Achterbahn, eine Saisonhälfte wie Herbstwetter (2/2)

Im ersten Teil unseres Rückblicks auf die erste Saisonhälfte von Alba Berlin hatten wir uns mit der Saisonvorbereitung und den Monaten Oktober und November beschäftigt, wahrlich nicht die beste Phase der Berliner. Nun wird es aber freundlicher, versprochen, es geht in den Dezember, der nicht nur ausschließlich Siege, sondern auch die Highlights in Vilnius und zum grande finale gegen Oldenburg brachte. Zudem beleuchten wir die statistischen Werte der ersten Monate in der BBL und im Eurocup …

Dezember … vorwiegend heiter, aber nicht alles eitel Sonnenschein

Bei einem Monat ohne eine einzige Niederlage, kann man wohl ohne jeden Zweifel von einem guten Monat sprechen. Vordergründig, ergebnistechnisch. Wie sehr sich die Trennung von Dominique Johnson Anfang des Monats Dezember auf die Teamchemie und diese dann auf die Leistungen auf dem Feld bei Alba Berlin ausgewirkt hat, kann nur vermutet werden, ist Hypothese. Fakt ist aber nun mal, dass seitdem kein einziges Spiel mehr verloren wurde. Ein Teil der Wahrheit ist aber wohl auch, dass es der Spielplan mit den Berlinern im Dezember nicht allzu schlecht meinte. Auswärts musste man in Würzburg, Tübingen und Braunschweig ran, zu Hause hatte der Terminplaner mit den Eisbären Bremerhaven und Rasta Vechta auch nicht gerade unüberwindlich hohe Hürden vor den Berlinern aufgebaut. Auch wenn sich Alba immer mal wieder schwer tat, diese Hürden zu überwinden, es das eine oder andere Mal auch nicht besonders souverän wirkte, so fanden Sie am Ende eben doch immer einen Weg, um das Parkett als Sieger zu verlassen. Auch wenn die gegnerischen Fans immer mal wieder maulten, dass „Alba sowas von schlagbar gewesen wäre“, geschlagen hat die Berliner am Ende dann doch niemand.

Ein anderer Teil der Wahrheit ist aber auch, dass gerade gegen gute Gegner auch gute Leistungen abgerufen wurden, es gab durchaus auch Fortschritte im Zusammenspiel, aber auch ganz besonders bei der Teamchemie zu sehen.

Ein absoluter Schlüsselmoment für die bisherige Saison war das Spiel in Vilnius bei Lietuvos Rytas. Alba Berlin mit dem Rücken zum Wand, brauchte unbedingt einen Sieg, um aus eigener Kraft die zweite Runde im Eurocup erreichen zu können, gemeinhin als do-or-die-Spiel bezeichnet. Das sollte ausgerechnet bei dem Team gelingen, das zu Hause alle seine Eurocup-Partien gewonnen hatte, auch gegen den großen Favoriten BK Chimki, und in der nationalen Liga – bis heute – nur gegen das Euroleague-Team Zalgiris Kaunas verloren hat? Denkbar schlechte Voraussetzungen, die nicht besser dadurch wurden, dass Neuzugang Carl English (35) noch keinerlei Bindung zum Team und Spiel hatte.  Aber gegen alle Widrigkeiten und mit einer Energieleistung im letzten Viertel (32 Punkte) gelang der nur von wenigen für möglich gehaltene Auswärtssieg. Center Elmedin Kikanovic war in der Offensive nicht zu stoppen, erzielte 29 Punkte und wurde MVP des Eurocup-Spieltags. Kapitän Dragan „Gagi“ Milosavljevic steuerte 19 Punkte mit starker Quote (7/10 Zweier, 1/1 Dreier) bei, Malcolm Millers 15 Punkte (3/5 Dreier) waren wichtig, aber nicht unwesentlich war der Sieg auch Tony Gaffney zu verdanken. Gegen das beste Reboundteam des Eurocups griff er 9 Rebounds mit purem Willen und seine Blocks rüttelten das gesamte Team auf und sorgten für den Boost, der für den knappen, aber verdienten Sieg notwendig war. Sein no look behind the back tip in waren ein skurriles Highlight des Spiels:

Diesen Sieg in einem Entscheidungsspiel mit dem Rücken zur Wand kann wohl als Wendepunkt der Saison angesehen werden. Was er für das Selbstvertrauen des Teams gebracht hat, kann man nur erahnen, Fakt ist jedoch, dass Alba Berlin danach kein Spiel mehr verloren hat.

