nach dem Block, aber so oder so, das wichtigste ist immer Kommunikation. Man muss es Sasa lassen: das hat er vom allerersten Tag an gesagt. Als Guard sieht man in den meisten Fällen die Blöcke hinter einem nicht. Es ist die Aufgabe der großen Spieler zu rufen, wer den Block setzt und wo. Wenn es ein Forward ist, dann switchen wir“, so Cherry „Kommunikation ist alles, wir müssen laut genug schreien. In Ulm war es sehr laut. Für mich war es eigentlich in jeder deutschen Halle sehr laut. Wir müssen mehr reden, das ist der Schlüssel.“ Erstaunlicherweise ist die Auswärtsbilanz von Alba (noch) besser als die Heimbilanz. Darauf angesprochen verschlägt es dem sonst so redseligen Will Cherry die Sprache. „Wow“ murmelt der US-Amerikaner nur.

Fehlentscheidungen in der Offensive

Irgendwie kommt man aber immer auf die Alba-Offensive zu sprechen, besonders dann, wenn Alba, wie zuletzt in Ulm, mit allerlei Fehlwürfen „glänzt“. Die Balance zwischen inside und outside game stimmt oft nicht. Mal wird das Spiel am Brett zu sehr forciert, mal verlasse man sich zu sehr auf Distanzwürfe, so Cherry. „Wir müssen auch besser reagieren, wenn Kikanovic oder Loncar am Brett gedoppelt werden. Statt sofort den Distanzwurf zu nehmen, müssen wir mehr täuschen und zum Korb ziehen, um Fouls zu ziehen. Wir müssen die gegnerische Verteidigung mehr unter Druck setzen und versuchen, an die Freiwurflinie zu kommen, das ist die einfachste Möglichkeit, unsere Offensive ins Laufen zu kriegen“, sagt der 25-Jährige. Oft wird die Einfallslosigkeit im Angriff bemängelt, Obradovic möchte in erster Linie den Ball in Brettnähe bei den großen Spielern haben. „Ich denke bei fast jedem Sieg oder guten Spiel, das wir hatten, haben wir Kikanovic erst einmal am Brett bedient“, so Cherry „Kikanovic ist unsere Hauptoption unterm Korb, Kreso erarbeitet sich auch gute Positionen.“ Andererseits spürt man beim US-Amerikaner auch den Wunsch nach ein bisschen mehr Variabilität: „Jedes gegnerische Team weiß, wo wir den Ball hinhaben wollen“, aber man dürfe einem einem Perimeter-Spieler nicht den Ball aus den Händen nehmen und über groß Spielen, wenn dieser gerade heiß sei. Richtige Entscheidungen zu treffen fällt den diesjährigen Alba-Spielern offensichtlich schwer. Auch wenn der Ball zunächst ans Brett soll, ermuntert Obradovic seine Guards, aggressiv zu bleiben und das eins gegen eins zu suchen. „Man muss wissen wann und wen man attackiert, wann man den Wurf nimmt und wann man es lieber lässt“, sagt Cherry. Entscheidet sich der Spieler falsch, gibt’s dann eine Standpauke vom Coach. Das habe man manchmal im Hinterkopf, berichtet der US-Amerikaner, „aber zu diesem Zeitpunkt der Saison, ist es nun mal so wie es ist. Wir sind erwachsene Menschen, man macht Fehler und lebt damit.

Verblasste Rivalität

Wenn am kommenden Samstag Bonn in Berlin gastiert, wird eine weitere Trainingswoche für Alba vergangen sein. Eine weitere Woche weniger bis zu den Playoffs. Eine weitere Woche, in der Sasa Obradovic nicht alle Spieler gesund zur Verfügung standen. „Dieses Team hatte noch kein einziges gemeinsames Training! Kein einziges! Wer sich mit Sport auskennt, weiß was das bedeutet“, so der Cheftrainer. Immerhin könnte Robert Lowery in den nächsten Wochen ins Mannschaftstraining einsteigen, während sich der langzeitverletzte Niels Giffey und Neuverpflichtung Brandon Ashley weiter akklimatisieren. „Brandon muss sich noch an die Liga gewöhnen, man kann also noch nicht erwarten, dass er konstant Leistung abruft. Das gilt auch für Niels. Es gibt sicherlich Momente, in denen er es eigentlich nicht verdient auf dem Spielfeld zu bleiben, aber für die Zukunft ist es wichtig ihn wieder zu integrieren.“ Als Alba und Bonn im vergangenen November aufeinandertrafen, war es das Duell zwischen Platz eins und zwei. Das weckte Erinnerungen an alte Zeiten, als es sportlich und fantechnisch zwischen beiden Vereinen zur Sache ging. Fünf Monate später ist davon wenig übrig geblieben, Alba kriselt und Bonn dümpelt im Niemandsland der Tabelle herum. Und obwohl Sasa Obradovic von einem „sehr guten Gegner“ spricht, der „ohne Druck aufspielen“ könne und „eines der erfahrensten Teams der Liga“ sei, bleibt der Fokus bei der eigenen Mannschaft. „Die Identität dieses Teams ist ein Stück weit verloren gegangen. All diese kleinen Dinge die uns fehlen, machen es schwer, in kurzer Zeit Erfolg zu haben“, so der Serbe. Ob die Zeit bis zu den Playoffs reicht, die eigene Identität wieder zu finden? Will Cherry, mit seinem von Grund aus positivem kalifornischen Gemüt, glaubt daran: „Wenn wir erst einmal in den Playoffs sind, starten alle wieder bei null. Natürlich ist der Heimvorteil wichtig, besonders in dieser verdammten Liga (lacht). Unabhängig von Sieg oder Niederlage: wenn wir wieder Alba Berlin Basketball spielen, dann wird das schon.“ Alba will die fragwürdigen historischen Pfade noch aus eigener Kraft verlassen …

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