5 Kilo sind nicht gleich 5 Kilo – Ismet Akpinar im Interview

Ismet Akpinar gilt als eines der großen deutschen Talente auf der Position des Spielmachers. Den ersten großen Umbruch in seiner Karriere erlebte er vor einem Jahr mit dem Wechsel zu Alba Berlin, dem Umzug aus Hamburg nach Berlin, dem Ende der Schulzeit und der damit verbundenen vollen Konzentration auf Basketball. Nun steht bereits der nächste Umbruch für Akpinar an. Mit seinem letzten Jahr in der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga endete für den jungen point guard gewissermaßen der „Welpenschutz“, die Zeiten, in denen er gegen Gleichaltrige glänzen konnte, sind vorbei, nun muss – und will! – er sich gegen erwachsene Profis messen. Chefcoach Sasa Obradovic, meint, daß Ismet Akpinar in seinem Jahr bei Alba und auch im Sommer einen großen Schritt auf dem Weg vom Jungen zum Mann gemacht hat, auch physisch. Mit alba-inside sprach er ein wenig über die Vergangenheit, jedoch hauptsächlich über die Gegenwart und natürlich die Zukunft bei Alba Berlin.

Ismet Akpinar

Hallo Ismet, wir wollen mit dir über deine Entwicklung reden, über deine Vergangenheit und vor allem die Zukunft. Blicken wir zunächst noch einmal kurz zurück. Die letzte Saison war deine erste bei Alba, deine erste Profi-Saison. Du hattest dir sicher Ziele gestellt und Erwartungen gehabt. Inwieweit sind diese aufgegangen? Was hat richtig gut funktioniert, ist etwas sogar besser gelaufen, als du es dir erwartet hattest und gibt es Dinge, die nicht ganz so aufgegangen sind?

IA: Mir war klar, dass das mein erstes Jahr war und meine Prioritäten lagen bei der zweiten Mannschaft, also der Regionalliga und der NBBL, dass ich dort viel Freiheiten und Verantwortung kriegen würde, Möglichkeiten, mich individuell zu verbessern. Bei der ersten Mannschaft habe ich im Training Schritt für Schritt dazu gelernt und mich dadurch enorm verbessert. Es war von Anfang an klar, dass es in dieser Konstellation laufen würde. Ich fand es gut, dass ich sehr viel trainieren konnte, auch mit den Profis und vor allem, dass ich voll ins Profi-Training integriert war, wirklich alles mitgemacht habe, so wie die älteren Spieler. Dadurch habe ich eine Menge gelernt, sei es von Sasa [Obradovic], sei es von meinen Mitspielern. Es war in der letzten Saison so, wie ich es mir vorher erwartet hatte. Ich hatte ja realistische Erwartungen, nicht damit gerechnet, dass ich gleich zehn Minuten pro Spiel bei den Profis spielen würde. Das erste Jahr in Berlin war super, wir haben den Pokalsieg geholt, standen in den Playoffs im Finale! Hinzu kommt ja noch, dass ich mit dem NBBL-Team die Meisterschaft gewonnen habe. So kann es im zweiten Jahr weiter gehen!

Persönliche Titel wollen wir nicht unter den Tisch fallen lassen …

ja, MVP der NBBL-Saison, MVP der NBBL finals, besser hätte es im Nachwuchs-Bereich nicht laufen können.

Die Zeit im Nachwuchs ist nun vorbei. Im letzten Jahr gab es ja noch so etwas wie „Welpenschutz“ durch die parallelen Einsätze im Nachwuchsbereich, nun nur noch bei den „Erwachsenen“. Was gilt es für dich nun zu tun, um komplett im Profibereich anzukommen, um dich dort durchsetzen zu können?

Ich spiele ja auf der Aufbauposition. Das ist meiner Meinung nach die Position, die am meisten im Fokus steht. Sobald ein Fehler passiert, wird immer gleich auf den Aufbauspieler geguckt. Ich muss es schaffen, mein Team zu führen, auch wenn ich der Jüngste auf dem Feld bin. Ich muss es schaffen, Systeme auf dem Feld zu organisieren und zu initiieren, muss mismatches auf dem Feld schnell erkennen und versuchen, diese auszunutzen. In der Bundesliga und der Euroleague wird auf einem sehr, sehr hohem Tempo gespielt. An dieses hohe Tempo muss ich mich gewöhnen und auf diesem hohen Tempo Entscheidungen treffen, richtige Entscheidungen treffen. Verteidigen ist natürlich auch immer ein Thema, gerade bei Sasa Obradovic hat die Defense eine sehr hohe Priorität. Aber ich denke, in diesem Bereich habe ich mich ganz gut entwickelt, habe im Sommer auch ein paar Kilo zugelegt. An Dingen wie Wurf, Penetration, allen individuellen Sachen usw. muss man eh immer arbeiten, ganz egal, wie alt man ist, seine ganze Karriere lang. Das Wichtigste als point guard ist aber die Führung des Teams, das muss ich schaffen.