Apropos schlechte Voraussetzungen. Die gab es auch im letzten Spiel der Hinrunde gegen die EWE Baskets Oldenburg. Kurz vor dem Spiel musste Alba Berlins Offensivoption Nummer Eins, Elmedin Kikanovic, bester Scorer und Rebounder der Hauptstädter, mit einer muskulären Verletzung im Oberschenkel passen. Da sich zudem beim Spiel in Braunschweig auch Back up Center Bogdan Radosavljevic verletzt hatte und Jonathan Malu auch schon länger verletzt ist, gingen den Berlinern die Big Man aus. Es blieb mit Tony Gaffney ein einziger echter Frontcourtspieler übrig, sowie mit Niels Giffey und Malcolm Miller zwei Spieler, die eher auf der kleinen Flügelposition zu Hause sind, nur mal als Power Forward aushelfen können. Dazu mit Tim Schneider (2,02 m, 93 kg) noch ein 19-jähriger, dem auf diesem Niveau aber noch die Spielpraxis und Erfahrung fehlt. Eigentlich hat man mit so wenig Masse unter dem Korb schlechte Chancen, gerade gegen ein Team wie Oldenburg, das mit Brian Qvale (28, 2,10 m, 115 kg) einen der physisch stärksten Spieler der gesamten Liga in den Reihen hat. Mit sehr viel Willen, Einsatz und gegenseitigen Hilfen schaffte es Alba jedoch, das Spiel über drei Viertel ausgeglichen zu gestalten, um sich dann im letzten Spielabschnitt in einen Rausch zu spielen. Aus einer guten Mannschaftsleistung sind noch Niels Giffey, Tony Gaffney, Dragan Milosavljevic, Peyton Siva und Carl English hervorzuheben.  Giffey holte sich gegen deutlich größere und stärkere Gegenspieler einen Rebound nach dem anderen (9 zur Halbzeit, 10 insgesamt) und blockte was das Zeug hielt, Gaffney nutzte die gezwungenermaßen deutlich größere Rolle in perfekter Weise und war von den für ihn zu langsamen Oldenburger Verteidigern nie zu kontrollieren. Am Ende standen 21 Punkte auf seinem persönlichen Punktekonto bei 10/11 Würfen. Bei Milosavljevic nimmt man oft schon gute Leistungen als Normalität hin, aber was der Kapitän immer wieder Spiel für Spiel an Qualitäten als Allrounder einbringt verdienen ein Sonderlob, so wie 15 Punkte bei nur einem Fehlwurf bei 6 Versuchen und 5 erfolgreiche Assists. Peyton Siva hat oft eine durchwachsene erste Halbzeit, aber seit einigen Spielen füllt er in der crunch time die Rolle des Anführers auf dem Feld immer besser aus und hat ein gutes Gespür dafür entwickelt, was das Team gerade von ihm braucht, entweder eigene Punkte oder seine Mitspieler in Szene setzen, ab und an auch mal ein Steal in wichtigen Spielphasen. Carl English gilt als begnadeter Shooter. Im Spiel gegen Oldenburg waren es seine schnellen Dreier kurz hintereinander, die dem Team den nötigen Vorsprung brachte, den es nicht mehr abgeben sollte. Zudem waren sie die Initialzündung für das ganze Team, das sich danach regelrecht in einen Rausch spielte.

Das letzte Spiel des Jahres sorgte für ein absolutes Highlight und einen versöhnlichen Abschluss. Team und Fans, die aus der Historie erfolgsverwöhnt und kritisch sind, rückten näher zusammen. Das Berliner Publikum hat ein ganz gutes Gespür dafür, was wirklich „mit Leib und Seele“ ist (und was nur Marketing). Aktuell ist das Team auf einem Stand, wo es zwar immer noch an Stabilität fehlt – teilweise innerhalb eines Spiels -, aber man mit ein wenig Phantasie auch erkennen kann, dass diese Mannschaft auch eine recht erfolgreiche Rückrunde spielen könnte.

Zahlen, bitte …

Statistiken allein können niemals das Spiel erklären, aber sie können ein paar mehr oder weniger interessante Anhaltspunkte bieten oder die eigene gefühlte Wahrnehmung bestätigen oder widerlegen. Ein paar Zahlen der ersten Saisonhälfte haben wir für euch zusammengestellt:

  • In der Saison 2016/17 hat Alba Berlin bereits 25 Spiele bestritten und davon 16 gewonnen und 9 verloren (BBL: 12/5, EC 4/4)
  • Nur zwei Spieler waren bei diesen 25 Spielen an allen beteiligt: Dragan „Gagi“ Milosavljevic und Niels Giffey
  • Die meisten Minuten hat dabei der Kapitän abgerissen, der es in der BBL auf knapp 30 Minuten pro Spiel bringt. Im Eurocup bringt es jedoch Albas bosnischer Center, Elmedin Kikanovic, mit 29:44 min auf die längsten Einsatzzeiten.
  • Insgesamt hat Alba Berlin im Saisonverlauf bereits 16 Spieler eingesetzt (Eurocup 15), von denen jedoch zwei (Johnson, Carter) das Team bereits wieder verlassen haben.
  • Die meisten Punkte absolut erzielte Alba Berlin beim 124-115 Heimsieg gegen Lietuvos Rytas Vilnius, benötigte dafür aber zwei Verlängerungen. Die meisten Punkte in 40 Minuten wurden ebenfalls gegen die Litauer erzielt, beim 99-97 in Vilnius. Die wenigsten Punkte konnten die Berliner bei der 58-97 Klatsche in München erzielen. Die wenigsten Gegenpunkte gab es am letzten Spieltag bein 81-63 Erfolg gegen die EWE Baskets Oldenburg. Die meisten Gegenpunkte (105) in regulärer Spielzeit hat man  beim Auswärtsspiel in Fuenlabrada kassiert, absolut stellen die 115 vom eingangs genannten Sieg nach Verlängerung gegen Vilnius den Spitzenwert dar.
  • Erfolgreichster Scorer im Team ist Elmedin Kikanovic, der es in der BBL auf 18,1 Punkte bringt, was ligaweit den drittbesten Wert darstellt und der im Eurocup mit 22,3 Punkten sogar noch erfolgreicher ist (Platz 2). Auf den Plätzen folgen in der BBL Milosavljevic, English und Siva, die alle ebenfalls zweistellig scoren, im Eurocup kommen auch Milosavljevic und Siva auf zweistellige Werte.
  • Der Bosnier ist auch der effektivste Spieler von Alba Berlin (17,8 / Platz 6 in der BBL, 21,9 / Platz 2 im Eurocup). Auch in dieser Kategorie folgen jeweils Milosavljevic und Siva in beiden Wettbewerben auf den Plätzen. Bei der Teameffektivität (92) stehen die vier Teams vor den Berlinern, die auch in der Tabelle vor ihnen stehen. Im Eurocup sind sechs andere Teams noch besser.
  • Alba Berlin holt sowohl in der BBL (30,3) als auch im Eurocup (28,8) die wenigsten Rebounds aller Teams. Daran ändert auch nichts, dass in der BBL mit durchschnittlich 32 Rebounds in den letzten fünf Spielen der Trend leicht nach oben ging. Da reichen dann schon bescheidene 4,9 Rebounds im Schnitt für Kikanovic, um auch Albas bester Rebounder zu sein (Platz 32 der BBL). Im Eurocup kommt Gaffney immerhin auf 5,4 Rebounds, was dort aber auch nur gerade so für das Ende der Top20 reicht.