Vielleicht gleich mal die Möglichkeit, Klarheit in eine Diskussion zu bringen, die es im Sommer gab. Es hiess, du hättest über den Sommer 5 kg Muskelmasse zugenommen. Was ist da dran? Betrifft es einen anderen Zeitraum? Oder waren es etwas weniger Kilo?

Es war nach der EM, da habe ich mich gewogen. Es war auch ein sehr, sehr intensiver Sommer, in dem ich auch Gewicht verloren hatte. Normalerweise wog ich immer so um die 80 Kilo, nach der Europameisterschaft hatte ich dann noch 78 Kilo und habe dann mit intensivem Krafttraining begonnen, um mich auf die bevorstehende Saison vorzubereiten. Ja, und am Ende waren es dann deutlich über vier Kilogramm mehr, fast fünf Kilo. Jetzt wiege ich so um die 83 Kilogramm. Aber es war jetzt nicht so, dass ich vom „Dünnstock“ zum Anabolika-Tier oder Michelin-Männchen geworden bin. Verglichen zu meinem Normalgewicht, waren es ja letztlich auch „nur“ drei Kilo, erst zwei runter, dann fünf wieder rauf.

Bei den Spielen, die wir in Zgorzelec gesehen, hast du viele mutige Entscheidungen getroffen, auch für dich selbst kreiert, gut verteidigte Sprungwürfe genommen. Wie sieht Sasa das, ermutigt er dich dazu, so zu spielen, auf dem Feld selbst Entscheidungen zu treffen? Schließlich bist du ja – mal von Moritz [Wagner] abgesehen der jüngste Spieler im Team. Wie sieht das Obradovic?

Sasa steht da sehr offen dazu. Er sagt auch immer wieder, ich solle nicht passiv auf dem Feld sein, absolut nicht. Ich soll stets Aggressivität ausstrahlen. Zwar nicht jedes Mal, wenn ich die Möglichkeit habe, von Korb zu Korb gehen, das würde ich auch nicht machen, aber wenn da ein Verteidiger ist der sich denkt, da ist jetzt ein 19Jähriger, den kann ich mal so richtig unter Druck setzen, dann schlag ich den mal (im Eins gegen Eins), sodaß der mich respektieren muss. Und Sasa findet das super und sagt auch immer wieder ‚Wenn er dich nicht ehrlich verteidigt und zu viel Druck macht, dann schlag ihn mal‘. Natürlich muss sich daran dann eine gute Aktion anschließen, entweder ein guter Wurf oder ein guter Pass. Zum Thema „offene Würfe“ sagt er auch immer wieder ‚Ismet, wenn du frei bist, dann wirf drauf, ansonsten spielen wir offensiv vier gegen fünf. Wenn du einfach nur so da bist, ein bisschen den Ball herum passt, nur so ein bisschen mitspielen willst, dann nimmt dich die Defense nicht ernst‘. Ich soll agressiv sein, Aggressivität ausstrahlen. Dem steht Sasa sehr positiv gegenüber, er fordert es direkt von mir, auch offensiv, sagt ‚Mach, wenn du denkst, dass du was machen kannst‘.

Du spielst und trainierst zwar in zwei Mannschaften parallel, aber ein bisschen Freizeit wirst du ja trotzdem noch haben. Was interessiert dich so jenseits vom Basketball?

Mir sind meine Freunde sehr wichtig, wenn ich mal Freizeit habe, dann unternehme ich etwas mit denen. Entweder wir treffen uns bei mir oder draussen, gehen was essen, hängen rum. Viel Freizeit habe ich allerdings nicht. Mitten in der Saison bleibe ich dann lieber mal einen Abend zu Hause und meine Freunde kommen kurz bei mir vorbei. Wir „zocken“ auch öfter mal, spielen „NBA“ oder „FIFA“ auf der Playstation oder irgend einen shooter. In der Saison, mit den vielen Auswärtsfahrten in der Bundesliga und der Euroleague versuche ich trotzdem Kontakt mit meinen Freunden und meiner Familie zu halten, aber da bleibt wenig Zeit, um etwas gemeinsam zu unternehmen.

Hast du dich schon mal an Reggie [Redding] heran getraut?

Reggie ist richtig gut bei „NBA2k“, aber ich bin der FIFA-King bei uns im Team. Die Amis sind ja nicht so sehr vom Fussball begeistert, ausser David Logan, der hat auch viel FIFA gespielt. Ich spiele öfter mal gegen Alex [King] oder Jonas [Wolfarth-Bottermann], Akeem [Vargas] ist auch ab und an dabei.

Es gibt ja auch einige Fussballfans im Team. Bist du auch Fan eines bestimmten Teams? HSV vielleicht?

Nein, nicht HSV, St. Pauli! Das ist fast bei mir um die Ecke, da stamme ich ja her. Aber ich bin nicht so extrem Fussball-begeistert, wie andere im Team, freue mich aber, wenn ich höre, dass St. Pauli gewonnen hat. Oder auch Hertha. Auf der Playstation spiele ich es trotzdem sehr gerne.

Du hast ja einen türkischen backround, hast türkische Wurzeln. Was bedeutet dir Glaube und Islam?

Ja, ich bin Moslem. Von Geburt an. Ich bete zwar nicht fünf mal am Tag, wie es der perfekte Moslem tun sollte, aber trotzdem halte ich die Grundregeln ein, esse z.B. kein Schweinefleisch, trinke keinen Alkohol usw. Ich kenne meine Herkunft, meine Wurzeln, habe auch regelmäßig Kontakt zu meinen türkischen Verwandten. Ich würde mich als modernen Moslem im 21. Jahrhundert bezeichnen. Ich hatte auch mal überlegt, die Regeln noch strenger einzuhalten, fünf mal am Tag zu beten usw., aber es gibt echt viele Regeln, die im Alltag nur schwer einzuhalten sind, gerade als Sportler, wenn man keinen so geregelten Tagesablauf hat und oft auf Reisen ist. Ich fühle mich jetzt noch nicht so weit, nach den strengen Regeln zu leben, vielleicht kommt das später noch, mit dem Alter. Bei Christen in meinem Alter ist es bei vielen ja auch nicht anders, viele leben auch nicht streng nach der christlichen Lehre bzw. legen diese sehr weit aus.

Im Training spielst du viel gegen Cliff Hammonds. Was bringt der dir so bei?

Härte auf jeden Fall! Cliff nutzt es aus, dass es im Training keine Fouls gibt. Er spielt jedes Training sehr intensiv, so intensiv, wie jedes Spiel. Davor habe ich extemen Respekt. Er sagt nie ‚Heute bin ich müde, wir haben gestern erst gespielt, heute schone ich mich mal‘. Nein, nein, der geht richtig zur Sache. Das pusht mich. Dadurch fallen mir auch im Spiel manche Dinge leichter, weil ich noch keinen Gegenspieler hatte, der mich so intensiv verteidigt hat, wie Cliff. Gegen Cliff im Training zu spielen, ist das Beste, was einem jungen Aufbauspieler passieren kann. Wenn du es schaffst, dich gegen ihn durchzusetzen, wirst du es gegen andere leichter haben.

dazu kommt mit Sasa Obradovic ein Coach, der als aktiver Spieler einer der besten Aufbauspieler der Welt war und dir sicher auch noch einige Dinge beibringen kann …

ja, genau. Jeden Tag, wenn ich denke, okay, er war jetzt ein Jahr mein Coach und hat mir schon jede Menge beigebracht, er hat mir schon alles gegeben, was er in seinem Schatzkästchen hat, alles an Informationen gegeben, jeden Tag kommt er noch mit neuen Details und Tricks und Kleinigkeiten, die ich noch nicht beachtet hatte. Mit ihm fallen mir viele Sachen leichter. Es ist auf jeden Fall eine super Kombination mit einem Coach, der mal einer der besten Aufbauspieler gewesen ist und einem der aktuell besten Verteidiger Europas. Das ist die perfekte Trainingssituation für mich.

Kanntest du diese Detailverliebtheit vor deiner Zeit in Berlin noch nicht so? Hast du dir das hier erst angenommen?