  • Mit 5,8 Assists ist Peyton Siva der beste Assistgeber bei Alba Berlin und der fünft-beste in der BBL. Auch hier folgt Allrounder Milosavljevic teamintern auf Platz 2. Auch im Eurocup belegt Siva den fünften Platz im Wettbewerb, teamintern auch in diesem Cup …. man ahnt es vielleicht schon … Milosavljevic auf Platz 2.
  • Generell erzielt Alba relativ viele Punkte nach einem erfolgreichen Assist. Knapp über 20 Assists bedeuten Platz 3 in der BBL, knapp unter 20 Assists Platz 4 im Eurocup.
  • Auch bei den Steals pro Spiel hat Peyton Siva im Team von Alba Berlin mit 1,8 die Nase vorn. Innerhalb der BBL stellen diese den fünft-besten Wert dar. Relativ überraschend auf Platz 2 beweist Tony Gaffney (1,4 spg), dass auch Big Man schnelle Finger haben können. Im Eurocup bedeuten Sivas 1,4 spg „nur“ Platz 14, auch hier ist Gaffney (1,0 spg) teamintern auf Platz 2.
  • Mit dem Wechsel von Obradovic auf Caki ist das Spiel von Alba Berlin nicht nur offensiv-orientierter geworden, sondern auch mehr auf Würfe aus der Dreierdistanz ausgerichtet. Mit 36,5 % ist Alba Berlin das fünftbeste Team der BBL. Im Eurocup stellen über 41 % sogar den zweitbesten Wert aller Teams dar.
  • Dabei gibt es weniger DEN einen begnadeten Shooter im Team, sondern gleich eine ganze Reihe an Spielern überzeugt mit guten 3er-Quoten: Giffey 45%, English 43%, Vargas 42%, Siva 41% sowie Milosavljevic und Atsür mit je 38% können regelmäßig und hochprozentig aus der Distanz treffen. Im Eurocup erzielte Malcolm Miller mit 71% (5/7) den Top-Wert, gefolgt von Milosavljevic mit 48%, Siva mit 47%, Giffey mit 42% sowie Atsür und Vargas mit jeweils 38%.
  • Auch aus der Nah- und Mitteldistanz gehört Alba Berlin zu den besten Teams, 57% bedeuten Platz 5 in der BBL. Innerhalb des Teams ist Malcolm Miller mit 74% am effektivsten, was Platz 2 in der Liga bedeutet (Voraussetzung: mindestens ein getroffener Zweier pro Spiel). Im Eurocup fällt es den Berlinern als Team schwerer, sich unter den Körben durchzusetzen, knapp 55 % bedeuten nur Platz 11 von 20 Teams. Die 71% von Tony Gaffney sind jedoch ein Spitzenwert. 
  • Leider verliert Alba aber öfter als der Durchschnitt den Ball, sicher auch noch eine Folge der sub-optimalen Saisonvorbereitung und des rumpligen Starts. Nur sieben Teams leisten sich noch mehr Turnover als die Berliner (14,1), die letzten Spiele zeigten jedoch einen leicht verbesserten Trend. Weit vorn in dieser Negativstatistik leider auch Alba Berlins pointguard Peyton Siva (4,1 tov), Nur fünf Spieler verlieren in der BBL noch öfter den Ball. Besser sah es für Alba im Eurocup aus. 14,4 Turnover sind zwar ein noch etwas höherer Wert, aber nur 8 Teams verloren seltener den Ball. Peyton Siva erzielt mit seinen 3,6 Turnovern den zweit-schlechtesten Wert im Eurocup. 

Einige Dinge funktionieren durchaus schon ganz gut bei Alba Berlin bzw. es ist ein positiver Trend zu erkennen. Diesen gilt es im Jahr 2017 beizubehalten. Andere Bereiche bieten noch eine Menge Potenzial für Verbesserungen, das man noch ausschöpfen kann. Wenn das gelingt, kann man optimistisch der zweiten Saisonhälfte entgegen sehen. 

Abschied nehmen vom Jahr und der ersten Saisonhälfte
Abschied nehmen vom Jahr und der ersten Saisonhälfte

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