Ganz ehrlich, das war auch noch gar nicht nötig in der ProB oder in der NBBL, da haben die Dinge auch einfach so funktioniert. Aber jetzt, z.B. wenn ich auf die 45 Grad Position will, dann kann ich da nicht einfach so hindribbeln. Man muss erst in die Mitte und von dort auf die 45 Grad Position. Oder wenn man einen Pass dort hinspielen will, muss man erst in die andere Richtung gucken und dann dort hinpassen. Das kannte ich vor meiner Zeit bei Alba noch nicht so, das ist eben ein anderes Niveau in der ProB, wo ich vor Alba gespielt habe. Das lerne ich seit dem einen Jahr bei Alba Tag für Tag dazu. Früher haben einfach oft auch individuelle Fähigkeiten gereicht. Da gab es auch keine Verteidiger auf diesem Niveau, die meinen Pass so antizipiert haben.

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Beim Regionalliga-Team hast du ja eine ganz andere Rolle, da sollst und musst du viel auch für dich selbst kreieren und bist oft auch die erste scoring Option. Bei den Profis ist deine Rolle ja eine ganz andere. Wie leicht oder schwer fällt dir dieser Spagat, das ständige switchen auch bezüglich der Anforderungen zwischen Profi-Team und Regio-Team?

Besonders schwer fällt es mir nicht. Mir ist klar, dass ich in der Regio oder auch beim NBBL-Team ein Führungsspieler war. Da musste ich vorangehen, produzieren, durch scoring oder auch andere Sachen. In der BBL ist meine Rolle natürlich eine andere, da werde ich nicht derjenige sein, der 20 Punkte erzielt. Das wusste ich aber von vornherein. Deshalb fiel es mir auch nicht so schwer, mich darauf einzustellen. Ich weiß, was ich machen muss, ich weiß was ich machen kann, bei dem einen Team wie bei dem anderen.

Versuchst du Spielsysteme vom Profiteam zum Regio-Team mitzunehmen und dort zu implementieren?

Das ist zwischen den Coaches gut abgesprochen und abgestimmt. Wir haben einige Systeme von den Profis auch bei den Amateuren mit einbezogen. Ich habe auch mit Konstantin Lwowsky [Trainer beim NBBL- und Regionalliga-Team] gesprochen, ob wir ein spezielles System, was ich seit Jahren in der Nationalmannschaft und in Hamburg sehr gerne gespielt habe, auch beim Regio-Team einführen könnten. Wir haben das dann im Training probiert und das hat gut geklappt. Die Coaches der verschiedenen Teams sind schon in regem Kontakt und die Systeme bauen auch aufeinander auf. Die Teams spielen zwar nicht absolut das selbe, was auch nicht geht, da man auch die unterschiedlichen Fähigkeiten berücksichtigen muss, aber ein paar Systeme findet man bei beiden Teams wieder.

In Hamburg ist ja gerade mit den Towers ein neues Team entstanden, da gab es ja wegen einer wild card ein wenig Wirbel drum. Du hast ja bei den Piraten gespielt, hast du noch Kontakt zu Leuten, die damals bei den Piraten waren und jetzt bei den Hamburg Towers mit drin stecken?

Ja, natürlich, das ist mir auch sehr wichtig. Ich habe ja neun Jahre in Hamburg gespielt, die haben mich geprägt und zu einem großen Teil zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Okay, ich habe jetzt in Berlin eine Menge dazu gelernt, aber das Grundgerüst habe ich in Hamburg vermittelt bekommen. Die Leute dort sind mir auch sehr wichtig. Sei es Marvin Willoughby, der Coach, oder Mitspieler aus der Zeit in Hamburg. Ich bin immer noch in Kontakt mit den Leuten, wir telefonieren immer mal wieder miteinander. Ich habe die natürlich nicht vergessen, nur weil ich nun Alba-Programm bin. Es interessiert mich, wie es meinen alten Mitspielern so geht.

Freust du dich schon, in den nächsten Jahren eventuell mal gegen Hamburg zu spielen?

Ja, auf jeden Fall. Wenn es passiert, wenn sie es schaffen, sportlich oder durch andere Möglichkeiten aufzusteigen, wäre es schon schön, gegen seine alte Heimat zu spielen und denen zu zeigen, wie man sich entwickelt hat, was man jetzt so alles kann. Ja, wäre schön, wenn es dazu kommen würde.

Vielen Dank für das Gespräch, Ismet!

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